Der stille Konsens

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In seinem wenig beachteten, kurzen Traktat mit dem Titel „Vier Prinzipien, um die sich die Urteile drehen“, formulierte der Begründer der najditischen Bewegung, Muhammad Ibn Abd al-Wahhaab, folgendes denkwürdige Prinzip:

… dass alles, worüber der Gesetzgeber [d.h. Allah] schwieg eine Gnade ist und es niemandem erlaubt ist es zu verbieten oder es zur Pflicht zu erklären, oder es als verhasst oder als geschätzt zu bezeichnen, da der Erhabene sagte: „Oh ihr Gläubigen, fragt nicht nach dem, was, wenn es euch offengelegt wird, Leid tut“. Und der Prophet, Allahs Segen und Heil auf ihm, sagte: „Er schwieg aus Barmherzigkeit und nicht aus Vergesslichkeit über Dinge, so fragt nicht danach.“

Dieses Prinzip ist vor allem insofern interessant, als dass es der gelebten Praxis eines Großteils der islamischen Gelehrsamkeit im Laufe der Geschichte bis zum heutigen Tag diametral entgegensteht. So war und ist es Gang und Gäbe, keine Fragestellung von der Belegung mit einem eindeutigen, religiösen Urteil auszuklammern, selbst wenn es in den Offenbarungstexten für ein solches Urteil keinerlei offensichtliche Grundlage gibt. Statt sich entweder der Offenbarungen zu bedienen oder sich andernfalls von einem Urteil zu enthalten, wurden zahlreiche Rechtfertigungsstrategien entwickelt, die das Verkaufen der eigenen Meinung als Teil der Religion legitimieren sollen. Insbesondere sind hierbei die beiden Prinzipien des Analogieschlusses (Qiyaas) und der Prävention (Sadd al-Dharaai‘) zu nennen, welche dem Anwender praktisch die Möglichkeit geben beinahe willkürlich über erlaubt und verboten zu richten und welche zu abstrusen Fantasieverboten führen, wie etwa dem Autofahrverbot für Frauen oder auch dem für den Alltag weniger gravierenden Verbot zum Mars zu fliegen.

Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch der Konsens (Ijmaa‘), der bei besonders dünner Beweisdecke sehr gerne herangezogen wird um eine bestimmte Ansicht islamrechtlich zu sanktionieren. Hierzu bedient man sich einer geschickten Ausweitung seiner Definition, indem sich damit begnügt, dass man niemanden kennt, der einer beliebigen Ansicht widersprochen hat, was dann als „stiller Konsens“ gehandelt wird. Der Imam Ibn Hazm al-Andalusi griff diese Form der Beweisführung kritisch auf und stellte im Rahmen seiner Kritik eine interessante Nachforschung an:

Wir beginnen für euch mit den Sahabah, möge Allah mit ihnen zufrieden sein und sagen: Wir wissen mit absoluter Gewissheit, an der kein Zweifel ist, dass sie Zehntausende waren. So kämpfte [der Prophet], Allahs Segen und Heil auf ihm, die Schlacht von Hunayn mit 20.000 Mann und die von Tabuk mit noch mehr. Er vollzog die Abschiedswallfahrt mit einer nochmal vervielfachten Anzahl und ihn suchten Delegationen aus dem Inneren der arabischen Stämme auf, die den Islam annahmen, ihn über die Religion befragten, denen er den Quran beibrachte und mit denen er betete. Sie alle fallen unter den Begriff „Sahabah“.

Wir haben untersucht, von wem von ihnen ein Urteil in einer oder mehr Fragestellungen überliefert wurde und fanden trotz größter Mühe und Anstrengung nicht mehr als 123 Männer und Frauen! Von diesen sind es nur 7, von denen viel überliefert wurde und zwar: Umar, sein Sohn Abdullah, Ali, Ibn Abbaas, Ibn Mas’uud, die Mutter der Gläubigen ‚Aaischah und Zayd Ibn Thaabit. Jene von denen mäßig viel überliefert wurde sind lediglich 13. Jene, von denen die gesammelten Urteile jeweils einen kleinen Juz‘ ausmachen sind nur 20. Vom ganzen Rest wurde jeweils nur sehr wenig überliefert. Von einigen unter ihnen nur ein Urteil in einer Angelegenheit, von manchen in zwei Angelegenheiten und von manchen in mehr, sodass all ihre Urteile zusammen einen Juz‘ ausmachen würden. […] Meinst du etwa, alle übrigen hätten kein einziges Urteil abgegeben, nicht einmal in einer einzigen Angelegenheit? Das ist, bei Allah, nichts als reine Lüge und Schwindel.

[Abu Muhammad Ali Ibn Hazm, Al-Ihkaam Scharh Usuul al-Ahkaam, Band 1, S. 578f., o.O., o.J]

Diese Zahlen gilt es im Hinterkopf zu haben, wenn man im Zusammenhang mit fragwürdigen Ansichten als letztes Mittel Floskeln wie „Ijmaa‘ der Sahabah“ oder „Ijmaa‘ der Salaf“ an den Kopf geworfen bekommt, denn oft handelt sich es um mehr Schein als Sein.

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8 Antworten auf “Der stille Konsens”

  1. Maron

    Ich verstehe nicht ganz, wieso Ibn Hazm die Sahaba heranzieht.

    Wir bilden doch unsere Urteile auf Grundlage dessen, was Mohammed sas gesagt hat?

    Tausende von Ahadith, die in vielen Angelegenheiten die Stoßrichtung anzeigen.

    Ironischerweise gilt das von dir genannte Frauenfahrverbot in wahhaabitischen Saudi Arabien, trotz seins denkwürdigen Prinzips. ..

    Überhaupt erscheint mir das Prinzip alles andere als denkwürdig (ganz abgesehen davon, dass Wahhaab über 1000 Jahre nach dem Propheten sas kam; wieso ließ Allah die Menschen so lange in der “Irre“?)

    Es gibt einfach unbestreitbar Dinge, die damals noch kein Thema waren, seien es Dinge der Naturwissenschaften, technischer Entwicklungen, gesellschaftlicher Veränderungen bei den feindlichen Völkern usw. usf.

    Da kann man doch nicht einfach still sitzen und schweigen, zu irgendeiner Handlungsweise muss man sich ja entschließen.

    Ich finde es wirklich merkwürdig, wenn nicht die Gelehrten der ersten Generationen, die Muslime, die in der Blütezeit des Islams wirkten, dich beeinflussen, sondern einer, der 1200 Jahre später kam und von niemandem außer seinen Anhängern respektiert wird und sich für klüger als Gelehrten hält, die 1000 mal mehr für den Islam geleistet haben.

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  2. Maron

    Ich ziehe meinen ersten Beitrag zurück, er war unsachlich und hysterisch:

    Ich möchte aber an folgende Beispielen darlegen, wieso den meisten Gelehrten und somit Muslimen die Alles-was-nicht-verboten-ist-ist-erlaubt-Bewegung missfällt:

    1. Es gibt im Quran die Geschichte von einer Gruppe Juden, die am Sabbat zwar nicht arbeitete, aber ihre Netze ausgeworfen hatte, sodass sie auch am Sabbat Fische fingen, die sie halt am Folgetag abholten.

    Da ja Allah nur das Arbeiten am Sabbat verboten hatte, nicht aber explizit das Auswerfen der Netze, ohne selber anwesend zu sein, war folglich die Handlung der Juden nach Ansicht Ibn Hazms und Abdul Wahhaabs richtig?

    Wir wissen, wie diese Geschichte ausging.

    Oder habe ich hier was falsch verstanden?

    2. Die Zahiriten vertrete die Meinung, das Zinsverbot gelte nur für Gold, Silber, Datteln usw.
    Es sei aber nicht erlaubt, dieses Verbot auf andere Güter auszudehnen.

    Wie jetzt? Allah erklärt dir den Krieg, wenn du jemandem das Leben schwer machst, indem du Riba auf Datteln erhebt, aber wenn du ihm das Leben schwer machst, in dem du bspw. Riba auf Artischocken, dann erklärt Allah dir den Krieg nicht?

    3. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Sahaba Dinge taten, die zuvor nicht(!) explizit befohlen wurden.
    Der Prophet sas lobte sie in solchen Fällen.

    D.h.: Es ist möglich, dass etwas, dass du dir per Analogie oder sonstwie abgeleitet hast und es als gut befunden hast, auch vom Propheten sas und somit von Allah als gut befunden werden kann.

    Demnach dürfte das auch umgekehrt gelten, also etwas per Analogieschluss oder sonst wie als schlecht erachten, ohne das der Prophet sas dies explizit erwähnte.

    Bsp: Der Prophet sas verbat Eselfleisch und befiehl, die Töpfe, in denen es zubereitet worden war, zu zerbrechen. Die Sahaba fragten, ob sie die Töpfe nicht einfach auswaschen könnten.

    Prophet sas sagte: “Das geht auch“ (s. Bukhari oder Muslim zu diesem Hadith)

    Es geht also darum, den Sinn hinter einem Befehl zu verstehen und wenn diesem Sinn gerecht wird, kann die Methode auch eine sein, die der Prophet selbst nicht genannt hat (zerbrechen vs. reinigen der Töpfe)

    4. Zu dem Frauenfahrverbot: Du meinst also, dass man Frauen nur dann das Autofahren verbieten dürfte, wenn Allah es explizit verboten hätte?

    Allah hätte also vor 1400 Jahren sagen sollen, dass Frauen kein Auto fahren dürfen, sobald Autos auftauchen?

    5. Ist nach dieser Methode Tabak halal? Berauscht nicht und es gibt soweit ich weiß keinen expliziten Befehl, der es verbietet.

    Und zu guter Letzt: Was ist eigentlich der objektiv nicht anfechtbare Beweis, dass ein solche Methode ausnahmslos die einzig gültige im Islam ist?

    Es dürfte nicht von ungefähr kommen, die Zahiriya praktisch tot ist …

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    • Tariq Ibn Lahsan

      Tariq Ibn Lahsan

      1. Die Juden haben sich dem göttlichen Befehl widersetzt, indem sie taten was ihnen verboten wurde und hierfür fadenscheinige Rechtfertigungen ersannen. Dafür wurden sie getadelt, nicht dafür dass sie keine Analogieschlüsse vorgenommen haben.

      2. Für Kredite bestätigt auch Ibn Hazm das Verbot der Riba für alles, was verliehen wird. Bei anderen Formen der Riba sind hingegen nur spezielle Waren erwähnt, so gilt es auch nur für diese. Man könnte auch fragen: Wer Zinsen nimmt ist verflucht, aber wer Profite aus Handel schlägt nicht? Warum? Handelsprofit ist wie Riba, siehe die koranische Bestätigung.

      3. Wir können aber den Propheten nicht mehr fragen, ob unsere Ideen die wir vielleicht haben falsch oder richtig sind. Dir Epoche der Gesetzgebung ist vorbei.

      4. Ja, ein einfacher Befehl genügt ja: Frauen dürfen nur zu Fuß gehen. Fertig, alle Fortbewegungsmittel für alle Zeiten wären damit erschlagen. Aber so ein Verbot gibt es nicht.

      5. Ich sehe kein Problem im Tabakkonsum an sich. Warum auch.

  3. Maron

    “Ich sehe kein Problem im Tabakkonsum an sich. Warum auch.“

    Bist du sicher, dass du den Islam verstanden hast?

    “3. Wir können aber den Propheten nicht mehr fragen, ob unsere Ideen die wir vielleicht haben falsch oder richtig sind. Dir Epoche der Gesetzgebung ist vorbei.“

    Nenn doch mal die Überlieferung oder die Ayat, wo uns verboten wird, mit dem Tod des Propheten nicht mehr selbstständig Handlungen abzuleiten, obwohl wir es vorher durften.

    Wirste nichts finden.

    Aber das mit dem Tabakkonsum disqualifiziert dich ohnehin für alle Ewigkeiten.

    Ich meine: Ernsthaft? Ohne jede Not deinen von Allah geschenkten Körper ruinieren?

    Der Quran ist euch im Hals stecken geblieben, wie der Prophet es in einem Hadith gesagt hat.

    Ihr denkt wie Roboter, die Alexander zuordnen können, aber sobald man Alex sagt, wissen sie nicht, wer gemeint ist.

    Heißt: Eine Gesellschaft mit euch ist unmöglich.

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  4. Maron

    1. Die Juden haben sich dem göttlichen Befehl widersetzt, indem sie taten was ihnen verboten wurde und hierfür fadenscheinige Rechtfertigungen ersannen. Dafür wurden sie getadelt, nicht dafür dass sie keine Analogieschlüsse vorgenommen haben.

    Nein. Ihnen war verboten, am Sabbat zu arbeiten. Daran haben sie sich auch gehalten. Allerdings haben sie Ihre Netze zuvor ausgeworfen und nach Sabbat abgeholt.

    Sie haben also technisch gesehen nichts getan, was explizit verboten wurde. Denn Allah hat nur gesagt, dass sie am Sabbat nicht arbeiten sollen.

    Haben sie ja auch nicht.

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  5. Maron

    “Dir Epoche der Gesetzgebung ist vorbei.“

    Du kennst doch sicherlich den Hadith, wonach es zwischen Haram und Helal auch zweifelhafte Dinge gibt, die man unterlassen soll.

    Du siehst, es ist keinesfall alles erlaubt, was nicht verboten wurde. Oder hat der Prophet jede einzelne zweifelhafte Sache explizit irgendwo gelistet?

    Wenn nicht, müssen wir neben Haramsachen auch andere Dinge meiden, ohne dass diese explizit verboten wurden.

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  6. Abdallah

    Von Abu Abdullah An Nu’man, Sohn von Bashir sagte: „Ich hörte den Propheten sav. sagen:

    „Das Erlaubte ist offenkundig und das Verwehrte ist offenkundig, und zwischen den beiden sind zweifelhafte Angelegenheiten, über die viele Menschen nicht Bescheid wissen. Wer die zweifelhaften Angelegenheiten meidet, hat sich (damit) frei gemacht, was seine Religion und seine Ehre angeht. Wer auf zweifelhafte Angelegenheiten hereinfällt, fällt in das Verwehrte, wie der Hirt, der seine Herde um den heiligen Bezirk herum weidet, im Begriff ist, darin zu weiden. Jeder Herrscher hat einen heiligen Bezirk , und Allahs heiliger Bezirk ist das Verwehrte. Im Körper ist ein kleiner Klumpen Fleisch und wenn er gesund ist, ist der gesamte Körper gesund, und wenn er schlecht ist, ist der gesamte Körper schlecht. Wahrlich, dies ist das Herz.

    (berichtet von Al Buchari und Muslim)

    Widerspricht das nicht dem Artikel?

    Wenn ich das richtig verstnanden habe, gibt es also sehr wohl eine Grundlage für das Empfehlen bzw. Abraten von Dingen, die nicht als Haram oder Halal überliefert sind.

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  7. Abdallah

    z. B.: es gibt keine Überlieferung, ob rote Ampeln gut oder schlecht sind.

    Dennoch sagt uns unser Verstand, dass das Fehlen von roten Ampeln eher zweifelhaft und somit zu meiden ist.

    Auf moralischen Gebieten lassen sich noch viel mehr Fälle finden, wo man nach all dem, was man von islamischer Ethik gelernt hat, bei einigen Dingen ein Stechen im Herzen hat, bei anderen hingegen keine Probleme sieht.

    Wenn ich mich richtig erinnere, gibt es sogar eine Überlieferung, die das Empfingen im Herz als Indikator angibt, ob man es mit etwas (zu vermeidendem) Zweifelhaften zu tun hat oder nicht.

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