Personenkult, Fiktion, Realität

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Die äußerst prekäre Lage der Muslime haben wir zu einem großen Teil dem Personenkult innerhalb des zeitgenössischen Jihad zu verdanken. Nach außen hin stark wirkende, charismatische Männer, die alles aufgegeben haben, um die Flagge des Tawhid zu hissen, die Kuffar zu bekämpfen und gefangene Muslime zu befreien, all das hört sich nach einem Mujahid aus Märchenbüchern an, aber genau diese Zuschreibungen finden wir heute bei (bereits verstorbenen) Männern wie Abu Mus’ab az Zarqawi, Kopf der al Qaida, die vor 12 Jahren im Irak aktiv war. Heute sehen wir junge Muslime in ihren Anfang/Mitte 20ern Aussagen von ihm zitieren, die, wenn man sie lediglich auf den Inhalt beschränkt, überzeugend klingen.

In einer Zeit, in der wir Muslime die neuen Juden sind und die gesamte Welt sich gegen uns verschwört, wirkt ein Zarqawi wie ein Salahudin des 21. Jahrhunderts. Die Jünglinge unserer Religion jedoch tun sich schwer, Fiktion von Realität zu unterscheiden. Die Lösung für den erbärmliche Zustand, in dem wir uns befinden, liegt nicht (zwangsläufig) in einer Khilafa oder einem Mann wie al Zarqawi. Vielmehr sind es unsere Wehklagen, die uns nach außen hin wie jammernde Opfer wirken lassen. Wir sind unsere eigenen Hürden im Erreichen einer Besserung.

Wenn man einen Mann wie Zarqawi hat, genügt es dann lediglich zu wissen, dass er gegen die Amerikaner kämpfte? Welcher Qaida- oder Zarqawi-Sympathisant kann mir erklären, wer dieser Mann tatsächlich war? Kann mir jemand sagen, wie die Lage im Irak vor über 10 Jahren aussah? Zu einer Zeit, in der die al Qaida im Irak aktiv war, standen Entführungen, Ermordungen und Anschläge an der Tagesordnung. Irakische Zivilisten wurden entführt, ins Niemandsland gebracht und kaltblütig erschossen. Ich rede hier nicht von Meldungen, die ich aus „Kuffar-Medien“ entnommen habe oder von „dreckigen schiitischen Mut’a-Kindern“, sondern von irakischen Sunniten, Muslime wie du und ich (by the way: Seit wann darf man sich inmitten des einfachen Fußvolks in die Luft sprengen?).

Es herrschte kein islamisches Recht, sondern eine Anarchie, in der man nach seinem eigenen Gutdünken heraus über das Leben der Menschen entschied. Dieses maßlose Morden und Terrorisieren stärkte eine Gruppe von Menschen, die heute gleichermaßen mit Muslimen umgeht, und zwar die Schiiten. Das Land ging von der Pest zur Cholera über. Man erfüllte keinen einzigen Nutzen für die Ummah. Stattdessen sorgte man für eine Verschlimmerung der Situation, dessen Folgen bis heute anhalten.

Wir sehen heute Muslime, die konsequent über den Tawhid reden, in ihrem „Wissen“ heraus er, sie, es für ungläubig erklären, darunter auch muslimisch-geprägter Völker wie das syrische, und kurze Zeit später zum Jihad für exakt die gleichen Menschen aufrufen. Du willst also, dass europäische Muslime die Hijra nach Sham vollziehen und dort gegen die Tawaghit der Welt ankämpfen, und zeitgleich inmitten eines Volkes leben, das den Tawhid gar nicht kennt? Dass die Muslime im Nahen Osten oder in Nordafrika viel Wissen über den Islam verloren haben, steht nicht zur Debatte. Wenn Millionen von Muslimen in Ägypten, Tunesien oder Syrien auf die Straßen gehen und für Demokratie und Wahlen demonstrieren, so kann man ernsthaft an der islamischen Religiosität dieser Leute zweifeln. Wenn ich jedoch so frech bin, die Allgemeinheit dieser Völker zu Nicht-Muslimen erkläre, aber im selben Atemzug in Europa lebende Muslime anprangere, weil sie sich nicht anderen Geschwistern anschließen, die alles aufgegeben haben, um Jihad fisabilillah zu führen, dann frage ich mich: Geht’s noch? Bevor man über den Jihad spricht, muss man sich und anderen erklären, was der Islam überhaupt ist.

Man kann nicht irgendwo mit Bart und voll-Niqab antanzen und die Menschen für etwas bestrafen, wovon sie gar nicht wissen, dass und wieso es verboten ist. Man kann sich hier nicht als die neuen Sahaba präsentieren und sich aber zu schade sein, den Islam zu erklären, auf dass die Menschen bedenken mögen. Es überrascht in keinster Weise nicht, dass heutzutage mehr Muslime im Nahen Osten wegen Homosexualität oder Unzucht bestraft werden, als es zu Lebzeiten des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede auf ihm, der Fall war. Es ist eine Sache, jemanden zum Ungläubigen zu erklären, aber eine ganz andere, die gleiche Person zu belehren. Letzteres funktioniert nicht, wenn man Zarqawi oder bin Laden zitiert, aber keinen blassen Schimmer hat, wie man in einer Zeit gerecht und korrekt die Sharia einführt, in der die meisten Muslime unwissend sind… und dazu gehört auch, „auf beste Weise [mit den Menschen] zu streiten“, ihnen die Botschaft zu überbringen und sie zu belehren.Wir sollten die Religion leicht macht, aber man macht es sich etwas zu leicht, wenn man alle tötet, um sich die Da’wa zu ersparen.

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8 Antworten auf “Personenkult, Fiktion, Realität”

  1. Männer in Skinni-Jeans untergraben die öffentliche Moral der Ummah

    Folgst du dem Salafi Manhaj?

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    • Umm Rahel

      die Seite nennt sich „Ahlu Sunnah“. Deine Frage beantwortet sich von selbst.

  2. Männer in Skinni-Jeans untergraben die öffentliche Moral der Ummah

    Aha? Es bezeichnen sich ja auch nicht alle möglichen Häretiker als Ahlu Sunnah oder beziehen sich nicht auf die Sunnah – sogar Schiiten. Und es schreiben hier keine Takfiris, Hizbis, Darwinisten und Libertäre, auf dieser Seite mit dem Namen“Ahlu Sunnah“.

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    • Umm Rahel

      Worauf willst du hinaus? Die Frage richtete sich an mich und ich habe sie beantwortet. Wer sich noch zur Ahlu Sunnah bekennt ist mir egal.

  3. An Nisa

    Liebe umm Rahel, magst du mir nun deinen Standpunkt zu den im Text genannten Persönlichkeiten schildern.

    Es erschließt sich mir nicht.

    Und die Lage im iraq vor und während der US Invasion war nicht so glasklar wie du es hier schilderst.

    Ich kann nur erahnen was du genau kritisieren möchtest jedoch ist es dir leider nicht gut gelungen dies zu formulieren. Dadurch entsteht ein falscher Eindruck beim lesen.

    Inshallah Kheir.

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    • Kerim

      Sie will sagen, dass diese Leute den Koran im Hals stecken haben, weil er nicht in ihr Herz vordringt (so wie in einem Hadith beschrieben).

      In ihrem blinden Aktionismus übersehen sie den wahren Sinn des Islams und erschöpfen sich darin, Kuffar und Sünder zu bestraffffffffen!!!!!

      Ähnlich wie die Takfiris, die in ihrer Hyperintelligenz Ali zum Kafir erklärten, weil dieser menschengemachte Lösungen (lol) Allahs Bestimmung „vorzog“.

      Und die sagten: Was, du hast eine runtergefallene Dattel aufgehoben und gegessen? Kopf ab!

      Tja, ihnen wird es nicht gefallen, aber es kommt nicht von ungefähr, dass man diese ganze Fraktion den Takfiris mehr als allen anderen Gruppen naherückt.

  4. Abd al Nour

    „Vielmehr sind es unsere Wehklagen, die uns nach außen hin wie jammernde Opfer wirken lassen. Wir sind unsere eigenen Hürden im Erreichen einer Besserung.„

    Das ist allgemein ein großes Problem, das ich al hamdulillah endlich überwunden habe,

    „Man kann nicht irgendwo mit Bart und voll-Niqab antanzen und die Menschen für etwas bestrafen, wovon sie gar nicht wissen, dass und wieso es verboten ist.„

    Genau so sieht´s aus…

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  5. Khalid Amin

    Assalaamu aleykum wa rahmatullahi wa barakatuhu,

    mashaAllah ein grundsätzlich gelungener Artikel. Dürfte ich die Schwester nur darum bitten, zu verifizieren, wer genau „die Schiiten“ sind, die hier wahlweise als Cholera oder Pest deklariert werden? Die Ismailis? Die Zaidis? Wäre mir zumindest neu, dass diese sich in nennenswerter Anzahl im Irak befinden. Schliesst dies auch die Anhänger eines al Sistani ein, der Fatawa gegen sektiererische Gewalt erlässt und die Ithna Ashariyya im Lande zu Frieden und Einheit mit der Ahlu Sunnah ruft? Oder sind hier lediglich die geistigen Geschwister der Wahabite auf Seiten der 12er Shia angesprochen?

    Barak Allahu feekunna im Voraus

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