Salafisten, die träge Masse …

16 Kommentare

von Yahya ibn Rainer

Für eine beachtenswerte Schlagzeile, zumindest für viele Muslime hierzulande, sorgte im April letzten Jahres eine Initiative der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Mit ihrer kompetenten Hilfe (finanziell als auch organisatorisch) wurde das sogenannte Muslimische Forum Deutschland aus der Traufe gehoben, als Gegenentwurf zu den „konservativen Verbänden“, die nicht nur zahlreich sind, sondern untereinander auch ordentlich zerstritten.

Der demokratische Staat braucht für seine Gesellschaftsklempnerei nun einmal Mehrheiten und diese kann er mit den zumeist national und sektiererisch ausgerichteten Islamverbänden und -räten nicht erlangen. Der Ansprechpartner muss eine Mehrheit repräsentieren und in der Politik sieht man diese Mehrheit anscheinend bei denjenigen, die es mit der Religion Islam nicht ganz so ernst nehmen.

Was in unseren Kreisen eher als Kultur-, Namens- und Discomuslime bezeichnet wird, nennt man in der Politik „liberale Muslime“. Dabei ist der Begriff liberal im politischen Zusammenhang natürlich irreführend. Das Milieu, aus dem sich sogenannte liberale Muslime rekrutieren ist politisch nämlich zumeist links, reformmarxistisch und auch nationalistisch geprägt.

Interessant ist, dass man sich zur Schaffung dieser Vertretungsmehrheit auch eines miesen Tricks bedient. Da die Wortschöpfung „liberale Muslime“ – ebenso wie der Kampfbegriff „Salafisten“ – keine muslimische Definition erlaubt, sondern sich ganz allein aus der staatlich-politischen Deutungshoheit ergibt, hat man kurzerhand auch Aleviten, Jesiden und sogar orientalistische Christen in diesen liberalen Topf geworfen.

Nun ja, eines wird ihnen damit wohl sicher sein, eine geflissentlich staatshörige Mehrheit, politisch dem linken Mainstream genehm und ohne große religiöse Ambitionen.

Keine Schlagzeilen, aber zumindest eine kleine Verbreitung auf Facebook, erreichte letztes Jahr im April eine kleine Grafik, die ich spontan am Arbeitsplatz kreiert hatte. Immer noch deutlich ergriffen vom Zahlenverständnis eines fabulierenden KZ-Schiiten (ich berichtete davon auf meinem Blog), nahm ich mir die Abonnentenzahl einiger Facebookseiten vor, die von „Salafisten“ oder „salafistischen Organisationen“ betrieben werden und verglich diese mit den Abonnentenzahlen solcher Facebookseiten, die von (nach eigener Aussage) nicht- oder anti-salafistischen Personen und Organisationen betrieben werden. Zudem fügte ich noch einige nichtmuslimische Facebookseiten als Bezugspunkt hinzu. [Das „salafistische“ Schlusslicht Abdul Adhim Kamouss bitte ich zu ignorieren]

salafisten

Sinn und Zweck dieser spontanen Grafik kann man ja aus der Überschrift erahnen. «Salafisten sind nur eine kleine religiöse Randgruppe in Deutschland». Das hört und liest man andauernd. Der Bundesverfassungsschutz deckte diese Behauptung, als er im Oktober 2014 darüber aufklärte, dass es in ganz Deutschland gerade einmal 6.300 Salafisten gäbe.

Ein kleines Rechenbeispiel: Ich kenne persönlich recht viele „Salafisten“ die kein Facebook-Profil besitzen. Schätzen wir mal großzügig, dass von den angeblich 6.300 „Salafisten“ ganze 5.000 ein Facebook-Profil haben und wirklich jeder einzelne von ihnen hat die Facebookseite von Pierre Vogel abonniert. Wer sind dann die über 100.000 anderen Abonnenten? Wenn nur jeder 10. diese Seite abonnierte, weil er Pierre Vogel gut findet, dann sind das immer noch 10.000.

Wir müssen uns nicht lange mit diesen Zahlenspielen abmühen. Jeder sogenannte „Salafist“ kennt die Realität. Wir sind bedeutend mehr, als so einige liberale und nicht-Muslime uns weismachen wollen. Aber wir sind nun einmal mehrheitlich nicht das, was Staatsknechte, Islamverbände und unqualifizierte Journalisten aus uns machen wollen, nämlich ausnahmslos gefährliche Extremisten und Terroristen im Beduinenkleid.

Doch was bringt uns Quantität, wenn die Qualität zu wünschen übrig lässt. Denn noch viel mehr, als wir sogenannte Ungläubige und Neuerungsträger verabscheuen, verabscheuen wir uns in Wirklichkeit gegenseitig.

Da wir schon beim Thema Facebook sind, können wir gern diese Plattform als Messlatte für unseren Zustand nehmen. Das Kommentar- und Diskussionsniveau unter Facebook-Salafisten unterscheidet sich nämlich nicht großartig von dem Niveau, dass wir auf den Seiten von PEGIDA & Co vorfinden. Die meisten Schimpfwörter, die „Salafisten“ kennen, beziehen sich auf andere Muslime und zum großen Teil auch auf andere „Salafisten“.

Genau diese „Salafisten“ sind es auch, die den zahlreichen Predigern und Organisationen auf Facebook solch eine gewaltige Verbreitung verschaffen, aber in der realen Welt nichts erwähnenswertes auf die Beine stellen können.

Der Zentralrat der Muslime, der im Internet die Domain www.islam.de belegt und – mit Aiman Mazyek an der Spitze – von Politik und Medien als Vertreter der Muslime in Deutschland gefeiert wird, hat gerade einmal um die 10.000 Mitglieder.

Es bräuchte nur ein wenig Engagement, ein wenig Herzblut und ein wenig Abkehr vom Internetislam, und wir „Salafisten“ könnten mit anderen „Islamisten“ und „Fundamentalisten“ einen Rat aus der Traufe heben, der zahlenmäßig den anderen Räten und Verbänden zumindest ebenbürtig sein würde.

Gerade jetzt, wo Staat und Politik versuchen „muslimische“ Mehrheiten jenseits des Islams zu mobilisieren, könnte ein frischer radikaler Wind durchaus für Gleichgewicht sorgen.

Aber dazu sind wir „Salafisten“ zu egoistisch, zu selbstverliebt, über weite Teile auch viel zu ungebildet und vor allem auch zu geizig. Ohne es zu merken, hat die angeblich so rückständige Steinzeitideologie der Salafi-Bewegung in Deutschland die Errungenschaften der abendländischen Aufklärung in sich aufgenommen und die Geldbörse hat sich an den hiesigen Wohlfahrtsstaat gewöhnt. Niemand lässt sich was sagen, jeder weiß es besser, Hierarchien haben keine Chance und das Geld (wenn überhaupt eigenes erwirtschaftet wird) klebt geradezu an der Geldböre.

Ein großer Rat der orthodoxen Muslime ist schnell gegründet, wenn man in der Lage ist die eigene (oft unwichtige) Meinung zurückzustellen und regelmäßig einen gewissen finanziellen Beitrag abdrückt. Aber wir bezahlen lieber auf Facebook mit Likes, die sind kostenlos, und glänzen im anonymen Netz mit gegoogeltem Wissen und geheuchelten Bekenntnissen.

So wird das nichts. Leider. Salafisten eben, die träge Masse …

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16 Antworten auf “Salafisten, die träge Masse …”

  1. Muhammad Ibn Maimoun

    السلام عليكم

    Ich fürchte, so ein Verband würde eh ein Haufen Jugendlicher, den niemand ernst nimmt, und der sich regelmäßig im Ton vergreift (vgl. IZRS in der Schweiz). Oder der sich am Ende genauso mit dem Establishment arrangiert wie die anderen Verbände auch (siehe Nur-Partei in Ägypten). Was sollten denn die Ziele eines solchen Vereins sein?

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    • EinMathematiker

      السلام عليكم

      ich muss mich dem Vorredner (leider) anschließen. Zusätzlich würde ich die Frage aufwerfen, was man mit einem Rat überhaupt bezwecken möchte, bzw. was es den Muslimen, die sich dieser Strömung zurechnen, bringen würde?!

      barakaALLAHu feekum.
      EinMathematiker

    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Wa alaykum assalam wa rahmatullah,

      Allah subhanahu wa ta3ala sagt in Sure asch-Schura (42), Ayah 38:

      وَ‌الَّذ‍ِ‍ي‍‍نَ ‌اسْتَجَابُو‌ا‌ لِ‍رَبِّهِمْ ‌وَ‌أَ‍قَ‍‍امُو‌ا‌ ‌ال‍‍‍صَّ‍‍لاَةَ ‌وَ‌أَمْرُهُمْ شُو‌‍رَ‌ى‌ بَيْنَهُمْ ‌وَمِ‍‍مَّ‍‍ا‌ ‌‍رَ‌زَ‍‍قْ‍‍‍نَاهُمْ يُ‍‌‍نْ‍‍فِ‍‍قُ‍‍ونَ
      «Und die auf ihren Herrn hören und das Gebet verrichten, ihre Angelegenheiten durch Beratung regeln und von dem, was Wir ihnen beschert haben, spenden»

      „… Wa ‚Amruhum Shūrá Baynahum …“

      Wenn wir von einer Ummah sprechen, dann ist es genau das, nämlich die Beratschlagung (Schura) der Muslime untereinander und miteinander. Ich bin bei weitem kein Befürworter des modernen Kollektivismus, der das Individuum dem Kollektiv unterordnet, aber die Situation wie wir sie momentan haben, ist eine Atomisierung, jeder in seiner eigenen Partei mit seiner eigenen persönlichen Auslegung, ohne auch nur einen Hauch von Zusammengehörigkeitsgefühl.

      Es braucht Hierarchien und Autoritäten, die es in unserer modernen Staatsgesellschaft leider nicht mehr gibt. Der gegenwärtige Zustand der Muslime hierzulande ist ein Resultat der Aufklärung, das uns die starke Staatsmacht geradezu abnötigt.

      Bertrand de Jouvenel schrieb bereits 1949:

      «Das Ziel [der expandierenden Staatsgewalt] ist die Zerstörung jeder Befehlsgewalt außerhalb der des Staates. Es bedeutet völlige Unabhängigkeit eines jeden von familiären und sozialen Autoritäten; aber sie muß mit vollständiger Unterwerfung unter den Staat bezahlt werden. Es bedeutet die völlige Gleichheit aller Bürger um den Preis einer vollständigen Nivellierung vor der staatlichen Macht. Es bedeutet das Verschwinden aller Kräfte, die ihren Ursprung nicht im Staat haben, die Verneinung intermediärer Herrschaft. Es bedeutet in einem Wort die Atomisierung der Gesellschaft, die Zerschneidung aller besonderen gesellschaftlichen Bindungen zwischen den Menschen, deren einzige jetzt darin besteht, gemeinsam dem Staat zu dienen. Es bedeutet gleichermaßen extremen Individualismus und extreme Vergesellschaftung.

      Alle historischen Gesellschaften scheinen sich auf eine Verfassung hin entwickelt zu haben, die alles Leben und alle Bewegung auf die Staatsgewalt konzentriert. Und es ist eine despotische Verfassung, in der Reichtum, Macht und sogar Freiheit nur über den Staat zu erlangen sind, in der er zum Einsatz wird, um den sich alle streiten, und dessen Inhaber sich vor einer in Anarchie führenden Konkurrenz nur dadurch zu schützen vermögen, daß sie den Prozeß ihrer eigenen Vergötterung einleiten.»
      (http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-das-ziel-der-expandierenden-staatsgewalt/)

      [Interessant nebenbei ist auch, was Bertrand de Jouvenel als ein Hindernis dieser zerstörerischen expandierenden Staatsgewalt ausmacht: http://www.al-adala.de/Neu/buchauszug-bertrand-de-jouvenel-glaubenshaltungen-das-hindernis-der-expandierenden-staatsgewalt/%5D

      Fakt ist, dass wir hier in Deutschland eine große Verpflichtung vernachlässigen, wenn wir die gegenseitige Beratschlagung unterlassen. Der Schaden, der aus digitalen Autoritäten resultiert – die aus Mangel von vielen jungen Muslimen angenommen werden – muss beseitigt werden, indem diese Autoritäten sich einem echten Dialog stellen müssen, und sich nicht in irgendwelchen Diss-Tracks auf YouTube peinliche Auseinandersetzungen liefern.

      Wa Allahu 3alem

    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Beratung untereinander finde ich natürlich gut. Warum aber auf eine bestimmte Strömung einschränken, und z.B. Kamouss ausschließen? Und ist dafür ein Verband Voraussetzung? Wie wäre es mit regelmäßigen öffentlichen (wohlgeregelten!) Diskussionsrunden?

  2. Pali

    Das größte Problem der Muslime war (und ist) die Uneinigkeit. Ob nun aus Nationalistischen, Kulturellen oder ,,Religiösen Gründen“. Ob es nun 6.000 oder 60.000 Salafisten gibt ist eigentlich völlig egal, da sie sich sowieso lieber an die Gurgel springen statt sich zusammen einem gemeinsamen Ziel zu widmen. Aber wer will es ihnen verdenken, es ist doch einfacher dem anderen den Fehler zuzuschreiben, anstatt gemeinsam eine Lösung zu finden und Bereitschaft für Kompromisse zu zeigen.

    http://www.focus.de/politik/deutschland/gross-razzia-der-polizei-beamte-durchsuchen-wohnungen-und-geschaefte-von-salafisten-in-bremen_id_5468231.html

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  3. Kerim

    Nein, Salafis sind nicht die Masse.

    Was der Autor nicht sieht: Salafis sind einfach aktiver als andere Gruppen und vor allem öffentlicher.

    Es gibt in fast jeder Stadt in DEU Gülencis und Nurcis, also mehrere Tausend allein in Deutschland.

    Doch diese treten kaum öffentlich auf.

    Dann gibt es 1,5 Mio Türken, die überwiegend Ditib-orientiert sind.

    Vom Ausland will ich gar nicht anfangen.

    Von den 1,5 Mrd Muslime gehören über 80% den 4 Rechtsschulen an, überwiegend Hanefi, Schaffi und Maliki.

    Antworten
    • Yahya Jens Ranft

      Yahya Jens Ranft

      Mit „Masse“ (in Verbindung mit dem Adjektiv „träge“) sollte eher eine Assoziation zur physikalischen Trägheit eines Körpers hergestellt werden und nicht der Eindruck erweckt werden, dass Salafis die Masse der hiesigen Muslime ausmachen würde.

  4. Kerim

    PS zur Grafik:

    Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten muss man sagen, dass der Ersteller wohl nie was von Gütekriterien gehört hat.

    Denn die meisten Anhänger obiger Gruppen, wie IGMG, Ditib, Nurcis, Gülencis, sind anders strukturiert und einzelne Starprediger, die dann von allen Abos und Likes bekommen, gibt es nicht.

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  5. Schützt die islamische Familie!

    https://m.youtube.com/watch?v=Q1U3Ivv3www

    Für Herrn Illi ist der Islam eine Produktlinie, wo sich jeder nach persönlichen Präferenzen seinen eigenen mitunter häretischen augenscheinlichen Islam aussuchen kann. Wer was für die Muslime machen will, sollte Jura studieren und mit anderen muslimischen Juristen etwa einen Verein oder eine Kanzlei gründen, die sich auf entsprechende Fälle spezialisiert hat. Wohlhabende Muslime können hierfür spenden.
    Muslime sind nicht angewiesen auf verderblichen politischen Aktivismus mit Kuffar oder Ahlu Bid’ah.

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    • Muhammad ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Hab mir das Video gerade angeschaut. Qaasim Illi wird von dem arabischen Fragesteller falsch zitiert, nämlich mit falschen Vokabeln („gehen“) und in indirekter Befehlsform (auf arabisch: „er soll zu … gehen“), kein Wunder, dass so eine krasse Fatwa am Schluss herauskommt.

  6. averroes

    Mit den Facebook-Likes zu arbeiten ist immer n bisschen heikel. Gehen wir mal danach, wie viele von den Likes aus Deutschland kommen:

    Pierre Vogel: 32,7% (51601)
    Die Wahre Religion: 44,8% (75996)
    Sven Lau: 35,1% (18296)
    Abdul Adhim: 79,9% (9636)
    Siegel der Propheten: 11,4% (9597) … 34,6% der Likes kommen aus Bangladesh, 16,9% aus Ägypten, der Rest aus aller Herren Länder.

    Ich vermute dass da durchaus auch Likes gekauft wurden…

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    • Anon

      BarakAllahu feek für die Zahlen.

      Schon erstaunlich wie sich die Admins solcher Seiten von diesen Likes was einbilden.

    • Muhammad Ibn Maimoun

      السلام عليكم

      Hab mich sowieso mal gewundert, dass al-islaam.de hunderttausende von Likes hatte, obwohl die Seite schon vor dem Facebook-Hype weitegehend in Vergessenheit geraten war. Jetzt scheint eine Korrektur vorgenommen worden zu sein, der Zähler steht nur noch auf 233.

  7. Adil

    Bismillah;

    Die Kollektivbildung erfordert die Fügung zu einem Rahmenkonstrukt, der bei jedem vorhanden sein oder angenommen werden müsste. Das funktioniert meist nicht; frühestens dann, wenn ich Pierre Vogel aufgrund einiger relevanter Merkmale nicht als Muslim ansehe. Auch würde ich mich nicht zu einem Konstrukt hineinbegeben, in dem die Darwinisten ihr Unwesen treiben; die „Insider” wissen wohl Bescheid. Wassalam.

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    • Kerim

      Könntest du bitte mir sagen, was du mit Darwinisten meinst?

    • Adil

      Im weiten Sinne jegliche Scheinmuslime, die eine humane Evolution aus tierischen Vorgängern heraufbeschwören möchten.

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