„Über die Wahaby“ – Staatseinkommen (Teil 13)

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Der folgende Text ist ein Auszug aus dem Buch „Bemerkungen über die Beduinen und Wahaby, gesammelt während seinen Reisen im Morgenlande von dem verstorbenen Johann Ludwig Burckhardt“, welches um 1814 von Johann Ludwig Burckhardt während seiner Pilgerfahrt in englischer Sprache verfasst und 1831 in deutscher Übersetzung zu Weimar publiziert wurde.
[Ich rate dazu an, diese Beitragsreihe vom 1. Teil an zu lesen.]

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Diese Gelder sind für öffentliche Zwecke bestimmt und werden deshalb in vier Teile geteilt. Ein Viertel wird in den Fiskus nach Derayeh gesendet; ein anderes Viertel wird zur Unterstützung der Armen im Distrikte des Beit el Mal verwendet; ferner um die Ulama zu bezahlen, welche da sind, um die kadhy und die Kinder zu unterrichten; ferner um die Moscheen in Bau und Besserung zu erhalten, um öffentliche Brunnen zu graben u. s. w. Die Hälfte wird zur Unterstützung armer Soldaten verwendet, die mit Lebensmitteln versehen werden, wenn sie an einem Kriegszug Anteil nehmen, oder im Falle der Not wohl auch mit Kamelen. Diese Hälfte wird ferner benutzt zur Bewirtung von Gästen. Das für Gäste bestimmte Geld wird den Scheikhs ausgezahlt, die eine Art öffentlicher Häuser halten, wo alle Fremde einkehren können und unentgeltlich bewirtet werden. Man hält es für gerecht, dass zu solchen Kosten die ganze Gemeinde beitrage. So bekommt z. B. Ibn Aly, der Scheikh des Stammes Beni Schammar in Dschebel Schammar, jedes Jahr aus dem Fiskus seiner Provinz 200 Kamelsladungen Getreide, 200 Kamelsladungen Datteln und 1000 Spanische Dollars: Für dieses Geld kauft er Fleisch, Butter und Kaffee, und alles wird auf die Bewirtung von 2 bis 300 Fremden aller Art verwendet, welche jeden Tag in seinen öffentlichen Räumen aufgenommen und gespeist werden.

Aus dem Staatsschatz von Deraveh werden auch Summen verwendet zur Unterstützung gläubiger Untertanen, denen ihr Eigentum vom Feinde genommen worden ist. Derayeh ist immer mit Arabern angefüllt, welche sich wegen Restitution [Wiederherstellung, Rückerstattung] von wenigstens einem Teil ihres verlorenen Eigentums an Saud wenden. Wenn Saud den Mann als einen aufrichtigen Wahaby kennt, so ersetzt er ihm in der Regel den dritten Teil seines Verlustes. Andere Summen aus diesem Schatz werden an Araber gezahlt, welche durch Krankheit, oder Unglücksfälle ihr Vieh verloren haben. Wenn auf einem Kriegszug einem Soldaten seine Stute, oder sein Kamel getötet wird, oder sonst stirbt, so pflegt Saud diesem Soldaten von der gemachten Beute eine andere Stute, oder ein Kamel zu geben. Ist dagegen keine Beute gemacht worden, so muss der Araber den Verlust tragen.

Außer dem, was an die Scheikhs der Distrikte der Städte, oder Dörfer für die Bewirtung der Gäste gezahlt wird, empfangen die Beduinen-Scheikhs aus dem Staatsschatz zu Derayeh jährliche Geschenke als Beweise von Saud’s Wohlwollen. Diese Geschenke variieren nun von 50 bis zu 300 Dollars und gründen sich auf die Nachahmung eines ähnlichen, bei Mohammed gebräuchlichen, Verfahrens.

Die Einsammler des Staatseinkommens (sie heißen Nawab, oder Mezekki, oder Aamil) werden jedes Jahr von Derayeh nach den verschiedenen Distrikten, oder zu den einzelnen Stämmen gesendet und erhalten eine gewisse Summe für ihre Mühe und Reisekosten. So empfängt z. B. jeder Steuereinnehmer, welcher von Derayeh zu den Beduinen der Syrischen Wüste gesendet wird, 75 Dollars. Die Scheikhs haben, wie schon erwähnt worden, mit dem Steuerwesen nicht das Geringste zu tun. Wenn der Einsammler angekommen ist, so schreibt einer von denen, die eben bezahlen wollen, die zu zahlenden Summen auf, ein anderer nimmt sie ein und stellt sie dem Steuereinsammler zu. Auf diese Weise suchen sie allen Unterschleif [Unterschlagung] zu verhindern. Der Steuereinsammler stellt dann für den Distrikt, oder den Stamm eine Quittung auf den Betrag der gezahlten Summe aus.

Die Beduinen müssen diesen Tribut unmittelbar nach dem ersten Frühlingsmonate zahlen, sobald die Kamele und Schafe ihre Jungen zur Welt gebracht haben. Der Steuereinnehmer und der Scheikh bestimmen gemeinschaftlich einen gewissen Ort z. B. einen Wasserplatz, wo alle Araber des Stammes hinbeschieden werden. So nahm z. B. im Jahre 1812 Saud von den Beduinen in der Gegend von Bagdad den Tribut bei einem gewissen Brunnen, namens Hindye, zwei, oder drei Tagereisen von der Stadt Bagdad, ein. Die Dschelas-Araber zahlten ihren Tribut an einem Brunnen, 12 Stunden von Aleppo. Aus seinem Privatschatz zahlt Saud die Unkosten seines Haushaltes und seiner Leibwache.

Es lässt sich nicht leugnen, dass das Oberhaupt der Wahaby große Lust zeigt, seinen Untertanen alles aufzubürden. Sein Einkommen ist mehr, als hinlänglich, um den öffentlichen Aufwand zu bestreiten, der gar nicht bedeutend ist, da ihm seine Armee gar nichts kostet. Die Araber beklagen sich darüber, dass, wenn jemand eine schöne Stute hat, Saud gewiss irgendetwas an ihm aufzufinden weiß, was ihn rechtfertigt, die Stute zur Strafe zu konfiszieren. Die großen Reichtümer, welche er aufgehäuft hat, haben in ihm die Begierde nach noch größerem Reichtum entzündet; und die Araber erklären, dass seit der Eroberung von Imam Hossein, wo viel Beute gemacht wurde, und seit der Plünderung der Städte in Jemen, der Charakter Sauds um Vieles schlechter geworden sei, und dass er täglich geiziger werde. Ich habe indessen nicht einen einzigen Fall anführen hören, in welchem er den geringsten Araber ohne einen gesetzlichen Grund seines Eigentums beraubt hätte. Sein Geiz hat ihm die Scheikhs abwendig gemacht, und zwar viel früher, als Mohammed Aly in Hedschaz einfiel; und hätte Saud bei dieser Gelegenheit sich so klug, wie der Pascha benommen und Geld unter die Scheikhs verteilt, so würde Mohammed Aly es unmöglich gefunden haben, festen Fuß in diesem Lande zu fassen.

Saud leugnete es nicht, dass er sich durch zu strenge Bestrafung der Verbrecher der Ungerechtigkeit schuldig gemacht habe; und man hörte ihn oft sagen, seine und seiner Freunde Missetaten seien allein daran schuld, dass seine Religion nicht längst bis nach Kairo und Konstantinopel sich verbreitet habe.

In Bezug auf das Einkommen der Wahaby gibt es viele übertriebene Angaben. Einige gut unterrichtete Mekkaner, welche bei Saud und seiner Familie häufigen Zutritt und somit die beste Gelegenheit besaßen, die Wahrheit zu erfahren, auch keinen Grund hatten, dieselbe zu verhehlen, sagten mir, dass die größte Summe, welche Saud in seinem eigenen, oder dem öffentlichen Schatz zu Derayeh jemals in einem Jahr eingenommen, 2.000.000 Dollars betragen habe; dass aber dieses Einkommen in der Regel nicht 1.000.000 Dollars jährlich übersteige. Dabei ist nicht mitgerechnet, was jährlich in den Distrikten und Städten in den Privatfiskus fließt. Letztere Summen werden in der Regel vollständig ausgegeben und verwendet, sodass am Ende des Jahres kein Überschuss vorhanden ist.

Da Sauds Privatausgaben sehr mäßig sind, so muss er äußerst reich an barem Gelde sein, welches er in seinem Hause zu Derayeh aufbewahrt. Aber mit so viel Reichtum und Macht ist weder Saud, noch sein Vater im Stande gewesen, die freigeborenen Araber zu unterjochen; sie waren gezwungen, sie im Besitz ihrer individuellen Freiheit zu lassen; auch steht nicht zu vermuten, dass die Araber jemals sich einem noch absoluteren Regenten unterwerfen werden, noch viel weniger einem fremden Eindringling, der vielleicht rasch ihr Land durchschreitet, sie aber nie mit dauernden Ketten binden kann. Gegenwärtig gilt ihr Gehorsam mehr dem Gesetz, als ihrem Oberhaupt Saud, der, beim Lichte besehen, nur der oberste Scheikh, nicht aber der Gebieter von Arabien ist; und wie sehr sie auch den aufgelegten Tribut hassen mögen, so wissen sie doch, dass ein großer Teil davon auf Gegenstände verwendet wird, welche mit ihrem eigenen Interesse in enger Verbindung stehen, ein Trost, den die Bauern in der Türkei entbehren.

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