Das vergessene Leid und unberechtigte Vorwürfe

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Deutschland ist seit eh und je ein Einwanderungsland. Eine große Welle mehrheitlich muslimischer Flüchtlinge erlebte die BRD nicht nur im Jahre 2015, sondern auch von den Mitt-80ern bis in die späten 90er Jahre. Besagte Flüchtlinge kamen aus Ländern wie Afghanistan, Irak/Kurdistan, dem ehemaligen Jugoslawien, Pakistan usw. Einige von ihnen sind nach gewisser Zeit zurückgekehrt, viele Muslime jedoch sind in Deutschland geblieben und haben sich hier ein Leben für sich und ihre Familie aufgebaut. Dass die „freie“ deutsche Gesellschaft für Muslime eine Herausforderung darstellt, erlebten auch die Flüchtlinge, die vor 30 bzw. 20 Jahren hierher kamen. Tolerierte Homosexualität, die Freizügigkeit der Frauen, das Feiern von Weihnachten/Ostern/Silvester, eine allgemeine Anti-Haltung dem Islam gegenüber und viele weitere Punkte waren und sind nach wie vor Dinge, mit den die in Deutschland lebenden Muslime zu kämpfen haben. Es wird vor allem problematisch, wenn man selbst Kinder hat und nicht weiß, wie man sie islamisch korrekt erziehen kann, wo sie doch bereits im Kindergarten einer Frühsexualisierung unterzogen und sie mit Kufr-Themen á la „Jesus ist der Sohn Gottes“ konfrontiert werden. Derartige Herausforderungen überfordern viele Muslime, und nicht selten wird der Vorwurf „Was haben sich unsere Eltern dabei gedacht, mit uns nach Deutschland zu kommen“, erhoben.

Doch ist er berechtigt?

Was wäre denn die Alternative? In einem Land wie Afghanistan aufzuwachsen, in dem die Sterblichkeitsrate für Kinder am höchsten ist? Gut, dort wird ihnen kein Kufr beigebracht, aber wer gibt dir die Garantie, dass deine Kinder dort wegen mangelnder Hygiene, Medizin, keiner ausreichend gesunden Ernährung das zehnte Lebensalter erreichen können? Du fragst dich, was deine Eltern sich dabei gedacht haben, als sie nach Deutschland kamen? Womöglich hatten sie es satt, in Angst und Unsicherheit zu leben, weil vom Himmel Raketen auf Dörfer fielen, Soldaten Häuser einstürmten und Frauen vergewaltigten. Ich spreche nicht von amerikanischen Soldaten, sondern von irakischen, die unter der Führung Saddam Husseins ganze Gebiete niederbrannten, Männer entführten und folterten, Frauen mitnahmen und vergewaltigten. Wenn man Glück hatte, wurde man lediglich vor Ort erschossen.

Was man sich dabei denkt, wenn man aus seiner Heimat zieht? Wahrscheinlich, dass man seinen Kindern etwas bieten möchte, man hat Hoffnung auf Arbeit und Geld, ein bisschen Wohlstand, ein Haus, welches stabil ist und nicht vom Ururgroßvater erbaut wurde. Wer gerne nachvollziehen möchte, wie es ist, keine Familie ernähren zu können, der möge bitte versuchen, ohne feste Arbeit Frau und zwei Kinder zu ernähren. Schwer, was?

Es ist kein Zeichen von Aufrichtigkeit, von seinem Zuhause aus irgendwo in Deutschland den Opfern von Srebrenica oder an-Nakba zu gedenken, und später den Vorwurf zu erheben, was Eltern sich dabei dachten, als sie nach Deutschland flohen. Na ja, wahrscheinlich das, was wir via Google-Bilder sehen und unsere Eltern mit eigenen Augen und am eigenen Leib erlebt haben…

Sicherlich war ihre Absicht nicht die gewesen, in einem Land zu leben, in dem sie selbst mit den Herausforderungen überfordert sind. Sie hatten keinerlei Sprachkenntnisse und Ahnung über die sozio-kulturellen Gegebenheiten dieses Landes. Ihnen ging es in erster Linie darum, in Sicherheit zu leben. Erst später erfuhren sie, dass Kinder in der Schule lernen, was Kondome und das erste Mal sind und dass Demokratie der einzige Weg schlechthin für Freiheit ist.

Viele Migrantenkinder der heutigen Zeit schaffen es keine vier Wochen in ihrer eigenen Heimat. Es sei zu schmutzig, zu laut, die Menschen sind zu hängengeblieben, die haben keine Ahnung, die sind so weit vom Deen entfernt und vieles mehr.

Niemand ist gezwungen, in Deutschland zu leben. Jedem steht es zu, auszuwandern und wo anders seine Kinder zu erziehen oder seinen Glauben zu praktizieren. Nur weil es unter uns einige gibt, die ohne Einverständnis oder Kenntnisnahme ihrer Eltern eine Hijra vollzogen haben, heißt das nicht, dass das Auswandern grundsätzlich eine einfache Angelegenheit ist. Es stimmt, dass man an Youm al Qiyama auch über die Erziehung seiner Kinder befragt wird, es stimmt ebenfalls, dass Allah im Qur’an sagt: „War Allahs Erde nicht weit, so dass ihr darauf hättet auswandern können?“ Wer seine Kinder oder seine Frau jedoch in ein Gebiet bringt, in dem es Raketen regnet und keinerlei Medizin gibt, der möge sich bitte fragen, welches denn das geringere Übel war.

Aus gegebenem Anlass: heute jährt sich der 28. Jahrestag der Giftgasattacke von Halabja. 5000 Kurden sind diesem Massaker zu Opfer gefallen. Was in aller Welt dachten sich unsere Eltern nur dabei, nach Deutschland zu kommen?

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8 Antworten auf “Das vergessene Leid und unberechtigte Vorwürfe”

  1. Zia ul Haq

    Zia ul Haq

    Der Orient ist verwahrlost. War er schon immer (die Zeit in dem der Prophet [nach]wirkte nicht mit einbezogen) und wird er auch für die nächsten Jahrtausende sein, wenn sich nicht grundlegend was in den Köpfen der Orientalen ändert.

    Unsere Eltern sind nach Deutschland gekommen, weil das Leben hier um einiges menschlicher und angenehmer ist. Man hat keine Familienintrigen (orientalische Käfighaltung hat nun mal nicht nur Vorteile) um sich, man kann als Frau auch nachts um 03:00 Uhr im Park spazieren gehen, ohne belästigt oder anderweitig behelligt zu werden. Man möge dies mal in Lahore oder Kairo versuchen! Man hat auch mit Vollbart und Kopftuch eine Chance auf einen passablen Job, wenn man sich am Markt orientiert und weiß sich zu verkaufen (mit Jammern kommt man halt nicht weiter, fragt die ganzen linkselitären Germanistikstudenten und Politikwissenschaftler). Man möge mal versuchen als ethnische Minderheit im Orient erstmal soziale Kontakte zu knüpfen. Der Rassismus in Deutschland ist im Vergleich zum Orient ein Kindergeburtstag.

    Die Hijra-Keule hat den selben Effekt wie damals bei der ersten Generation Türken. Sie kamen nach Deutschland um ihr Glück zu machen, allerdings wollten die meisten wieder zurück um sich vom hier gesparten Geld einen Traktor oder ein Stück Land zu kaufen. Aber es kam anders. In der Zeit wo sie hier waren, hätten sie viel mehr machen können um noch günstigere Strukturen für Muslime zu schaffen (man möge mal den Briten mit sowas wie einer Kopftuchdebatte kommen), aber dieses „Ich-geh-bald-nach-Hause“-Denken hat im Kopf eine Blockade ausgelöst, von der sich die Türkengenerationen bis heute nicht wirklich erholt hat. Selbiges für die Hijristen, reden viel, dass sie morgen nach Kairo abwandern, vernachlässigen ihr Leben hier, einige machen dann sogar den Schritt gen Süden oder Osten und starten hinterhern öffentliche Facebook-Aufrufe, damit die Internetgemeinde Ihnen das Rückflugticket nach HartzVieristan bezahlt. Ohne solide Basis geht das nun mal nicht! Wenn man auswandern möchte, weil die eigenen Eltern ja so dumm waren nach Deutschland zu kommen, dann muss man sich dafür rüsten! Und nein die Flitterwochenparadiese die momentan als Auswanderungsalternativen gehandelt werden, sind nun mal keine.

    Etatismus gibt es auch in Deutschland, dafür muss man nicht in eine orientalische Despotie abwandern!

    Ich freue mich schon auf die Kommentare unter diesem Beitrag, wo die Leute mit Proxy versuchen ihre IP-Adresse zu verschleiern, damit man sie nicht wegen ihrer Doppelmoral anprangert…

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    • al-Afghani

      Das ist die kommende Cyber-Brigade der Ummah. Unterschätze sie bloß nicht!

  2. kerim

    Was viele vergessen: Auswandern innerhalb eines Landes ist was ganz anderes als interkontinentale und somit interkulturelle Auswanderung (Sprache).

    Damals konnte man tatsächlich von Mekka nach Medina wandern, weshalb Allah zurecht obiges sagte.

    Aber kein türkisch oder arabisch können, dort nichts haben und kennen und dennoch niederlaßen?

    Andererseits: Wieso nicht einmal leiden und dann leben die Kinder dort in gewohnter Umgebung.

    Hat doch umgekehrt auch geklappt (Man kommt ins fremde Deutschland und iwann gewöhnt man sich an alles, Kinder können sogar Sprache).

    Im Wasser der Kuffar schwimmen lernen, aber zu faul im Wasser des Islams rückenschwimmen zu lernen`?

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    • Ok

      Aha. Und was ist mit der Hijra nach Abessinien? Mit der Logik von dir sollte man nicht argumentieren. Ob die damaligen Muslime Abessinisch drauf hatten und mit der Umgebung vertraut gewesen sind?

  3. Ok

    Toller Artikel. Neben Ibn Maimoun lese ich am liebsten Artikel von Umm Rahel. Aber ohne dir jetzt auf die Füße zutreten, denke ich, dass das oben erwähnte etwas realitsfern ist.

    Ich selbst kenne niemanden – und kann es mir auch schwer vorstellen -, welcher den eigenen Eltern vorwürfe machen würde à la „Wie konntest du nur nach Deutschland auswandern, zu den Nicht-Muslimen“ aber gleichzeitig über die sogenannten „Islamischen Länder“ schimpfen, ,,es sei zu schmutzig, zu laut, die Menschen sind zu hängengeblieben, die haben keine Ahnung, die sind so weit vom Deen entfernt“. Wer den Eltern solche vorwürfe macht aber selbst keine Alternative akzeptiert, der muss schon ziemlich frech sein.

    PS: Zia ul Haq, bitte heul leise 😉

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    • Umm Rahel

      Doch, den Vorwurf habe ich einige Male gehört.

  4. Kerim

    @OK

    Die Muslime kamen zum Negus und bekamen Visa.

    Wer kann aber heute zu Erdogan oder dem König von SA und um Hilfe bitten?

    Denkst du auch mal nach, bevor du mit deinen pseudoklugen Sprüchen loslegst?

    Außerdem habe ich in meinem letzten Absatz gemacht, dass man bei aller Härte es dennoch tun sollte.

    Und außerdem können die Muslime ihre Religion hier ausleben, was sie in Mekka nicht konnten.

    Menschen wie du schauen die Sonne an und sagen: Sie dreht sich um die Erde.

    Immer der erste naheliegende Gedanke, aber oft sind die Dinge vielschichtig.

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  5. Pseudonym

    Wälzt euch nur weiterhin in eurer bequemen Lüge. Schon bald werden die Betroffenen, so Allah will, hören:

    {„Worin habt ihr euch befunden?“ Sie sagen: „Wir waren Unterdrückte im Lande.“ Sie (die Engel) sagen: „War Allahs Erde nicht weit, so daß ihr darauf hättet auswandern können?“ Jene aber, – ihr Zufluchtsort wird die Hölle sein, und (wie) böse ist der Ausgang!} Quran, Bedeutung

    Auf der Erde sinkend bestückt mit Scheinwahrheiten, um das elende Dasein im dortigen Abfall zu relativieren, wird es nur noch schlimmer machen.

    Bei eurem Intellekt erklärt es sich wohl, dass ihr euch in einer beschämenden Ignoranz über die Realität befindet. Es gibt Gebiete, z.B. Sham, Teile von Afrika, in denen gesunde Männer als auch Frauen ihre Beiträge leisten müssen und können.
    Schrecklich für manche, wie nicht zu überlesen ist, ist ein Stück Dunya aufzugeben, um Allahs Wort das höchste zu machen.

    Sterben in Ehre, nicht leben im Wahn.

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