„Über die Wahaby“ – Militärangelegenheiten der Wahaby (Teil 14)

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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, gesammelt während seinen Reisen im Morgenlande von dem verstorbenen Johann Ludwig Burckhardt“, welches um 1814 von Johann Ludwig Burckhardt während seiner Pilgerfahrt in englischer Sprache verfasst und 1831 in deutscher Übersetzung zu Weimar publiziert wurde.
[Ich rate dazu an, diese Beitragsreihe vom 1. Teil an zu lesen.]

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Zwischen den Wahaby und den Beduinen findet in Militärangelegenheiten nur geringer Unterschied statt. Ohne eine stehende Armee zu haben, sammelt der Scheikh eines Stammes die kriegerischen Araber seines Lagers zu einer Unternehmung gegen den Feind, und das Korps wird wieder aufgelöst, sobald sie zurückkehren. So verhält es sich auch mit den Wahaby. Bis auf einige Hundert auserlesene Männer, welche in Derayeh unterhalten werden, hatte weder Saud, noch sein Vater jemals eine stehende Armee, oder Truppencorps. Wenn das Oberhaupt einen Angriff vorhat, so bescheidet es die Scheikhs der Stämme und Distrikte auf einen gewissen Tag an einen bestimmten Ort, in der Regel an einen Brunnen in der Wüste. Manchmal verlangt das Oberhaupt vom Scheikh eine gewisse Zahl Soldaten, der sie dann mittels einer Art Konskription¹ von jedem, unter seiner Kontrolle befindlichen, Dorf und Lager aushebt. Werden z. B. vom Scheikh der Provinz Kasym 1000 Mann verlangt, so muss jede Stadt dieser Provinz nach Maßgabe ihrer Bevölkerung dazu beitragen. Die Bewohner der Städte (oder in Lagern die Beduinen) machen dann die Sache unter sich in Güte ab. Alle, welche deluls oder Kamele zum Reiten besitzen, teilen sich in zwei Klassen. Die eine davon geht jetzt in den Krieg und die andere beim nächsten Aufgebot. Alle Mannspersonen von 18 bis 60 Jahren, verheiratet, oder ledig, oder Familienväter, sind militärpflichtig. Alle diejenigen, welche Stuten besitzen, müssen bei jedem Aufgebot erscheinen, es müsste denn ausdrücklich bemerkt worden sein, dass keine Reiterei nötig ist. Wenn sich einer versteckt, so nimmt das Oberhaupt seine Stute, sein Kamel, oder mehrere Schafe, als Buße dafür. Saud war sehr streng in Eintreibung dieser Bußen, und die schweren Militärpflichten, welche denen aufgelegt waren, die Pferde besaßen, bewog sie, diese wertvollen Tiere zu verkaufen, wodurch die Zahl der Pferde in Sauds Gebiete sehr vermindert wurde.

Es wurde manchmal ein allgemeines Aufgebot erlassen, ohne irgendeine Zahl der Truppen zu bestimmen. In diesem Falle mussten sich alle stellen, welche ein delul besaßen. Bei manchen Gelegenheiten sagte das Oberhaupt bloß: „Man darf diejenigen nicht zählen, welche sich der Armee anschließen, sondern diejenigen, welche hinter ihr stehen.” Jedermann, der nur Waffen tragen konnte, fühlte sich dann verpflichtet, zu gehen; der Reiche versah den Armen mit Kamelen und Waffen, oder sie wurden ihm aus dem Beit el Mal gereicht. Wenn ein sehr weiter Kriegszug im Werke war (wie z. B. derjenige im Jahre 1810 gegen Damaskus, oder gegen Oman), so befahl Saud seinen Anführern, ihn bloß mit der Sylle, d. h., mit den auserlesensten Reitern zu Pferd und zu Kamel, zu begleiten. In diesem Falle schloss sich von Zwanzigen nicht mehr, als Einer der Armee an. Einige Araber versuchen es aber, bei allen Gelegenheiten sich zu verbergen, ober der Konskription zu entgehen, obschon sie wissen, dass sie sich dadurch unvermeidlich eine schwere Strafe zuziehen. Sie geben dann lieber die Strafe, als dass sie die großen Kosten tragen, (sich für den Kriegszug auszurüsten und aus eigenem Vermögen auf 40, oder 50 Tage Lebensmittel anzuschaffen.

Hundert Pfund Mehl, 50, oder 60 Pfund Datteln, 20 Pfund Butter, ein Sack Weizen, oder Gerste für das Kamel und ein mit Wasser gefüllter Schlauch sind die Vorräte eines Soldaten der Wahaby. Datteln mit Mehl vermischt, zu einem Kuchen geknetet und in der heißen Asche gebacken, sind das Frühstück und Abendbrot. Der Preis dieser Lebensmittel; die Zeit, welche die Expedition in Anspruch nimmt, und die nützlicher angewendet werden kann; der Nachteil, welcher dem Kamele durch zu starke Anstrengung zugefügt wird, in Folge welcher viele unterwegs sterben; alle diese Umstände machen dem armen Araber die Militärpflicht sehr lästig. Wenn indessen das Aufgebot kein allgemeines ist, so kann man einen Stellvertreter senden, welchem man für eine gewöhnliche Expedition von ungefähr 40 Tagen außer den Lebensmitteln noch 8 bis 10 Spanische Dollars gibt.

Wenn die Kamele selten sind, so nimmt jeder Kamelreiter noch einen Gefährten (meradif) hinter sich.

Eine frühere Bemerkung über Grundeigentum, welches unter der Bedingung der Militärpflichtigkeit in Lehn gegeben ist, ist, wie ich mich jetzt überzeugt habe, falsch. Alle männlichen Wahaby sind insoweit Soldaten, dass das Oberhaupt sie jeden Augenblick zum Dienst entbieten kann; und so ist es ihm möglich, binnen 14 Tagen eine treffliche Armee zu sammeln. Aber diese Einrichtung, obschon ganz vortrefflich für rasche Bewegungen in das Gebiet eines Feindes, oder um einem Einbruch zu begegnen, eignet sich gar nicht für entfernte und fortgesetzte Eroberungen.

Die Religion der Wahaby schreibt beständigen Krieg gegen alle diejenigen vor, welche der verbesserten Lehre nicht beigetreten sind. Da fast ganz Arabien den Wahaby sich unterworfen hat, so waren ihre Expeditionen hauptsächlich gegen ihre nördlichen Nachbarn, von Basra an längs dem Euphrat bis nach Syrien, gerichtet. Es hat aber nicht den Anschein, als ob sie jemals den Wunsch gehabt hätten, ihre Herrschaft über die Grenzen Arabiens hinaus zu verbreiten, sodass sie Irak, Mesopotamien und Syrien nur des Plünderns halber angriffen. Plötzliche Überfälle waren für solchen Zweck am vorteilhaftesten, und eine andere Art des Krieges haben die Wahaby nie geführt. Ihr Oberhaupt wünschte ohne Zweifel, sich zum alleinigen Herrn von ganz Arabien und seinen Stämmen zu machen; und diejenigen, welche seine Einladung, echte Muselmänner zu werden, von sich zurückwiesen, waren den Angriffen der Wahaby von allen Seiten ausgesetzt. Sie verwüsteten ihre Felder und Dattelbäume und trieben ihr Vieh fort, während ihre Nachbarn, welche den neuen Glauben angenommen hatten, von den Wahaby nicht belästigt wurden. Eine Menge Araber fügten sich dem Antrage der Wahaby deshalb scheinbar, um ihr Eigentum und sich selbst gegen beständige Plackerei sicher zu stellen; aber wenige Provinzen, oder Stämme, die außerhalb Arabien bekehrt worden waren, empfanden ein wirkliches Interesse für die Sache der Wahaby. Mit dem Scherif von Mekka wurden eine Menge Bündnisse geschlossen, welche zum Zwecke hatten, der Macht von Sauds Familie Widerstand zu setzen; und die Beduinen betrachteten gleich anfangs ihre Unterwerfung wie ein Bündnis mit einem stärkeren benachbarten Stamme, welches sich jede Stunde aufheben und in Krieg verwandeln lässt. Provinzen, welche durch ihre Bevölkerung mächtig waren, wie z. B. Dschebel Schammar, Hedschaz und Jemen, und noch andere, die vom Hauptsitze der Macht der Wahaby in Nedschid entfernt lagen, wurden bald in Befolgung der Befehle des Oberhauptes ziemlich lau und bezahlten den Tribut unregelmäßig. Anfangs erinnerte er sie an ihre Pflicht durch eine väterliche Ermahnung, die sie für einen Beweis von Schwäche hielten, und nun zu offenem Aufruhr überschritten. In diesem Falle meldet das Oberhaupt allen seinen Scheikhs, dass die und die Araber Feinde geworden sind, und dass es bis auf ferner weite Befehle jedermann freistehe, sie anzugreifen. Er sendet hierauf drei, oder vier leichte Expeditionen gegen sie, und sie werden bald wieder zum Gehorsam gebracht, indem sie ihre Ernte und ihr Vieh zu verlieren fürchten. Man hat oft den Saud sagen hören, dass kein Araberstamm eher den Wahaby treu angehängt habe, als bis er zwei-, oder dreimal von den Wahaby geplündert worden sei.

Manche sehr starke und entfernte Stämme haben indessen erfolgreich die Zahlung des Tributes verweigert, obschon sie sich in anderen Hinsichten zu den Wahaby bekennen. Als z. B. im Jahr 1810 Sauds Macht in Arabien noch unerschüttert war, weigerten sich die nördlichen Aeneze, Tribut zu zahlen, und Saud hielt es nicht für staatsklug, sie durch Gewalt zu unterwerfen, sondern korrespondierte beständig mit ihren Scheikhs, welche ihm, dem Namen nach, sich unterwürfig bekannten, aber dem Interesse ihrer Stämme gemäß handelten, sobald sie mit Parteigängern der Wahaby in Berührung kamen.

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¹ Wehrpflicht

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Eine Antwort auf “„Über die Wahaby“ – Militärangelegenheiten der Wahaby (Teil 14)”

  1. Samir

    S.a.

    „Die Religion der Wahaby schreibt beständigen Krieg gegen alle diejenigen vor, welche der verbesserten Lehre nicht beigetreten sind. Da fast ganz Arabien den Wahaby sich unterworfen hat, so waren ihre Expeditionen hauptsächlich gegen ihre nördlichen Nachbarn, von Basra an längs dem Euphrat bis nach Syrien, gerichtet. Es hat aber nicht den Anschein, als ob sie jemals den Wunsch gehabt hätten, ihre Herrschaft über die Grenzen Arabiens hinaus zu verbreiten, sodass sie Irak, Mesopotamien und Syrien nur des Plünderns halber angriffen. Plötzliche Überfälle waren für solchen Zweck am vorteilhaftesten, und eine andere Art des Krieges haben die Wahaby nie geführt. Ihr Oberhaupt wünschte ohne Zweifel, sich zum alleinigen Herrn von ganz Arabien und seinen Stämmen zu machen; und diejenigen, welche seine Einladung, echte Muselmänner zu werden, von sich zurückwiesen, waren den Angriffen der Wahaby von allen Seiten ausgesetzt. Sie verwüsteten ihre Felder und Dattelbäume und trieben ihr Vieh fort, während ihre Nachbarn, welche den neuen Glauben angenommen hatten, von den Wahaby nicht belästigt wurden.“

    Ein Kommentar zu diesem Abschnitt würde mich mal interessieren, hinsichtlich Übereinstimmung mit islamischen Grundsätzen. Insbesondere der Abschnitt über die Angriffe zum Zwecke der Plünderung.

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