Macht euch nicht selbst zum Maßstab

1 Kommentar

von Yahya ibn Rainer

Na? Kennt ihr den?

Zu Beginn ist er still und reuig, weil er unwissend ist … plötzlich beginnt er den Islam zu praktizieren.

– Erst lernt er die Fatiha, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erst einmal die Fatiha, bevor du …»

– Dann lernt und beginnt er das Gebet, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Fang du erstmal an zu beten, bevor du …»

– Dann lernt er die Schutzsuren auswendig, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lerne du erstmal die Schutzsuren auswendig, bevor du …»

– Dann lernt er die „Bedingungen (für die Gültigkeit) der Schahada“ und „die Faktoren, die den Islam zerstören“, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lerne du erstmal den Aslud Diin, bevor du …»

– Dann lässt er sich einen Bart wachsen und kürzt die Hosen, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lass du dir erstmal einen Bart wachsen und kürze deine Hosen, bevor du …»

– Dann lernt er die arabische Sprache, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erstmal die arabische Sprache, bevor du …»

– Dann beginnt er das Auswendiglernen des letzten 30igstel (Juz `Amma) des Quran, um dann zu den anderen – die er hinter sich gelassen hat – sagen zu können «Lern du erstmal den Quran auswendig, bevor du …»

Dies geht immer und immer weiter so. Bis man Werke von Gelehrten gelesen und Hadithe auswendig gelernt hat. Und jedes Mal glaubt man, allen anderen, die man hinter sich gelassen hat, nun einen Vorwurf machen zu können, weil sie nicht die gleiche hochtrabende Entwicklung durchlaufen

Ich denke, hier steckt ein gewaltiges Problem im Verständnis eines gottgefälligen Muslimlebens. Niemand hat von den Awwam (normalen Muslimen) zu erwarten, dass sie Hadithbücher auswendig lernen oder anderweitig Wissende in den diversen Wissenschaften der Religion werden.

Diese Auffassung einiger Brüder ist nicht selten der Ausdruck einer maßlosen Selbstgerechtigkeit, die den Muslim dazu verleitet, immer wieder sich selbst zum Maßstab zu machen.

So lang man es selbst nicht erlernt hat, ist man natürlich still, aber beherrscht man es (oder glaubt es zumindest), macht man allen anderen ihre Unwissenheit zum Vorwurf. Dieses Denken ist ein Hauptgrund für den Salafi-Burnout vieler junger Muslime, die den hohen Ansprüchen einiger Selbstdarsteller nicht mehr gerecht werden können.

Die Religion wurde kompliziert und schwer, weil sich die Awwam anmaßen, in wissenschaftlichen Kategorien denken und die religiöse Praxis der Asketen verbindlich machen zu müssen.

Aber die Religion Allahs ist leicht und wir machen die Güte eines Muslims nicht daran fest, wie viel er auswendig kann oder über den Pflichtteil hinaus öffentlich praktiziert. Wer durch solche Aussagen, wie «Lern du erstmal dies-und-das, bevor du dies-und-das sagst/tust!» besticht, sollte sich ernsthaft Gedanken über seinen Ikhlas – seine Aufrichtigkeit – machen, denn man macht nicht nur sich und seinen eigenen Zustand zum allgemeinen Maßstab, sondern man offenbart ihn auch in einer Weise, die man auch als Augendienerei (riya) oder kleiner Shirk (kleiner Götzendienst) bezeichnen könnte.

Mit solchen Personen, egal wie groß ihr religiöses Wissen ist, wird Allah der Hocherhabene das Höllenfeuer anfachen, denn sie lernten ihr Wissen nicht nur um es zu praktizieren und anderen beizubringen, sondern auch um es zur Schau zu stellen.

Diese Dunya verlangt von uns Arbeitsteilung, auch was die religiösen Angelegenheiten anbetrifft. Einige wenige von uns erlangen das spezifische religiöse Wissen und sind uns (hoffentlich) durch ihre Askese ein Vorbild, die anderen, die Awwam (einfachen Leute) sorgen für die Bestellung der Äcker, das Handwerk, reichhaltige Märkte, technischen Fortschritt, medizinische Versorgung usw. usf.

Die Muslime sollen die Schahada verinnerlichen, die 5 Gebete verrichten, die Almosenabgabe zahlen, im Ramadan fasten und die Hajj vollziehen. Es steht niemandem zu, ihnen einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie ihre Zeit dafür aufbringen ihre Rizq (Versorgung) zu verdienen und (im Rahmen der Scharia) allzu große religiöse Belastung zu meiden.

Das Nachlassen in der Religion gehört genauso dazu, wie das Sich-verbessern. Wer sich übernimmt und sich zu schnell zu viel aufbürdet, muss es sich eingestehen und die Konsequenzen daraus ziehen. Er muss nachlassen, um sich und seinen Iman nicht zu gefährden, denn eine Überlastung führt zu einem Burnout, und dieser kann sich im schlimmsten Fall auch als endgültiger Vernichter des Imans herausstellen.

Jedoch wird ein solches Nachlassen leider nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern von den oben bereits beschriebenen Selbstdarstellern auch entsprechend kommentiert. Das Nachlassen wird vom direkten Umfeld als Vorwurf formuliert, anstatt es verständnisvoll zu begleiten.

Besonders in isolierten Gruppen kann sich ein solch „hochreligiöses“ Umfeld als zerstörerisch erweisen, weil Gruppenzwang und -dynamik einen Druck aufbauen, der in letzter Konsequenz nur noch durch einen kompletten „Ausstieg“ abgebaut werden kann.

So entstehen sogenannte „Aussteiger“, die sich vollends abspalten und häufig sogar eine regelrechte Feindschaft zu denen entwickeln, die die Religion strenger auslegen und praktizieren. Es wird ein Band zerrissen, das hätte erhalten bleiben müssen. Die einen werden jetzt als „die Radikalen“ bezeichnet und die anderen als „die Nachlassenden“, obwohl beide ihre Berechtigung haben.

Besonders die Konvertiten und Revertiten müssen sich dessen bewusst sein: So hoch deine Ambitionen auch sein mögen, du gehörst zu den Awwam, zu den ganz normalen Muslimen, zu deren Prüfungen es in dieser Dunya u.a. gehört, finanziell unabhängig zu werden, um für den eigenen und den Unterhalt der Familie sorgen zu können. Nicht jeder muss ein Student oder Gelehrter des Islams werden, man kann auch durch ganz normale wirtschaftliche Tätigkeiten ein äußerst wichtiger und tragender Bestandteil der Ummah  sein.

Haltet Maß und zeigt Verständnis. Verachtet weder die Mit-sich-Strengen (Radikalen) noch die Mit-sich-Milden und macht dem jeweils Anderen nicht eure eigene Praxis verbindlich.

Wa Allahu 3alem

Ähnliche Beiträge

Eine Antwort auf “Macht euch nicht selbst zum Maßstab”

  1. Abdussalam bA

    Abdussalam bA

    BismiLlahi-r-Rahmani-r-Rahim
    As-salamu alayku wa-rahmatuLlah.

    Ya Akhiya-l-karim Jens Ranft.

    Natürlich, und ich möchte da möglichen Missverständnissen Deines, sicher nicht so gemeinten, Textes vorbeugen, gibt es eine richtige Anwendung des Satzes „Lern …, bevor…“. D.h. m.E. gibt es ein richtiges Verständnis und eine notwendige Anwendung, während es zugleich eine total falsches Verständnis samt ebenso falscher, fitna-erregender Praxis gibt.

    Wenn ich sage: „Lern erst mal (zumindest) die (Grundlagen der) Sache, die Du tust, bevor Du sie tust“, so ist das so selbstverständlich wie „Denke, bevor Du redest oder handelst“.

    Wenn ich hingegen sage: „Lerne dieses eine zuerst, bevor Du jenes andere tust“, dann bin ich den Nachweis schuldig, das das erste, von mir als zu erlernendes benannt, wirklich zu den notwendigen Voraussetzungen gehört. D.h. nicht Du als Angesprochener musst Dir irgendein Argument einfallen lassen, warum ich als Zensor unrecht habe. Nein, umgekehrt hast Du das Recht zu erfahren, warum ich bspw. meine, dass Du erst den Koran auf Arabisch lesen und verstehen oder das Kitaba-t-Tawhid von Moh. bin Abdelwahhab lernen sollst, bevor Du einen Artikel wie den hiesigen Deinigen veröffentlichen darfst.

    Und dann hast Du das Recht, Antworten, die Du nicht verstehst, oder nicht für unzureichend hältst, abzulehnen. Die Beweis- d.h. die Überzeugungspflicht liegt bei mir.

    Dies zum i.d.Tat völlig abzulehnenden Einsatz des Satzes „Lern erst…“.

    Umgekehrt jedoch finden wir hier, dass junge Männer (i.d. Mehrzahl) über Kufr eines Muslims oder Bid’a reden, kaum, dass sie diese Wörter lateinisch buchstabieren und ggf. noch nicht einmal richtig aussprechen können.

    Und natürlich gilt: „Lern erst einmal, was Bid’a genau ist, bevor Du sie jemand anlastest.“

    Auf die weltlichen Dinge bezogen wird es vielleicht klarer:
    Wenn Du Dich selber operierst, ohne das nötige medizinische Wissen zu besitzen, so ist das Dein alkoholfreies Bier. Als Muslim, Bruder, ggf. Freund oder Verwandter, kann ich Dir den guten Rat geben: „Lern erst einmal, wie das geht, bevor Du Dir eigenhändig den Blinddarm herausholst.“
    Guter Rat! Wenn Du diese Weisheit nicht befolgst, so bist Du schon lange groß und ich nicht Dein Vormund. Dein Schaden ist aber praktisch vorprogrammiert.

    Anders herum: Wenn Du ohne jegliches solches Wissen mich operieren willst, dann werde ich Dir sagen: „Finger fort, ich entscheide, wer mich aufschneidet. Und überhaupt, lerne erst ….“
    Wenn Du das mit anderen Leuten machst, die das auch nicht wollen, muss und werde ich denen beispringen. Und wenn sie nicht merken, dass sich da der Bock selbst zum Gärtner gemacht hat, muss und werde ich Alarm schlagen. Wenn die dann sehenden Auges in ihr Unglück rennen, ist das ihre und nicht mehr meine Verantwortung.

    Nun bin ich Zeuge geworden, wie hier mehrere völlig unqualifizierte Personen, die an Zias Ruf oder Iman, an meinem, an Khalids, an Ibn Maimouns etc. herumoperieren wollten. Z.T. hat sich erst durch meine hartnäckigen und zugegebenermaßen für Nervensägen nervigen Befragungstechniken ergeben, dass diese noch nicht einmal die Qualifikation einer Arzthelferin im ersten Lehrjahr besitzen.

    Und in solchen Fällen muss man dann sagen, dass der Satz „Lern erst einmal…“ mehr als nur Pflicht ist und meistens eine heftigere Gardinenpredigt und ausführliche Diskussion von deren Scharlatanerie (sic) dazu.

    WaLlahu a’lam, wa-stagfiruLlaha wa atubu ilayh(i).
    Wa-ssalam

    Antworten

Antworten