Salafismus/Radikalismus: Entwicklung statt Ausstieg

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 04. Mai 2016 auf al-adala.de

Von Yahya ibn Rainer

Ich kann vollkommen nachvollziehen, dass manche Jungsalafisten – besonders wenn sie einen falschen Einstieg bzw. Umgang hatten – nach einer gewissen Zeit das Bedürfnis verspüren etwas herunterzufahren und die eigene bisherige Anschauung und Praxis einer objektiven und selbstkritischen Betrachtung zu unterziehen.

Dies ist ein normaler Vorgang im Leben eines Muslims und gehört zum Reifungsprozess. Der junge Muslim zeichnet sich nun einmal besonders durch Tatendrang aus und der ältere eher durch Lebenserfahrung und -weisheit.

Leider lässt der Tatendrang der Jugend häufig an Erfahrung und Weisheit mangeln, und die Erfahrung und Weisheit des Älteren führt nicht selten zu einer Reihe von Relativierungen und unnötigen Kompromissen. Aus diesem Grunde brauchen wir uns gegenseitig. Der reifere Muslim gibt Obacht, dass der jüngere nicht über die Stränge schlägt und der jüngere Muslim erinnert seinen älteren Bruder durch seinen Tatendrang an seine eigene Jugend und wie sehr er – im Gegensatz dazu – jetzt zur Relativierung neigt.

Die Beziehung zwischen Alt und Jung ist immens wichtig und zeichnet sich durch gegenseitigen Respekt aus, welcher aber zugunsten des Älteren überwiegen muss, da die religiöse Weisheit (Hikma) im Islam einen ganz besonderen Stellenwert hat.

Diese immens wichtige Bindung existiert im Leben einiger Jungsalafisten nicht oder geht verloren, entweder weil sie aus einem nichtmuslimischen Umfeld stammen oder weil sie sich, angepeitscht vom eigenen jugendlichen Tatendrang, voreilig von ihrem muslimischen Umfeld losgesagt haben.

Für diese jungen Geschwister fällt die oben erwähnte objektive und selbstkritische Betrachtung der eigenen Anschauung und Praxis sehr schwer, da sie familiär sowie sozial weitestgehend isoliert sind; oft innerhalb eines kleinen Milieus, das geringe Zweifel und Abweichungen schon als Abtrünnigkeit versteht und deshalb einen gewaltigen indirekten Druck auf den Einzelnen ausübt.

Der einzige Ausweg aus dieser Bredouille scheint für einige solcher Jungsalafisten tatsächlich der Gang zu sogenannten Aussteiger- und Deradikalisierungsprogrammen zu sein, die zumeist vom Staat oder von nichtmuslimischen Vereinen gefördert oder betrieben werden.

Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich und mit aller Eindringlichkeit von einem solchen Gang abraten. Nicht nur, dass solche „Aussteiger“ Gefahr laufen, als Erfolgsbeleg von den Institutionen und Vereinen medial vorgeführt zu werden, nein, auch die weitere religiöse Entwicklung hat in diesem nichtmuslimischen „Aussteigermilieu“ keine Chance anständig und positiv vonstatten zu gehen.

Meines Erachtens eignen sich diese Programme ausschließlich für solche jungen Menschen, die nicht nur aus ihrem Extremismus, ihrer Radikalität oder dem ominösen „Salafismus“ aussteigen wollen, sondern aus dem Islam als solchem. Für alle anderen rate ich dringend einen anderen Weg zu finden.

Doch welche Wege können das sein? Zum einen sollte man wissen, dass es unter sogenannten Wahhabiten und Salafisten zahlreiche, auch äußerst selbstkritische Kreise und Milieus gibt. Ich persönlich umgebe mich mit zahlreichen Muslimen, die zwar oberflächlich betrachtet immer noch als Wahhabiten und Salafisten wahrgenommen werden, aber z.B. bei Kritik an Sheikh Mohamed ibn `Abd al-Wahhab – Allah sei ihm gnädig – längst nicht mehr aus der Haut fahren, sondern sich vielmehr sogar selbst zur Kritik an diesem Gelehrten befähigt sehen, ohne ihn und seinen Status komplett leugnen oder verteufeln zu müssen.

Und wer in seinem Innersten eine komplette Abkehr von Teilen des „wahhabitischen Tauhidverständnisses“ und vom strengen Rechtsverständnis saudischer Gelehrter wünscht, soll sich besser an Imame und Moscheegemeinden wenden, die nicht offensichtlich mit dem Staat und nichtmuslimischen Vereinen in der sogenannten Deradikalisierung zusammenarbeiten. Und auch wenn es mir ein wenig schwer fällt, empfehle ich sogar lieber den Gang zu einer der zahlreichen zeitgenössischen Sufi-Tekken, als den Gang zu staatlich alimentierten Aussteigerprogrammen.

Bewahrt euch ein wenig Würde und Islam und verkauft euch nicht an die Politik und an die Medien, denn leider wissen wir von einzelnen Fällen, wo aus „Salafismus-Aussteigern“ ganz schnell medienpräsente Islamaussteiger wurden. Verpulvert nicht die Gabe Allahs. Haltet so gut ihr könnt an Seiner Rechtleitung fest.

Und zu guter Letzt noch meine Motivation zu diesem Beitrag. Ich las gestern nämlich auf der Website der taz ein Interview mit Claudia Danschke, die recht bekannt ist für ihr Engagement gegen das, was sie als Radikalismus und Salafismus versteht. Im Rahmen dieses Interviews äußerte sie (ganz sicher wider besseren Wissens) folgende dreckige Lüge:

«[…] Aber beim Salafismus dreht sich alles um das Versprechen auf das Jenseits. Du wirst glücklich, aber erst nach dem Tod. Das Diesseits ist nur die Prüfung für das eigentliche Leben. Das ist extrem wirkmächtig. Wenn du stirbst – und das kann jederzeit sein –, dann kommst du, aber nur wenn du den Salafisten folgst, ins Paradies. Alle anderen schmoren in der Hölle.[…]»

(Quelle: http://www.taz.de/!5296437)

Glaubt mir, diese Frau weiß ganz genau, dass wir nicht sämtliche Muslime als Ungläubige sehen, die keine „Salafisten“ sind bzw. nicht unserem Verständnis folgen. Man muss einfach die Glaubwürdigkeit solcher Menschen kennen, bevor man sich ihnen anvertraut. Diese Frau ist schon allein deshalb disqualifiziert, weil sie keine Muslima ist, aber zudem ist sie eine unglaubwürdige Nichtmuslimin, der man auch als Eltern nicht seine in den Extremismus abgedrifteten Kinder anvertrauen sollte.

Wa Allahu 3alem.

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11 Antworten auf “Salafismus/Radikalismus: Entwicklung statt Ausstieg”

  1. Milat

    Die Rettung der Jugendlichen müssen die älteren,wissenderen und weißen Muslime übernehmen!

    Das Gleichgewischt fehlt,da dies nicht übernommen wird(These).

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  2. Khalid Amin

    Assalaamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuhu,

    ich persönlich glaube, dass dieses Thema sehr viel Facetten hat. Erstmal sollten wir ganz klar die Trennungslinie zwischen Selbstverständnis der Salafiyya und der Salafismus-Definition der meisten Außenstehenden, besonders der Nichtmuslime ziehen.

    Die „offizielle“ Definition eines Salafisten deckt sich im Grunde mit dem Selbstverständnis jedes praktiziernden Muslims. Denn welcher Muslim lehnt Quran und Sunna als Maßstab für richtig und falsch in seinem Leben ab? Welcher Muslim würde ernsthaft das Diesseits dem Jenseits vorziehen? Etc.

    Für diesen kompletten Unsinn gibt es natürlich wiederum, von politischen Kalkül bis zu blanker Unbedarftheit, unterschiedliche Ursachen, die ich aber vorerst nicht genauer antasten will.

    Was nun das Selbstverständnis des „Salafisten“ angeht, so müsste man fairerweise auch hier wiederum klären, welcher der zahlreichen Unterströmungen dieser nun wieder angehört. Der Einfachheit halber seien hier generell alle miteingeschlossen, die ihren Islambegriff vor allem in den Werken Muhammad ibn Abdul Wahab als am präzisesten formuliert finden. Ein ibn Taymiyya hätte sich von einigen Ansichten und Verhaltensweisn der heutigen „Salafis“ wahrscheinlich distanziert. Vielleicht wäre Barbahari ein weiterer geeigneter Kandidat für einen Referenzgelehrten.

    Es gibt zahlreiche Gründe, sich als Muslim bewusst NICHT für diese Richtung zu entscheiden, mag es nun auf einer soliden argumentativ gestützten Basis oder aus Präferenz einer entgegengesetzten Meinung sein. Ich persönlich bin den Weg der Salafiya selbst eine Weile gegangen, habe aber in einer anderen Rechtschule die stärkeren Argumente gefunden.

    Ich habe nach wie vor einige gute Freunde und Bekannte die „auf Manhaj sind“, aber mit einigen Auswüchslern dieser Richtung möchte ich beim besten Willen nichts mehr zu tun haben. Denn ein Salafi, der sich eine gewisse Offenheit und Toleranz bewahrt hat ist ein Muslim wie jeder andere, doch leider ist dieses Exemplar nach meiner Erfahrung ein seltenes. Ein Gros der Anhänger dieser Auslegung bilden leider wenig oder nur einseitig belesene Zeloten, oft leider aus sogenannten „bildungsfernen Milieus“. Und diese stellen durch ihr lautes, rüpelhaftes Gebaren und eine starke Tendenz zur Gewalt ein gewaltiges Problem dar.

    Dass dieser (ich habe es andernorts bereits so genannt) Krawallmanhaj nach einiger Zeit zumindest auf das Umfeld des Betroffenen abschreckend und bedrohlich wirkt, nimmt mich nicht Wunder. Und wer den Islam von Anfang an lediglich durch übereifrige Takfiri-Bushidos kennengelernt hat, der mag womöglich Zweifel an der Religion selbst bekommen (na’udhu billah), da er ja von Anfang an eingetrichtert bekommt, dass diese Richtung und nur diese den authentischenIslam nach Kitab und Sunnah darstellt.

    Tragischerweise landen die verwirrten und enttäuschten Aussteiger tatsächlich hin und wieder bei fragwürdigen Anlaufstellen, die den Islam letztendlich ja als genau das wahrnehmen, was Abu Takfir und Co. ebenfalls dafür halten.

    Wenn die wacheren Geister der Salafiyya vermeiden möchten, dass der Eindruck entsteht, dass wahlweise Daesh, al Qaida oder der saudische Staat diejenigen sind, die die entsprechende Grundidee auch konsequent durchziehen, dann müssen sie sich geeignete Lösungsansätze überlegen.

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  3. Anstrengungfisebilillah

    Salamu aleykum akhi. Man sollte erst einmal festlegen, was der Salafismus genau ist. Die Salafi Bewegung ist keine Homogene Bewegung. Zum Beispiel las ich unter einem deiner Posts, worin es, wenn ich mich richtig erinnere um die Meinung der Hanabilah bezüglich der Sunnah Gebete ging, dass ein Bruder meinte das ein weiteres Stück seiner heilen Salafi Welt zerbrochen ist, da seiner Meinung nach dies dem Salafismus widerspricht. So stellt sich mir die Frage? Was hat das mit dem Salafismus zutun? Wer sagt das dies ein Anzeichen für den Salafismus ist? Unter den Salafismus gibt es Anhänger aller vier Madhahib. Auch diese Meinung findet Vertreter unter den Salafis, somit war der Kommentar komplett irre führend. Wusste der der Bruder das Schaykh Abu Yusuf in zig Themen anderer Meinung war, als Abu Hanifa? Ist jetzt auch die heile Hanafi Welt zerstört? Man muss nicht in allem einer Meinung mit Imam Ahmed sein um ein Hanbali zu sein.

    Sicherlich gibt es Themen, worin manche Salafiyun falsch liegen, aber andere Salafis folgen widerum dann der richtigen Meinung. So sollte die Kritik die man hervorbringt berechtigt sein.

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    • Khalid Amin

      Assalaamu aleykum Bruder, wie genau würdest du denn z.B. einen Salafi definieren? Dass jeder Muslim glaubt, dass seine Methodik den rechtschaffenen unter den Salaf folgt, sollte sich von selbst verstehen. Somit ist jeder Muslim ein Salafi?
      Das nächste Problem ist, dass die Salaf ebenfalls keine homogene Gruppe waren, da ja bereits die Sahaba untereinander nicht nur Meinungsverschiedenheiten sondern teilweise sogar feindschaftliche Verhältnisse kannten. Wo also trennt sich der normale Muslim vom Salafi?

  4. Anstrengungfisebilillah

    @ Khalid amin. Akhi und genau das Problem meine ich. Ob man es glaubt oder nicht, so ist AQ im Takfir und Tabdi weniger streng, als die Ulama des Saudi Regimes. Unter den Salafis gibt es von Gelehrten zu Gelehrten verschiedene Meinungen. Gelehrte wie Abdul Aziz Tarifi, Alwaan und andere haben teilweise ein anderes Verständnis, als ein Bin Baz und andere. Aber all diese Meinungsunterschiede gibt es genauso unter den Ascharia. Ein Ahmed schakir, schaykh al Islam Mustafa Sabri, haben ein anderesvVerständnis, als ein cübbeli Ahmed und andere.

    Ich gebe ein Beispiel: Imam ibn Qudama war sehr streng bzgl den aschari madhab und er hat sehr harte Worte bzgl der Abweichungen dieses madhabs. Jedoch ein Ibn Taymiyyah ist in diesem Thema viel weicher. So sieht man das es in vielen Themen unter den Ulama Meinungsunterschiede ergeben und diese wirkt sich auch auf die heutige Salafi Bewegung aus.

    Ich kann leider nicht ausführlich auf das Thema eingehen meine Tastatur ist kaputt. Jedoch sollte man manchen Ijtihat von Ulamanicht als gGrund nehmen um die salafi Bewegung zu kritisieren.

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    • Khalid Amin

      @Anstrengungfisebilillah

      Ok, danke für deine Antwort – jazakAllahu wa kheyran. Du hast darauf hingewiesen, dass hinsichtlich der Grenzen und Voraussetzungen für Takfir und Tadbi` Uneinigkeit zwischen verschiedenen Gruppen und Gelehrten existiert. Das ist natürlich erstmal richtig, aber meine Frage war ja, wie du denn nun einen Salafi definieren würdest. Das ist ja nicht nur eine Frage von „Wer macht unter welchen Bedingungen auf wen Takfir?“, sondern es geht ja darum, dass es für jede Gruppe Kriterien gibt, die man erfüllen muss, um zu dieser Gruppe zugehörig zu sein. Was also sind die Kriterien, die erfüllt sein müssen, um als Salafi zu gelten?

  5. Anstrengungfisebilillah

    Wa iyakke akhi l Habib. Dazu muss man die Eigenschaften der Gruppe herausfiltern die sie alle gemeinsam haben. Wie das Verständnis über die Namen und Eigenschaften Allahs, wie das das Wort Allahs der quran unerschaffen ist und so weiter. Und in diesen Themen haben die Salafis eindeutig recht….wa allahu alim…

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  6. Anstrengungfisebilillah

    Empfehlenswerte Seite auf deutsch zu den genannten Themen ist ahlulkalam.WordPress.com

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  7. Anstrengungfisebilillah

    Verzeih mir akhi kann aber leider nicht ausführlich auf die Themen eingehen, da meine Tastatur kaputt ist und ich für ein Satz teilweise Minuten brauche. Möge Allah dich lieben..

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    • Khalid Amin

      Ahibbakal-lathee ahabtanee lahu. Ich bin in gewissen Punkten anderer Meinung, aber inshaAllah können wir die Unterhaltung ja wieder aufnehmen, sobald deine Tastatur wieder funktioniert. Barak Allah feek

  8. Anstrengungfisebilillah

    Wa feek barak allahu. Worin bist du den anderer Meinung? Ich versuche dir so gut, wie möglich zu antworten, auch wenn es kurze antworten sein werden…

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