Wie nah sind wir dem totalen Frieden?

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Komplementär dazu, dass Naturwissenschaft klugerweise „methodisch atheistisch“, von der Zielsetzung her jedoch weder theistisch noch atheistisch ist, ist der Islam methodisch weder pazifistisch noch militaristisch (bzw. ist er sowohl das eine als auch im Extremfall das andere), von der Zielsetzung her jedoch eindeutig und ausschließlich pazifistisch. (Wenn jemand eine Idee hat, die „-ismus“-Endung hier elegant rauszuknipsen, möge ihm für die Mitteilung dieser Idee gedankt sein.)

Das geht so weit, dass Gott {erh.} Sich „den heilvollen Frieden“ (arab. as-salâm) im Ehrwürdigen Koran selbst als Namen gegeben hat, nicht aber „den Krieg“. An Hunderten weiterer Belege im Sendschreiben Gottes und in den Aussprüchen und dem Usus Seines Gesandten (s) wird klar: Eine (wohl eher die) Zielsetzung der Religion Gottes ist die Verwirklichung des totalen Friedens zwischen Schöpfer und Schöpfung, sowie zwischen den Geschöpfen untereinander.

Es ist in etwa so wie in der Medizin: Methodisch ist sie sowohl heilend (Pharmazeutik) als auch im Extremfall verletzend (Chirurgie), von der Zielsetzung her aber eindeutig und ausschließlich auf die Heilung und das Heil ausgelegt.

Darum sollten uns friedvoll Ergebenen (arab. muslimîn) die provokanten Ergebnisse der Untersuchungen von Prof. Steven Pinker (Amnesty-Bericht), nämlich dass an prozentualen Zahlen gemessen die Welt insgesamt friedlicher und gewaltloser geworden sei als früher, aufhorchen lassen. Seine Interpretation der Ergebnisse hinsichtlich der Erklärung für das Phänomen halte ich derweil zwar nicht für völlig abwegig, aber doch nicht wirklich ausreichend:

So haben zum Beispiel demokratische Regierungen dafür gesorgt, dass sich Menschen nicht mehr wahllos die Köpfe einschlagen. Der Aufstieg des Handels führte dazu, dass Menschen lebendig mehr wert waren als tot, denn mit Leichen macht man keine guten Geschäfte. Sobald Menschen anfangen zu handeln, ist es plötzlich billiger, Dinge zu kaufen als zu stehlen. Auch die Alphabetisierung hat beim Rückgang der Gewalt eine Rolle gespielt. Wenn wir Romane und Zeitungen lesen, lernen wir, uns in andere Menschen hineinzuversetzen und für fremdes Leid empfänglich zu werden. Und der Aufschwung von Bildung und Wissenschaft führte wiederum dazu, dass wir Gewalt – so wie Hunger oder Krankheit – als ein Problem begreifen konnten, das wir lösen wollen.

Mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar der Hauptgrund, dürfte die Tatsache sein, dass das Abschreckungspotential der modernen Rüstung viel höher ist als jemals zuvor (wobei diese Abschreckung vor dem Ausbrechen von Bürgerkriegen offenbar zu fehlen scheint, wohl da das einfache Volk die u.a. langfristigen Folgen des Einsatzes moderner Waffen unterschätzt). Dies erinnert mich an die Aussage des Ewigen {erh.} in Seinem Sendschreiben, derzufolge die Erde verdorben wäre, wäre es nicht so, dass Er die einen Menschen durch die anderen abhielte.

Unter Anderem gerade deswegen darf man meines Erachtens mehrere Dinge trotz der an sich als vergleichsweise positiv oder zumindest interessant zu wertenden Feststellungen Pinkers nicht vergessen:

  • Die Gefahr, dass sich die Menschheit in kürzester Zeit selbst fast oder vollständig auslöscht, ist um ein Vielfaches gestiegen.
  • Die Gefahr, dass sie auf Hunderte Generationen ihren Nachkommen einen komplett vergifteten und verstrahlten Planeten hinterlässt, ist um ein Vielfaches gestiegen.
  • Zunehmendes menschenverursachtes Leid mithilfe von Prozentwerten kleinzureden, ist eine fragwürdige Vorgehensweise.
  • Dass die Todesrate durch Bürgerkriege prozentual geringer ist als z.B. in den 1960ern, hat möglicherweise etwas damit zu tun, dass die Zerstörungskraft konventioneller Waffen seitdem vergleichsweise gering zugenommen hat, während die Bevölkerungszahlen viel stärker anstiegen – man kommt mit dem Töten sozusagen nicht mehr hinterher.
  • Es scheinen Zahlen zu den langfristigen Entwicklungen innerhalb einiger anderer Zivilisationen, z.B. der islamischen seit der Zeit der ersten Kalifen, zu fehlen.
  • Berücksichtigt werden müssen auch die indirekten Opfer: Wie erhöht ist die Selbstmordrate durch die Depressionen verstärkende negative Medienberichterstattung? Was ist mit Terrorakten außerhalb der eigentlichen Konfliktregion? Wurden die Opfer von Spätfolgen mit einberechnet, z.B. die vielen Menschen, die erst Jahrzehnte nach Hiroshima und Nagasaki z.B. an Krebs starben? etc.

Wie sagte Albert Einstein, der zugleich Physiker und politisch gebildeter Mensch war, doch gleich? „Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen.

Erstversion auf: lichtwort.de
Siehe auch: Der Koran und der Frieden
Bildquelle: Wikimedia

 

 

 

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15 Antworten auf “Wie nah sind wir dem totalen Frieden?”

  1. Milat

    Vorallem die EU trägt zum Frieden bei, indem man den Nationalismus vermeidet.

    Jedoch sieht die Welt gerade eine Wende weltweit im Westen.
    Der Nationalismus könnte diese Friedensperiode beenden und Allah weiss am besten.

    „von der Zielsetzung her jedoch eindeutig und ausschließlich pazifistisch. “

    Kannst du das „ausschließlich pazifistisch“ erläutern oder belegen mit einer Fatwa?

    Antworten
    • Muhammad Ibn Maimoun

      Der 70-jährige westeuropäische Frieden ist in der Tat eine sehr besondere Wohltat, für welche die Europäer ihrem Schöpfer {erh.} zutiefst dankbar sein sollten, anstatt in Muster zurückzufallen, die zum Ausbruch zweier Weltkriege geführt haben.

      Kannst du das „ausschließlich pazifistisch“ erläutern oder belegen mit einer Fatwa?

      Bücher und Rechtsauskünfte von Gelehrten studiere ich fast nur auf Arabisch, aber vermutlich suchst du etwas auf Deutsch oder Englisch. Mit „Fatwas“ kann man aber ohnehin nichts wirklich belegen, sondern diese selbst müssen belegt sein. Siehe darum ansonsten die Selbstbenennung Gottes und die unter dem Artikel verlinkte PDF „Der Koran und der Frieden“.

  2. Ben Adam/ Bar Nascha/ Bani Adam

    Friede sei mit euch allen!

    Im Internet, insbesondere aber auf YouTube wimmelt es von „Neuen Atheisten“ mit unzähligen „Jüngern“ […]

    Sie hassen den Islam, dass ist ihre Krankheit, bei vielen ist sie schon unheilbar, und Gott hat ihre Herzen versiegelt und werden so sterben mit dem Ticket zur ewigen Hölle, und Gott kennt diese am besten.

    Deshalb müssen wir diese unverschämten Feinde Gottes bekämpfen, aber nicht mit Feuer und Schwert, sondern möglichst mit Wörtern durch Zunge und Tinte, also durch Publikationen wie diesen, nicht weil wir dieses Gedankengut von der westl. Ethik übernommen haben und von diesem Zeitgeist beeinflusst worden sind, sondern weil es uns auf diese Weise befohlen wurde.

    Geschwister, ist es denn so schwer? It’s easy if you just try….

    [Administrative Anmerkung: Beitrag gekürzt]

    Antworten
  3. Abdussalam bin Abdillah

    Abdussalam bin Abdillah

    Bismi_Llâhi_r-Rah°mâni_r-Rah°îm.
    As-Salâmu 3alaykum wa-rah°matu_Llâh.

    Zur Frage einer nicht „-istischen“ Alternative zum Adjektiv „pazifistisch“ und den Substantiven „Pazifist“ bzw. „Pazifismus“.
    Wir haben bereits zum Adjektiv ein einfacheres kürzeres Pendant, jedoch hat dieses eine arge Bedeutungseinschränkung erfahren müssen: „pazifisch“ – heute nurmehr in „Pazifischer Ozean“ gebräuchlich. Dies ist aber in Wahrheit die Urform, wie seine Cousins „pacifique“ (frz.) und „pacific“ (engl.) (und entsprechend in anderen westeuropäischen Sprachen) ist es nämlich eine naturalisierte Form des lateinischen Urworts „pacificus“ – was „friedenstiftend“ bedeutend!

    Davon haben sich die davon abgeleiteten englisch- und französischsprachigen Begriffe etwas entfernt und bedeuten heute „friedlich“, „friedfertig“, „friedliebend“. Das deutsche Wort „pazifisch“ stünde ggf. bereit, in der Bedeutung „nach bester Möglichkeit Frieden suchend“, „den Frieden (wieder-)herstellend“, „friedenstiftend“ verwendet zu werden.

    Der lateinische Urbegriff ist abgeleitet von der Wurzel „pac-“ für „Frieden“ und der zweiten „fic-„/“fac-“ für „machen“, „herstellen“. Man könnte damit ebenso „pazifikatorisch“ und „pazifikativ“ bilden. Das erstere erinnert m.E. jedoch (vermutlich wegen des Reims auf „diktatorisch“) an die ideologisch-euphemistische Verwendung ähnlicher Begriffe, wie „befrieden“ für „erobern“ (latein. z.B. „pacare“), klingt also nach meinem Geschmack zu sehr nach „Peacemaker“ wie das gleichnamige Produkt der Firma Colt. „pazifikativ“ mag ich persönlich aus klanglichen Gründen nicht.
    „Pazifisch“ hätte übrigens noch den Nachteil, dass man schlecht neue Substantive bilden kann, der „Pazifische“ klingt eigenartik, die „Pazifik“ (wg. DES Pazifiks) ganz sicher auch.

    Warum nicht ein Wort mit deutschem Stamm suchen? „Friedenstiftend“ ist schon hübsch, enthält aber nicht die ganze Breite der Idee „immer nach dem nächsthöheren Niveau an Frieden strebend“, wie man sie im Wort „Islâm“ ausgedrückt findet. So wie „Ihsân“ nicht nur das „Gutmachen“, sondern die Perfektionierung des Handelns ausdrückt, die nicht im einzelnen Akt, sondern, mit Gottes Hilfe und dank seiner Gnade, nur durch einen beständigen Verbesserungsprozess (Optimierung) des eigenen Handelns erreicht werden kann, impliziert ja „Islâm“ nach den Regeln der arabischen Stammgrammatik weit mehr als nur „Frieden durch Unterwerfung unter die überlegene Macht herstellen“. (S. auch den Hadith: „Al-muslim man salima_n-nâsU … „, den man auch umformulieren kann in „Al-muslimu man yusallimu_n-nâsA …“.)

    Als Neubildung böte sich daher m.E. das Wort „friedstrebend“ an. Dieses umfasste für den Muttersprachler die Idee der Friedlichkeit und grundsätzlichen Friedfertigkeit – für den Fall, dass der Nachbar das zulässt. Im Fall eines Konflikts wäre ein Friedstrebender (Friedstrebiger?) immer bemüht, zu deeskalieren, wenn möglich, und die Gewalt im kleinstmöglichen Rahmen zu halten (strikte Wahrung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit der Mittel), wenn Deeskalation von der Gegenseite unmöglich gemacht wird. Außerdem würde „Friedstreben“ beinhalten, dass seine Anhänger sich nicht auf einem erreichten Niveau an gesellschaftlichem Frieden einfach ausruhen, sondern danach streben, dieses aktiv zu erhalten, indem sie das nächsthöhere anSTREBEN. Hier wäre damit auch die arabischen Begriffe „ijtihâd“ und „jihâd“ mit eingeschlossen.

    Das wäre, was mir so, sprachwissenschaftlich gesehen, zur oben gestellten, m.E. sehr sinnvollen Frage auf die Schnelle einfällt.

    Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n), wa-astagfiru_Llâhu wa-atûbu ilayh(i).
    Wa-s-Salâm.

    Antworten
    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Erratum:
      In der letzten Zeile des ersten Absatzes, zu Ende, muss es heißen:
      „- was „friedenstiftend“ bedeutet!“ ,
      also „bedeutet“ statt „bedeutend“.

      In der allerletzten Zeile vor dem Salâm muss es heißen „wa-astagfiru_Llâha…“ statt: „…_LlâhU..“

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n), wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      وعليكم السلام ورحمة الله وبركاته

      Nach einem Blick ins Lateinwörterbuch hatte sich mir „pazifisch“ auch schon angeboten, aber an den Erdkunde-Unterricht werden dann doch wohl nur die Wenigsten erinnert werden wollen 😉

      „Friedstrebend“ gefällt mir und ist auf jeden Fall bedenkenswert.

      والله أعلم

      وجزاك الله خيرا

    • Muhammad Ibn Maimoun

      Weitere Einfälle: „Friedensethik“, „Friedenslehre“…

      Pazifisch -> Pazifizität? (ein Ungetüm…)

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      „Pazifi(zi)tät“ wie „Euer Pazifi(zi)tät geruhen…“? – nein, danke, alle beide (d.h -zi- oder kein -zi-) lieber nicht…

      „Friedenslehre“ – d.h. ihr Adept wäre dann ein „Friedenslehrer“ – eher auch nicht, Oberlehrer haben wir ja jetzt schon genug, und „befrieden“ wollen die uns einige hier im Forum nur zu gerne und fast jeden Tag – nur jeder in eine andere, nämlich seine Richtung. Fehlt nur noch unsere Kapitulation, um die sie täglich fleißig ringen („my jihad“?).

      „Friedensethiker“ – klingt ein wenig wie in „Prof. Dr. Fritz Müller-Lüdenscheidt, Friedensethiker von der Uni Bonn“. Auch ein bisschen eigenartig, nach meinem Geschmack.

      Bisher gefällt mir „friedstrebend“ noch am besten von allen.

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n), wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      Es wäre sowieso nur zur Beschreibung des Islam gedacht, so dass „Friedensethiker“ etc. keine Verwendung hätten. D.h. statt „Der Islam ist pazifistisch“ würde dann gesagt werden „Der Islam ist eine Friedensethik“, so ungefähr hatte ich es mir vorgestellt.

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Na ja, das Problem existiert ja in einem weiteren Rahmen, wie z.B. auch hier angesprochen:
      https://www.facebook.com/ibn.lahsan/posts/976925169079214
      und hier von mir aufgenommen:
      http://www.ahlu-sunnah.com/blog/?p=2058#comment-4742

      Hier geht es darum, „Friedfertigkeit“ im Hinblick auf die islamische Sittlichkeitslehre (Ethik) zu diskutieren. Und ich sehe „Friedstreben“ als einen Begriff, der eben „Friedfertigkeit“ und „Friedenstiften“ umfasst und zu transzendieren in der Lage ist (also explizit auch das Handeln in unumgehbaren Gewaltsituationen mit beschreiben kann).

      Und den Satz „Islam ist eine friedstrebende Lebensweise“ oder „das islamische Gesetz ist immer friedstrebend“ oder „Islam lehrt grundsätzlich friedstrebendes Handeln“ usw. usf. finde ich weit umfassender als „Islam ist eine Friedensethik“ oder „-lehre“.

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n), wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n), wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Zuviel Copypaste – aber vom guten Wort darf es ruhig auch einmal einen Zuschlag geben.
      Wa-s-Salam.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      „Islam lehrt grundsätzlich friedstrebendes Handeln“ usw. usf. finde ich weit umfassender als „Islam ist eine Friedensethik“

      Auf mich wirken die beiden Sätze ziemlich bedeutungsgleich, mit dem Vorteil des zweiten, dass er kürzer und griffiger ist.

      Hab mir „friedstrebend“ nochmal durch den Kopf gehen lassen… Das Adjektiv „pazifistisch“ zeichnet sich demgegenüber dadurch aus, dass es eine (im Prinzip) unverhandelbare und mit Macht und Entschiedenheit vertretene Hauptposition ausdrückt und nicht missverstanden werden kann als eine bloße Tendenz, die sich womöglich auch noch als nur zufällig aus dem Gesetzesgefüge des Islam abstrahieren lässt (analog zum mathematischen Streben).

      Hinzukommt die Assoziation der Mühe, die im Begriff des Strebens enthalten ist. Wir reden hier aber über Islam in der Definition als dogmatischer und normativer Inhalt der Offenbarung und somit des Gotteswortes, folglich über den Islam als Abstraktion des Gotteswortes. Da dieses und naturgemäß seine Abstraktion der Freistellung von derlei Assoziationen würdig ist, stelle ich erstaunt fest, wie alternativlos das Adjektiv „pazifistisch“ zu sein scheint.

      والله أعلم

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Bismi_Llâhi_r-Rah°mâni_r-Rah°îm.
      Wa-3alaykum-u_s-Salâmu wa-rah°matu_Llâh.

      Ggf. existierende Nachteile des Wortes „pazifistisch“ kommen nicht von der Wurzel her, sondern von seiner Verwendung und speziellen, neueren, aber recht allgemein verbreiteten Assoziationen, die mit der Endungsfamilie „-ismus“/“-ist“/“istisch“ verbunden sind.

      Erstens gibt es heute ein fertiges Bild davon, was ein „Pazifist“ sei. Dazu zählt meistens ein herabgesetzter Wirklichkeitssinn, d.h. dass Menschen auch dann die Wange, vor allem die anderer Zeitgenossen (insb. die der Menschheit, ganzer Gesellschaft oder die der Elenden und Entrechteten oder jene des einzelnen „mazhlûm“) hinhalten wollen, wenn dieses zu großem individuellem und gesellschaftlichem Schaden führt. Bei diesen gehören zu „Friede“ untrennbar „Freude, Eierkuchen“ dazu.

      Ein solcher Pazifismus gehört zu den wirklichkeitsfremden und damit in ihrer Wirkung menschenfeindlichen Ideologien (weil auf falschen Annahmen beruhend). Und genau das wird HEUTE gerne mit dem Suffix „-ismus“ (und Verwandten, s.o.) ausgedrückt bzw. damit verbunden. Dementsprechend wird unter „Islamismus“ eben nicht der Islam, sondern eine Ideologie verstanden, für die der Islam nur einen beliebig nutzbaren Ideen-Steinbruch und einen scheinbar unwidersprechlichen Berufungstitel für in Wahrheit verfolgte recht weltliche, meist machtorientierte Interessen darstellt.

      Daher würde ich persönlich mir eher die Zunge abbeißen wollen, als das Wort „pazifistisch“ im Zusammenhang mit dem Dîn Allahs (swt) in Kontexten zu gebrauchen, in denen mir Gelegenheit zu ausführlichster Erläuterung geboten ist. Dann aber erübrigt es sich zu Anfang einer Rede recht eigentlich: Wenn ich eh weit ausholen muss, um es gegen verschiedene westliche Formen des Pazifismus abzugrenzen, dann kann ich den islamischen „Pazifismus“, seinen grundsätzlich friedliebenden, friedensstiftenden und friedstrebenden Charakter erklären und ggf. erst zum Schluss anfügen: „Und das ist dann vom Resultat, nicht immer von den Mitteln her betrachtet, eine Art Pazifismus.“ (Das habe ich jetzt so formuliert – aber irgendwo steht es auch so ähnlich im Text oben, nicht wahr?)

      Das mit dem „Streben“ sehe ich inbesondere in Bezug auf den arabischen Begriff „jihâd“ gar nicht so wie Du. Außerdem wird auch das „Anstreben“ und damit seine seelische Komponente, die Liebe, angesprochen. Worin ich Dir Recht gebe: damit wird eher die menschliche, nicht die göttliche Perspektive beschrieben (wie in „jihâd“). Meiner Ansicht nach ist dies aber leider die für die meisten Menschen, auch die meisten Muslime, die verständlichere, und daher sollte man m.E. immer mit ihr beginnen. Wie unverständlich den meisten heutigen Menschen die andere ist, siehst Du u.a. am mangelnden Verständnis der Theodizee, auch und gerade bei gläubigen Muslimen, vor allem in ihrem eigenen Leben, aber auch im Leben der Gemeinschaft. Welcher Muslim kümmert sich heute in seinem gesellschafts- und gemeinschaftsbezogenen Denken schon um Allahs (swt) Wort „inna_Llâha lâ yugayyiru mâ bi-qawmin h°attâ yugayyirû mâ bi-anfusihim“ ? (Vgl. Sûrata-l-Ra3d, Âyah 11 / http://tanzil.net/#13:11 )

      Wie eng verflochten übrigens die ganze Sache mit der sogen. Theodizee ist, siehst an folgender gar nicht so fiktiver Unterhaltung:
      A: „Gott ist Pazifist.“ B: „Wieso bestraft er dann Übeltäter so grausam?“

      Wichtig als Leitschnur:
      „Ad-dînu_n-nas°îh°ah“ (Hadith, u.a. in den „40 von An-Nawawiyy“) – „Der Din ist Nasiha.“
      Daher wesentlich: Klarheit, Unmißverständlichkeit. Also Befolgung des Befehls im anderen Hadith aus den „40 von An-Nawawiyy“ demzufolge „Da3 mâ yurîbuka ilâ mâ yurîbuk(a)“ – „Lass, was (in Dir) Zweifel erregt, für das, was keine Zweifel erregt.“

      Wa-Llâhu a3lamu dâ’ima(n) wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i).
      Wa-s-Salâm.

    • Abdussalam bin Abdillah

      Abdussalam bin Abdillah

      Erratum betr.: http://www.ahlu-sunnah.com/blog/?p=2076#comment-4817
      Es muss lauten:
      „Daher würde ich persönlich mir eher die Zunge abbeißen wollen, als das Wort „pazifistisch“ im Zusammenhang mit dem Dîn Allahs (swt) in Kontexten zu gebrauchen, in denen mir KEINE Gelegenheit zu ausführlichster Erläuterung geboten ist.“
      Es fehlt im Beitragstext das kleine, aber wichtige Wort „keine“.

      Wa-astagfiru_Llâha wa-atûbu ilayh(i). Wa-s-Salâm.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Erstens gibt es heute ein fertiges Bild davon, was ein „Pazifist“ sei.

      Gibt’s auch von dem, was ein Muslim sei. Das Etikett des Pazifistischen würde evtl. sogar den Vorteil haben, bedeutungsmäßig eine gesunde Mitte zwischen dem kriegerischen Sarrazenen und dem naiven Weltverbesserer herzustellen.

      Daher würde ich persönlich mir eher die Zunge abbeißen wollen, als das Wort „pazifistisch“ im Zusammenhang mit dem Dîn Allahs (swt) in Kontexten zu gebrauchen, in denen mir keine Gelegenheit zu ausführlichster Erläuterung geboten ist.

      Kein Problem, hoffen wir also auf viele Gelegenheiten 😉

      Hier zeigt sich ein weiterer Vorteil: Mit der für viele Menschen völlig unerwarteten Beschreibung der Religion Gottes als pazifistisch kommt man ins Gespräch!

      Zu „friedstrebend“:

      Worin ich Dir Recht gebe: damit wird eher die menschliche, nicht die göttliche Perspektive beschrieben (wie in „jihâd“). Meiner Ansicht nach ist dies aber leider die für die meisten Menschen, auch die meisten Muslime, die verständlichere, und daher sollte man m.E. immer mit ihr beginnen.

      Verantwortlich für die öffentliche Meinung zum Islam ist (neben dem Verhalten einiger Muslime etc.) eine elitäre Minderheit. Sie ist es, mit der die ideologische Auseinandersetzung stattfindet (bzw. stattfinden müsste).

      Wie eng verflochten übrigens die ganze Sache mit der sogen. Theodizee ist, siehst an folgender gar nicht so fiktiver Unterhaltung:
      A: „Gott ist Pazifist.“ B: „Wieso bestraft er dann Übeltäter so grausam?“

      Also, hier würde ich mir wohl auch eher die Zunge abbeißen, bevor ich Satz „A“ sage, und zwar selbst dann, wenn ich Gelegenheit zu Erklärungen hätte.

      Außerdem könnte Satz „B“ auch dann kommen, wenn Satz „A“ korankonform lautete: „Gott ist der Frieden.“ oder: „Gott ist der Barmherzige.“

      „Ad-dînu_n-nas°îh°ah“ (Hadith, u.a. in den „40 von An-Nawawiyy“) – „Der Din ist Nasiha.“
      Daher wesentlich: Klarheit, Unmißverständlichkeit.

      Es gibt auch den authentischen Hadith „al-Hajju ‚arafah“. Niemand folgert daraus, dass das Pilgern nur aus dem Stehen in Arafah besteht.

      Und wenn alle Alternativen gleich problematisch oder zu Missverständnissen führen können, erübrigt sich die obige Interpretation des Hadiths.

      Also Befolgung des Befehls im anderen Hadith aus den „40 von An-Nawawiyy“ demzufolge „Da3 mâ yurîbuka ilâ mâ yurîbuk(a)“ – „Lass, was (in Dir) Zweifel erregt, für das, was keine Zweifel erregt.“

      Wir diskutieren ja gerade darüber, was des Zweifels würdiger ist.

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