Die Naqshbandiyya-Khalidiyya

1 Kommentar

Einleitung 

Die folgende Abhandlung ist eine Darstellung der Naqshbandiyya-Khalidiyya. Nach einem kurzen Abriss des Naqshbandiyya-Ordens stelle ich die Naqshbandiyya Khalidiyya dar. Ich beginne mit der Biographie Khalid al-Bagdadis. Zur Einordnung des Ordens in die sozio-politischen Verhältnisse des Osmanischen Reichs im 19. Jahrhundert widme ich mich zwei osmanischen Städten. Um die Abhandlung abzurunden, gebe ich einen letzten kurzen Abriss zur Khalidiyya im Osmanischen Reich. Danach gehe ich auf die religiösen Praktiken des Ordens ein.

Ein kurzer Abriss zur Naqshbandiyya

Als Namensgeber des Ordens gilt Baha-du-Din Naqshband (1318 – 1389) aus Buchara, der in einer 200-jährigen Tradition bis Yusuf Hamadhani steht. Ein wichtiges Kennzeichen der Nashbandiyya besteht darin, dass ihre silsila vorwiegend über Abu Bakr (radiallahu ‚anhu), wobei ein Teil des Ordens über Ali (radiallahu ‚anhu), geht. Dies steht im klaren Gegensatz zu anderen Orden, in denen die silsila auf Ali (radiallahu ‚anhu) zurückgeht. Im Gegensatz zu den anderen Orden wurde der lautlose dhikr bevorzugt. Der Ursprung auf Abu Bakr (radiallahu ‚anhu) führte zu einer gewissen Immunität gegenüber dem schiitischen Einfluss, der bei vielen anderen Orden zu beobachten ist. Zudem ist der Orden einzigartig in seiner Feindschaft gegenüber dem Schiitentum. Ihre Ursache liegt auch an der Verfolgung des Naqshbandiyya-Ordens durch den neu etablierten schiitischen Staat der Safawiden.

 Die Naqshbandiyya-Khalidiyya

Die Khalidiyya ist ein Zweig der Nashbandi-Mujaddidiyya. Der verbreitete sich vom indischen Subkontinent in das Osmanische Reich und dem westlichen Teil Asiens.

Khalid al-Bagdadi (1776 – 1827)

Khalid wurde 1776 in Shahrizur geboren. Er selbst war kurdischer Herkunft und lernte zunächst den schafitischen Fiqh, den Quran, Logik, arabische Grammatik etc. . Nach dem er den Posten seines verstorbenen Lehrers übernahm, suchte er nach einer spirituellen Unterweisung. Zunächst ging er 1805/1806 zur Hajj und wurde dort mit den Lehren Mohammed ibn Abd al-Wahhabs (rahimullah) konfrontiert, dessen Schüler 1805 Mekka und Medina eröffnet hatten. Nach dem er nach Sulaimaniya zurückehrte, unterrichtete er für 2 bis 3 Jahre, bis er einen indischen Gelehrten traf, der ihn mit zum indischen Subkontinent nahm.

In Indien nahm er sein Wissen von Shah Ghulam Ali (auch Abdullah al-Dihlawi genannt). Sein Meister schickte ihn zurück nach Kurdistan, damit er dort den Orden weiterverbreiten sollte. Nach dem er in Sulaimaniya ankam, erfuhr er Anfeindungen von dem ortsansässigen Qadiri-Orden unter Maruf al-Nawdahi. Er wurde gezwungen Sulaimaniya nach einigen Monaten zu verlassen. Nach dem er ein zweites Mal nach Sulaimaniya zurückkehrte und immer noch auf die Feindschaft al-Nawdahis traf, ging er nach Bagdad.

In Bagdad kam er unter die Schirmherrschaft der Haidari-Familie. Er gründete seine erste zawiya, sodass sich durch die Agitation des Ordens z.B. viele kurdische Ulema sich dem Orden anschlossen.

Innerhalb einer kurzen Zeit verbreitete sich der Orden und trug somit zur Wiederbelebung der Sufi-Orden bei, die im Zuge des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch die Salafiya-Bewegung an Einfluss verloren hatte. Er blieb einige Jahre in Bagdad und ging dann nach Damaskus. 1827 starb er in Damaskus.

Khalidiyya in Istanbul

Bereits 1819 erreichten die ersten Vertreter des Ordens die Hauptstadt des Osmanischen Reichs. Einige prominente Ulema und Bürokraten schlossen sich dem Orden an. Die Verbreitung der Anhängerschaft erweckte ein Misstrauen der anderen Orden. Selbst Sultan Mahmut II., der dem Mevlevi-Orden zugeneigt war, beäugte die Naqshbandiyya-Khalidiyya mit Misstrauen. Der Sultan entsandte zwei Agenten zu Shaykh Khalid, um den Orden und seine Aktivitäten auszuspionieren. Während einige Vertreter des Ordens mehrmals aus der Hauptstadt verwiesen wurden, gab es Anhänger, die aus der Hauptstadt verbannt wurden. Die Naqshbandiyya-Khalidiyya und die Mevlevi waren den Reformen des Sultans zugeneigt. Die Khalidiyya begrüßte die Vernichtung der Janitscharen und den damit verbundenen Untergang des Bektaschi-Ordens, da sie einen an der Scharia orientierten orthodoxen Islam propagierten. Die Khalidiyya betrachtete den Bektaschi-Orden als eine Quelle der moralischen Degeneration, da sie den Pflichten der Scharia zuwiderhandelten und gleichzeitig keine Ehrerbietung erwiesen. Die Zerstörung des Bektaschi-Ordens führte dazu, dass viele babas sich dem Naqshbandiyya-Khalidiyya-Orden anschlossen.

Khalidiyya in Bagdad

Bei der Ankunft Khalids in Bagdad hatten sich die Ideen der Salafiyya schon unter den Ulema weitverbreitet und infiltrierte die herrschende Klasse. In Bagdad stand Khalid unter dem Schutz der Haidari-Familie, die eine Gelehrtenfamilie mit kurdischen Ursprung und großem Ansehen waren. Hier gründete er seine erste zawiya. Als Khalid in Bagdad eintraf, waren die Aktivitäten der Sufi-Orden relativ schwach. Dies lag sowohl daran, dass die herrschende mamlukische Klasse sie wenig unterstützte als auch daran, dass sich Anfang des 19. Jahrhunderts die Salafiyya in Bagdad verbreitete. Shaykh Khalids zawiya wurde ein wichtiger und aktiver Posten zur Agitation und Verbreitung seiner Ideen. Seine Anhänger waren vorwiegend Gelehrte und städtische Muslime. Er gründete im Zuge seiner Agitation den Zweig der Naqshbandiyya-Mujadidiyya, dem er seinen Namen gab: Khalidiyya. Shaykh Khalid wandte sich auch gegen seine Gegner aus dem Qadiri-Orden, wegen denen er seine Heimatstadt hatte verlassen müssen und verteidigte seine Ideen gegen die Gelehrten der Salafiyya. Im Disput mit den Ulema der Salafiyya ging es vorwiegend um Heiligenverehrung, das Besuchen der Gräber von Gelehrten und ihre Verehrung. Shaykh Khalid legte in dem Disput viel Wert auf die Spiritualität des Muslims. Er war der Ansicht, dass die strikte Befolgung der Scharia mit seinem Verweis auf die praktische Nachahmung der ersten Generationen und die Tatsache, dass es ein Sufi-Orden ist, der den Islam besser und „Originaler“ darstelle, als das Konzept der Salafiyya. Unterschiedliche Ereignisse, wie zum Beispiel die Vernichtung des saudischen Staates, führten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts zum Niedergang der Salafiyya und zum Aufstieg der Khalidiyya.

Ein kurzer Abriss zur Naqshbandiyya-Khalidiyya im Osmanischen Reich des 19. Jahrhunderts

Die Khalidiyya wurde nach einigen Jahren vom osmanischen Staat bevorzugt behandelt. Der Orden gewann viele Anhänger und unterstützte die militärischen Reformen Mahmut II. unter dem Blickwinkel des Schutzes des osmanischen Staates und damit verbunden der Scharia. Die Niederschlagung der Janitscharen und die Schließung des Bektaschi-Ordens wurden von der Khalidiyya begrüßt.

Im Zuge der Tanzimat-Reformen wurde die osmanische Elite von den Anhängern der Naqshbandiyya-Khalidiyya als Feinde der Scharia wahrgenommen, sodass sich die Anhänger der Khalidiyya bei den Protesten gegen die Verwestlichung engagierten. Sie nahmen 1859 an der Rebellion gegen die Reformen teil, die als „Kuleli Vakası“ in die Geschichte einging. Mit der Machtübernahme Abdülhamid II. gewann der osmanische Staat wieder die Gunst des Naqshbandiyya-Khalidiyya-Ordens.

Die religiösen Praktiken

Khalwa

Im Naqshibandiyya-Orden erfolgt die Initiation des murid auf dem „Weg des subha“. Der murid muss dem Shaykh unbedingten Gehorsam schenken. Erst wenn der Shaykh von dem murid überzeugt ist, empfängt er seine spirituelle Unterweisung.

Die Unterweisung in einer zawiya dauert normalerweise einige Jahre.

Während Shaykh Ahmad Sirhindi zwei Monate in der zawiya unterwiesen wurde, dauerte die Unterweisung bei Shaykh Khalid ca. 1 Jahr. Im Gegensatz dazu erfolgt die Unterweisung in einer Khalwa der Khalidiyya innerhalb von 40 Tagen. Diese Praxis wurde in der Naqshibandiyya nicht praktiziert, wobei es einige Versuche diesbezüglich in der Geschichte der Naqshibandiyya gab. Viele Gelehrte lehnten es ab, da sie der Ansicht waren, dass die Khalwa nicht der Sunnah entspräche. Shaykh Khalid etablierte diese Praxis in seinem Zweig der Naqshibandiyya, die in der Tradition der Mujjadidiyya steht. Die schnelle Unterweisung ermöglichte eine schnelle und damit verbunden weite Verbreitung der Naqshibandiyya-Khalidiyya.

Rabita

Es existierten zwei Arten von Rabita. Die erste Form implizierte die spirituelle Verlinkung mit dem Shaykh. In der zweiten Form sollten sich die Murids den Shaykh bildlich vorstellen, um seine Eigenschaften anzueignen. Die Khaliddiya betrachtete rabita als eine Bindung des Herzens mit dem Shaykh, in dem man sich den Shaykh bildlich vorstellt. Dies Praxis sei dem zikr gleichzustellen. Die zentralistische Ausrichtung Shaykh Khalids führte dazu, dass alle seine Schüler und deren Schüler sich ihn vorzustellen hatten, selbst wenn sie ihn nie getroffen hatten. Einige seiner Stellvertreter (wie z.B. Abdulwahhab al-Susi) widersprachen ihm und wollten, dass die Schüler ihr Bild anstelle jenes von Shaykh Khalid vorzustellen zu haben. Dies führte zu Streitigkeiten innerhalb des Ordens, sodass jene dem Ausschluss nahe standen.

Unter seinen Anhängern gab es Bedenken gegenüber der Rabita. Sie wurde als bid’a (Erneuerung) betrachtet, sodass sich Shaykh Khalid dazu genötigt sah, die Rabita zu verteidigen.

 

Quellen:

Abu Manneh, Butrus: The Naqshbandiyya-Mujaddidiyya in the Ottoman Lands in the Early 19th Century, Die Welt des Islams, Vol. 22,Issue 1, 1982, S. 1-36.

Abu Manneh, Butrus: Khalwa and rabita in the Khalidi Suborder, in: Gabireau, Marc u.a. (Hg.): Naqshbandis. Cheminements et situation actuelle d’un ordre mystique musulman. Istanbul/Paris 1990, S. 289 – 303.

Abu Manneh, Butrus: Salafiyya and the Rise of the Khālidiyya in Baghdad in the Early Nineteenth Century, Welt des Islams, Vol. 43, Issue 3, 2003, S. 349-372.

Algar, Hamid: A Brief History of the Naqshbandi Order, in: Gabireau, Marc u.a. (Hg.): Naqshbandis. Cheminements et situation actuelle d’un ordre mystique musulman. Istanbul/Paris 1990, S. 3 – 44.

Le Gall, Dina: A Culture of Sufism. Naqshbandis in the Ottoman World, 1450 – 1700, New York 2005.

Weisman, Itzchak: The Naqshbandiyya. Orthodoxy and activism in a worldwide Sufi tradition, New York 2007.

 

Ähnliche Beiträge

Eine Antwort auf “Die Naqshbandiyya-Khalidiyya”

  1. jamal

    Vielen Dank für den Artikel. Beim nächsten Mal bitte ‚Fremdwörter‘ wie „silsila, zawiya, babas, murid“ etc. mit einer kurzen Übersetzung in Klammern für den Laien angeben. Danke.

    Antworten

Antworten