Die Kunst des Redens

7 Kommentare

Ich habe in einem vorherigen Artikel die Wichtigkeit der Worte angesprochen, und doch sehe ich mich wieder genötigt, auf dieses Thema einzugehen. Der Grund für das Verkommen vieler Muslime ist der falsche Umgang mit ihnen und die falschen Worte. Wir leben nun einmal in einer Zeit, in der die Versuchungen, vom geraden Weg – und zwar die des Islams – abzukommen, immens und vielzählig sind. Junge Menschen sind besonders von dieser Gefahr betroffen, da sie es sind, die man leicht manipulieren kann. Bereits in der Schule stehen sie unter Druck, ein bestimmtes Bild anzunehmen: Toleranz gegenüber allen („Was ist schon so schlimm an Schwulen? Das sind doch auch nur Menschen.“), Freizügigkeit („Geht dich nichts an was ich trage, ich lebe in einem freien Land.“) und ein ungesundes Maß an Freiheit („Wenn du das nicht machst, dann Pech gehabt, ist deine Sache.“/ „Du bist noch jung, mache alle Erfahrungen, die du gerne erleben möchtest.“). Auf die Folgen solcher falschen Freiheitsvermittlungen brauche ich nicht einzugehen, werde aber ein kurzes Szenario zum besseren Verständnis schildern:

Imam Abu X von der Moschee Y ist gerade in ein Gespräch mit Akh Z vertieft, als er sieht, wie ein junger Mann, ca. 23 Jahre alt, den Gebetsraum betritt. Das Aussehen des Mannes ist markant, er trägt zerrissene Jeans, eine Cappy und einen silbernen Ohrring. Er schaut etwas unsicher drein und ist ohne Begleitung. Der Imam erkennt sofort, dass es sich bei diesem Mann um jemanden handelt, der nicht praktiziert und womöglich sogar das erste Mal (nach langer Zeit?) eine Moschee von innen sieht. Imam Abu X steht vor zwei Optionen:

a) er spricht den jungen Mann an, grüßt ihn freundlich und fragt, ob er ihm bei etwas behilflich sein kann.

→ öffnet Wege zur gesunden Kommunikation, der erste Grundstein einer erfolgreichen Da’wa wird gelegt

b) er spricht den jungen Mann an, sagt ihm: „Bruder, wie bist du angezogen? Itaqillah, wir sind hier einer Masjid, habe gefälligst etwas Respekt davor und zieh dich richtig an.“

→ wirkt abschreckend, aggressiv, schließt alle Türen einer guten und zielgerichteten Da’wa; der Adressat dieser Worte wird wahrscheinlich so schnell nicht mehr in die Moschee kommen, vielleicht sogar nie wieder.

So offensichtlich es auch sein mag, dass Option a) die beste bzw. einzig richtige ist, so beweist uns leider die Realität, dass es tatsächlich Geschwister gibt, die mit ihren Worten eine sehr abschreckende Wirkung erzielen. Ob diese beabsichtigt war, sei mal dahingestellt, aber es bedarf keiner immensen Klugheit, um zu erkennen, dass indirekte Vorwürfe („Hast du kein Benehmen, dass du dich so bekloppt kleidest?“) und ein aggressiver und vorwurfsvoller Unterton Leute vom Islam abwenden kann. Wir haben es gelegentlich mit Menschen zu tun, die sich beim Thema Islam vor die Wahl stellen: entweder mein Ohrring oder Islam, entweder mein/e Freund/in oder Islam, entweder meine Kippen oder Islam, entweder mein Forschungsdrang oder Islam uvm. Wir leben nicht in der Zeit Umar ibn al Khattabs, in der wir mit Stöcken auf Leute einschlagen können, die sich unislamisch benehmen. Wir leben im Jahre 2016, wir stehen vor Problemen, die zur Folge haben, dass ganze muslimische Generationen auf den Straßen verkommen. Meine persönliche Erfahrung ist, dass es größtenteils Muslime selbst sind, die einer starken Aufklärungsarbeit bedürftig sind! Sie schämen sich, wenn sie in ihren 20ern nicht beten können, war doch unser geliebter Prophet, Allas Segen und Frieden auf ihm, selbst schon 40 Jahre alt, als Gabriel zu ihm trat und ihm die ersten Offenbarungsworte eingab! Es ist auf unser Versagen zurückzuführen, dass ehemaligen „Salafisten“ nach gescheiterter Da’wa und „alles haram, weil haram“ vor Kameras treten und ohne Scheu ihren Kufr preisgeben. Es ist peinlich, beschämend, erniedrigend, wenn Muslime nur noch als Hinterwälder bekannt sind und kluge Köpfe sich von uns abwenden, weil wir nicht imstande waren, die einfache Kunst des Redens zu beherrschen und sie von der Perfektion des Islams zu überzeugen.

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7 Antworten auf “Die Kunst des Redens”

  1. Zia ul Haq

    Zia ul Haq

    Danke für diesen sehr gelungenen Artikel!

    Mir fällt dazu eine Anekdote ein die ich irgendwo mal im englischsprachigen Muslimweb aufgeschnappt habe. Ich gebe sie nur sinngemäß auf Deutsch wieder:

    Sein Handy klingelte während der Freitagspredigt | er bekam die Abneigung der Gläubigen zu spüren.

    [später am Abend]

    Er verschüttete seinen Drink in einer Bar | der Barkeeper schenkte ihm einen neuen ein – auf Kosten des Hauses!

    Welchen Ort wird er beim nächsten Mal lieber aufsuchen?

    Im Übrigen sollten wir auch mal näher analysieren, wie die Person Umar ibn al Khattab wirklich war. Ihm wird allerlei Gewalt und Tyrannei angelastet, diese Vorwürfe – die die Internetlöwen als islamisches Utopia verkaufen – speisen sich oftmals aus fragwürdigen Quellen, deren Authentizität nochmals genauestens geprüft werden sollte.

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  2. Abdussalam bA

    Abdussalam bA

    BismiLlahi-r-Rahmani-r-Rahim
    Wa-alaykumu-s-Salamu wa-rahmatuLlah.

    Ich sehe das Problem nur zum Teil in den Überlieferungen. Meist werden die Beispiel der von Sayyidina Omar (ra) angeblich gezeigten Härte aus dem Zusammenhang gerissen. Vor allem aber aus dem Zusammenhang seiner Persönlichkeit, die von großer Integrität, Authentizität und vor allem auch Strenge mit sich selber gekennzeichnet war.

    Genauso wie dann eine Ayah schlecht übersetzt, ohne Berücksichtigung des Offenbarungsanlasses, rücksichtslos gegen andere ggf. modifizierende Ayat etc. ev. benutzt wird, um im Extremfall der ganzen Ummah den Krieg zu erklären oder den Takfir auf sie zu verkünden, wird die Sunnah des Propheten (sAs), das Leben der oder einzelner Sahabah (ra), das Werk von Ibn Taymiyyah (rh) oder eines anderen eminenten Gelehrten (oder anscheinend häufig islamqa) völlig selektiv und reduktionistisch nach dem abgegrast, was einem in den Kram passt.

    Da verfahren dann selbsternannte 200- oder höherprozentige Muslime häufig genauso willkürlich wie die Fatwa-Shopper von der „Hauptsache-im-Herzen-gut-„-Abteilung – nur im Unterschied zu dieser zu größerer Last für ihre Umwelt.

    Zur „näheren Analyse“ des eminenten Sahabi und Kalifen Omar ibn al Khattab:
    Kennt jemand von Euch die „Omar-Serie(s)“ von MBC? Ich habe sie gesehen (a.d.Web) und finde sie sehr gut. (Mal schauen, ob nachher irgendeine Halal-Brigade über mich herfällt, und mit welcher Begründung….) Nur ein oder zwei ein bisschen merkwürdige Geschichten, aber die spielen m.E. keine größere Rolle. In vielem scheint dieses Buch als Vorlage gedient zu haben:
    http://www.kalamullah.com/Books/Umar-Ibn-Al-khattab-Volume-1.pdf
    http://www.kalamullah.com/Books/Umar-Ibn-Al-khattab-Volume-2.pdf

    Man kann dort auch jeweils die Quellen nachsehen und häufig nachvollziehen, wie „gut“ die Geschichten sind. Außerdem können diejenigen Geschwister mit Abneigungen gegen Filme darauf zurückgreifen.

    Meiner bisherigen Forschung nach wird übrigens eine ganze Menge der typischen Löwen-Narrative eher infrage oder regelrecht kritisiert, als bestätigt oder gerechtfertigt.

    Wa-Llahu a’lamu da’iman. Wa-stagfiru-Llaha wa-atubu ilayh(i).
    Wa-s-salam.

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  3. Catherine

    As salamu aleikoum.

    Man wird vermutlich vor allem dorthin gern zurück kommen, wo einem keine Bringschuld abverlangt wird.
    Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Freundlichkeit, Güte und Nachsicht oft nur auf Kredit gewährt werden, bis das sprichwörtliche Fischlein am Haken zappelt.

    Nur ein Beispiel:
    Vortragsbesuch in einer südwestdeutschen Großstadt: Anwesend ist neben einer Reihe orthodox-sunnitischer Schwestern in charakteristischer Kleidung auch eine junge Frau um die Zwanzig, offenes Haar, europäische Kleidung. Sie interessiert sich für den Islam, ist „heute mal so mit“. Um sie summt es wie in einem Bienenschwarm: „Brauchst du was?“, „Ist dir heiß?“, „Möchtest du was essen/trinken?“, „Sitzt du bequem?“ Ständig ist sie in Unterhaltungen verwickelt, wird mit Büchern und Broschüren (natürlich kostenlos) überhäuft.
    Zeitgleich betritt eine ebenfalls konvertierte Schwester den Raum. Sie ist schon länger dabei, eine lokale Bekanntheit, hat sich jedoch aus persönlichen Gründen vor einiger Zeit entschlossen, den Niqab abzulegen. Zudem trägt sie heute bei sommerlichem Wetter eine etwas hellere Garderobe. Weder wird ihr der Salam enboten noch kümmert man sich um sie. Sie ist Luft. Als sie doch einmal kurzzeitig neben der offensichtlichen Organisatorin des Ganzen steht, blickt diese sie aus den Augenwinkeln an und fragt herablassend: „Ist das jetzt die neueste Mode?“
    Monate später war zu hören, die Schwester habe dem Islam den Rücken gekehrt. In ihrer schweren Zeit habe ihr insbesondere eine nicht-muslimische Nachbarin mit Rat und Tat zur Seite gestanden.

    Man gibt Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft nicht ohne Hintergedanken. Man investiert und möchte Rendite sehen. So läuft das aber nicht.

    Wa-s-salam

    Antworten
    • Abdussalam bA

      Abdussalam bA

      BismiLlahi-r-Rahmani-r-Rahim
      Wa-alaykumu-s-Salamu wa-rahmatuLlah.

      Danke, werte Schwester „Catherine“, dass Du diese, m.E. eminent lehrreiche, Geschichte mit uns geteilt hast. Jazakumu-Llahu khayran.

      Viele meinen nun, in vermeintlicher „Islamic correctness“ sich in Verwünschungen über solche „vom Islam abgefallene“ Männer und Frauen das Maul zerreißen zu müssen.
      Dabei besteht das Problem der Re-Revertiten häufig darin, dass „Supermuslime“ es geschafft haben, ihr Islambild nicht mit positiven Assoziationen, sondern mit dem Gegenteil zu versehen. Und dies dürfte, eigentlich extra-peinlich für die selbsternannten Bid’a-Gendarmen und -Politessen, auch zu den größten Bida’at unserer Zeit zählen. (Dass man nämlich zwischen sich und dem Gesandten Allahs (sAs) nicht unterscheiden kann, und seinen eigenen Jahl, die eigenen Irrtümer und Übertreibungen dem Islam zurechnet und damit auch noch die Leute traktiert.)

      Umgekehrt kenne ich Fälle von „Kartei-Muslimen“ (Männer, die nur für die Ehe formal konvertiert sind), „Kultur-Muslimen“ (manchmal auch abwertend und für den Autor bezeichnend „Disco-Muslime“ genannt) und Re-Revertiten und Rekonvertiten usw. usf., die sich das alles noch einmal überlegt haben. Meistens auch dadurch mitbewirkt, dass sie orthodoxe Muslime kennen oder kennenlernen, die mit ihnen normal umgehen können und nicht triumphierend meinen, sie wie den letzten Abschaum behandeln zu müssen.

      Die meisten von uns konvertieren AUCH wegen irgendwelcher Menschen. Viele bekommen danach einen Schreck, wenn sie die wahre Lage der heutigen Muslime kennenlernen. Manche bekommen diesen Schreck, BEVOR sie die Religion aus ihren Quellen kennengelernt haben. Und bei vielen dieser Gruppe wurde dieser notwendige Lernprozess gerade von Muslimen behindert oder verunmöglicht. Aber „schön“ für manche Islam-Gendarmen, wenn sie einen „Murtadd“ / eine „Murtadda“ kennen, die sie schon im Feuer bruzzeln sehen….

      PS.: Meines Wissens sagte Sayyiduna Omar ibn AlKhattab (ra), dass er den (damals schon existierenden!) Muslimen, die keine Hajj vollzogen, am liebsten die Jizya auferlegen würde. Betonung: „würde“. Und von Kopf-ab war keine Rede.

      Wa-Llahu a’lamu wa-stagfiru-Llaha wa-atubu ilayh(i).
      Wa-s-salam.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      وعليكم السلام ورحمة الله

      Ein wirklich erschütterndes Beispiel. Es reiht sich in die Liste der Beispiele ein, die zeigen, dass man den Islam nicht verstehen (sprich: seine Hauptprinzipien und seine Prioritätengewichtung nicht verinnerlichen) wird, wenn man mehr Abu-XY-Vorträge hört und Internet-Fatwas konsumiert als das Buch Gottes zu studieren und über es nachzudenken.

  4. EinMathematiker

    Toller Artikel!

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  5. Catherine

    As salamu aleikoum.

    Die letzten Tage und Beiträge haben gezeigt, dass vieles im Argen liegt, aber eben auch der Wille und das Potenzial vorhanden sind, diese Dinge anzusprechen und zu verändern. Doch wo beginnen? Dazu möchte ich gern noch einmal an den von Bruder Yahya verfassten Beitrag vom 13.09.15 mit dem Titel „Circles of Responsibility“ erinnern: http://www.ahlu-sunnah.com/blog/?p=979

    Sicherlich ist noch nicht alles gesagt, was gesagt werden müsste. Aber zumindest mein Urlaub ist zuende und zudem beginnt in wenigen Tagen meine traditionelle Internetabstinenzphase.
    Deshalb nehme ich diesen Beitrag zum Anlass, mich vorläufig für die interessanten Anregungen zu bedanken und allen Autoren/der Autorin, Kommentatoren/Kommentatorinnen und Lesern/Leserinnen einen besinnlichen Ramadan – Allah subhanuhu möge ihn uns erreichen lassen,unsere guten Werke annehmen und Sünden vergeben- zu wünschen.

    Wa-s-salam

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