„Mainstream“ gut – Salafismus böse

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Die Anhänger der Saudi-Kirche, die sich selber als „Salafisten“ bezeichnen und von ihren Gegnern „Wahabiten“ genannt werden, haben lange und hart an der Entstehung ihrer schlechten Reputation gearbeitet. Aufgrund der aktuellen Weltlage ist es äußerst opportun auf sie verbal (und physisch) einzuschlagen, da sie momentan zu den Geächteten gehören.

Gleich jenen verzweifelte Christen, denen die Anhänger in Scharen davonlaufen, die nun versuchen den Status Quo für ihre Ideologie zu missbrauchen und sich selbst als die „humanere“, „schönere“ und besser in die Zeit passende Religion darzustellen versuchen, in dem sie dem Islam die schlechtesten Eigenschaften attribuieren und ihn per se als Gewaltreligion darstellen. Allerdings ignorieren sie die „problematischen“ Verse ihrer heiligen Schrift, sowie die immense Gewalt die von Ihnen in den letzten Jahrhunderten ausging mit einer Inbrunst, die jedem neutralen Beobachter die Haare zu Berge stehen lässt. Alles Wischiwaschi, nichts muss, alles kann. Verdrängung, Relativierung und Anschuldigung – das sind die Strategien der christlichen Apologeten gegen den Islam.

Jedoch möchte ich nicht den interreligiösen Konflikt ansprechen, sondern den innerreligiösen Konflikt, den die Schamanen als sakrosankten, gar vom Propheten (Allahs Segen und Heil seien seine ewigen Begleiter) gewollten Zustand der Ummah verkaufen wollen. Ähnlich wie die Christen, die die Gunst der Stunde nutzen um Hetze und Propaganda gegen den Islam zu betreiben, sehen wir ähnliches in den innerreligiösen Konflikten. Salafisten gelten als intolerant und vereinen auch sonst nur die schlimmsten Eigenschaften in sich. Salafisten treten den anderen Kirchen und Tempeln zu selbstbewusst auf, sie haben eine strenge religiöse Hierarchie und konzentrieren die gesamte Medienaufmerksamkeit auf sich. Auch wenn es nie wirklich einen Unterschied zu den anderen Rechtsschulen gab – Salafismus ist genauso eine Kirche wie der Hanafismus oder Schafiismus – hat es diese Kirche geschafft sich von den anderen im besonderen Maße abzuheben. Auch wenn es nur ein leerer Slogan ist, aber „ich folge nur Koran und Sunnah“ – diese Aussage wird nur von den Salafisten gebraucht, zwar nur dann, wenn sie in Diskussion mit den anderen Kirchen treten, denn den Aussagen ihrer Kardinäle würden sie niemals so relativieren, aber immerhin. Koran und Sunnah ist die richtige Antwort auf die vielen (falschen, erlogenen und selbstgerechten) Urteile, die seit Jahrhunderten in der Ummah grassieren. Ein strammer Hanafit oder Malikit würde lieber das Muwatta oder den Fiqh ul Akbar verbrennen, bevor er sagt „ich folge nur Koran und Sunnah“, denn diese Aussage ist bei den Rechtsschulen bereits Abfall vom wahren Glauben oder zumindest ziemlich nah dran. Man könnte ruhigen Gewissens Salafist werden, wenn sie die Aussage „ich folge nur Koran und Sunnah“ ernstmeinen und in Wort und Tat umsetzen würden, aber solange es nur eine Floskel ist um seine politischen Gegner mundtot zu machen, so lange sind sie nicht besser als alle anderen Sekten und Gruppen, die für sich die Heiligkeit des Wortes gepachtet haben.

Dass die einzelnen Rechtsschulen sich gegenseitig in Vergangenheit zerfleischt haben und die heutige (oberflächliche) Toleranz ein Ergebnis jahrhundertelanger Konflikte ist, wollen wir der Einfachheit halber beiseitelassen. Man möge ja nur die Urteile der Hanafiten bzgl. ihrer schafiitischen Konkurrenten betrachten. Wie wäre es mal mit einem Buch mit dem Titel „Kriminalgeschichte des Hanafismus“ und der anderen Unrechtsschulen und Gruppierungen?

Mir geht es darum, die einseitige Hetze gegen die salafistische Kirche anzuprangern, nur weil Salafismus auch nicht das Gelbe vom Ei ist, heißt es noch lange nicht, dass die Alternativen wesentlich besser seien, denn ihr Hauptargument gegen Salafismus ist lediglich: „Wir waren zuerst da!“. Letztens las ich unter einem YouTube-Video, welches sich um Frauenrechte in Pakistan drehte, einen Kommentar, in dem es hieß, dass die von Grund auf frauenfeindliche (eigentlich menschenfeindliche…) Kultur Pakistans gänzlich von den „Wahabiten“ beeinflusst worden sei. Nun, frauenfeindlich war die Gesellschaft zum einen schon immer und nicht erst seit Erstarken der Salafi-Bewegungen, zum anderen kann die Aussage wohl nicht ernstgemeint gewesen sein. Heidnische Sufipriester  raten Ehemännern schon seit Jahrhunderten ihre widerspenstigen Ehefrauen eine Nacht lang an einen Sufi-Tempel anzuketten, damit die dort ansässigen Priester „ihr Benehmen“ (=vergewaltigen und evtl. davor oder danach ein Sufi-Gebet sprechen) beibringen können. Berücksichtigen die einseitigen Salafismus-Kritiker – westlich wie islamisch – die Degenration in den anderen Gruppen? Warum nicht? Schiiten, Sufis und Rechtsschulen als „Islam light“-Version? Ernsthaft?

Was ist an der Aussage „Koran und Sunnah“ so schlimm? Ist der Koran und die Sunnah so unverständlich, dass es schon an Blasphemie grenzt, wenn man diese als Rechtsschule oder Grundlage für die eigene Religion angibt? Kann es sein, dass es zu einem mehrere „richtige“ Sachverhalte existieren? Glaubt man das wirklich? Oder ist man schon so sehr von der Propaganda der Rechtsschüler beeinflusst, dass der Koran zwar textuell nicht verfälscht, aber der Sinn hinter dem Text für immer verlorengegangen sei?

Die Lösung liegt in der Kanonisierung der überlieferten Texte und Urteile. So wie man einst den Koran kanonisiert hat, kann man auch heute mit derselben Methodik verfahren um die Einheit der islamischen Welt voranzutreiben. Allerdings wird eine Einheit der Ummah von den Muslimen selber nicht gewollt, es gefällt ihnen in kleine Parteien zerstückelt zu sein, den Koran und die Sunnah zu marginalisieren, das Prophetenwort geringzuschätzen und dafür die Worte der heiligen Schamanen als Koran- und Sunnahersatz zu nehmen. Ihnen gefällt die Tyrannei, der Personenkult, die Heuchelei, die sich nicht nur in Form der Toleranz den anderen Tempeln und Kirchen gegenüber widerspiegelt.

Leider ist aber die heilige Gelehrsamkeit zu sehr damit beschäftigt den zehntausendsten Kommentar zum Kommentar zum Kommentar der Biografie von Imam X zu schreiben oder eine Widerlegung einer schon seit Jahrhunderten ausgestorbenen Sekte, denn das sind ja die wahren Probleme der Ummah! Was hatte Imam X zum Mittagessen, wie antwortete er, wenn man ihn nach seinem Alter fragte? Und übrigens, seine Frau war eine begnadete Köchin und sie half ihm bei der Urteilsfindung, in dem sie seinen Kopf massierte bis er zum richtigen Urteil kam! Problem gelöst!

Was war nochmal das Problem?

 

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Eine Antwort auf “„Mainstream“ gut – Salafismus böse”

  1. Adil

    Die letzte Fragestellung hätte per se gereicht. Wo ist eigentlich das Problem? Das Problem liegt eigentlich darin, dass zu viel gesprochen wird. Ja, ernsthaft: die Abendländer entwickeln Überschallflugzeuge und im Morgenland findet (immer noch) ein Pseudo-Disput über die Rechtsschulen statt. Man schaue auf die Initiatoren der Rechtsschulen: Die sind der heutigen östlichen Gemeinde meilenweit vorraus gewesen! Man hat sich gegenseitig respektiert, sich gegenseitig anerkannt, sich gebildet und zu einer dominierenden Gemeinschaft verholfen. Solche Werke wie oben können ja irgendwo richtig liegen (der Text von Zia), aber sie sind zu exzessiv. Die Mitte wird praktisch nahezu immer verfehlt. (Rechtsschulen -> As-Salaf As-Sahih und nicht Rechtsschulen kontra Salaf)

    http://kalemfix.blogspot.de/2016/04/der-ruckstand-des-ostens.html

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