Ludwig Ferdinand Clauss und sein großartiges Gleichnis auf Palmyra (Tadmur)

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von Yahya ibn Rainer

Es gibt Bücher, die hat man einmal gelesen und man weiß was drinsteht. Und dann gibt es Bücher, die liest man einmal und kann sie trotzdem wieder und wieder lesen und entdeckt jedes Mal eine neue Inspiration. Einige dieser Bücher sind bekannt, ja geradezu berühmt und erfreuen sich einer großen Fangemeinde, andere wiederum – und das ist von meiner Warte aus besonders reizvoll – sind vollkommen unbekannt und verstauben in den Antiquariaten.

Ein solches fast gänzlich unbekanntes Buch ist der dünne Einband namens Die Weltstunde des Islams (©1963) des Philosophen und Psychologen Prof. Dr. phil. Ludwig Ferdinand Clauß. Einer der Gründe für den geringen Bekanntheitsgrad ist sicherlich die Verstrickung des Professors in den Nationalsozialismus und in diesem Zusammenhang seine Mitliedschaft in der NSDAP sowie seine Beiträge zur damaligen „Rassenforschung“.

Diese oberflächliche Betrachtung der Person Clauß wird der Realität aber nur wenig gerecht. Im modernen digitalen Zeitalter, in dem Wissen und Information gegoogelt oder bei Wikipedia erlangt wird und nicht mehr durch eigenes Studium der Bücher, liefert man sich unweigerlich dem zeitgenössischen (oft linksdominierten) Tugendzwang aus, der willkürlich Denkverbote erlässt, abweichende Meinungen kriminalisiert oder komplexe Zusammenhänge auf tabuisierte Reizworte reduziert. So ist über Prof. Dr. phil. L. F. Clauß im Internet fast ausschließlich seine Verbindung zum NS präsent, dass er jedoch innerhalb dieses Systems rebellierte, seine berufliche Laufbahn und sein Leben riskierte, um seine jüdische Assistentin zu retten, und eine „Rassenlehre“ vertrat, die dem biologischen Rassismus der Nazis widersprach („Es gibt keine minderwertigen Rassen.“), das tritt häufig in den Hintergrund, ebenso wie die Tatsache, dass er bereits in den 20er Jahren zum Islam konvertierte.

Die Weltstunde des Islams ist meiner Kenntnis nach das letzte Buch aus seinem Lebenswerk und zudem sein ausdruckstärkstes Bekenntnis zum Islam. Besonders interessant ist an diesem Einband aber auch seine Analyse zum Zustand der Ummah und zu den tragischen Auswirkungen westlicher Ideologien (Nationalismus, Sozialismus usw) auf die arabisch-islamische Welt, welche bekanntlich in den 60er und 70er Jahren ihren Höhepunkt fanden.

Die folgenden zwei Buchauszüge liegen im Einband recht weit auseinander. Der erste Auszug gehört quasi noch zur Einleitung, wogegen der zweite das Ende des Buches schmückt und als eindrucksvolles Resümee zu verstehen ist. Clauß legt über weite Teile des Buches die Stellung der Araber im Islam dar und – vor allem – die Bedeutung des Islams für die Arabische Nation. Hierzu spannt er einen interessanten Bogen, den er – wie bereits erwähnt – am Anfang des Buches beginnt und erst am Ende des Buches als Gleichnis abschließt.

Zu Anfang stellt er die Frage nach dem Arabisch-Sein. Was ist Arabisch?

«Nationalgefühl wird von dem Bewusstsein gespeist, Glied eines Volkes zu sein, das Geschichte hat. Durch die Geschichte, die zur Berührung mit andersgearteten zwingt, wird eine menschliche Gemeinschaft sich der besonderen Art ihres eigenen Seins bewußt. So stellt sich die Frage: Welche Tatsachen der arabischen Geschichte gehen in das Geschichtsbild, an welchem der Araber sich beteiligt sieht, mit ein? Denn nicht alles, was war, trägt zu dem Geschichtsbild bei, das die Selbstauffassung und so das bewußte Sein einer eigentümlichen Volksgemeinschaft bestimmt.

Zwischen dem Toten und dem Roten Meer, etwas abseits von der Straße nach ‚Aqaba, liegen die Reste einer uralten Stadt, rund drei Jahrtausende alt, von den Griechen Petra genannt. Ihre Gebäude sind eigentlich keine Gebäude, denn sie sind nicht gebaut, sondern in den Felsen gehauen. Die Stadt liegt in einem Kessel, von drei Seiten her unzugänglich, nur durch Felsspalten erreichbar. Die Anlage stammt von Leuten arabischer Abkunft, den Nabatäern. Bedeutet die Art, so zu leben, etwas für das Bewußtsein der späteren Araber: etwas, das sie lehrt, nach diesem berühmten Vorbild „echt arabisch“ zu sein? Haben jene Nabatäer lebendigen Vorbildswert?

Fragt man die Menschen der Wüste, so lautet die Antwort: Nein! Das Sicherungsbedürfnis bis zu dem Punkte zu treiben, wo der Mensch sich den Mäusen gleichstellt, deren Selbsterhaltung in der Enge der Löcher liegt, durch die man sich zurückzieht – das ist keinesfalls arabisch. So lautet das Urteil derer, die dort in der Wüste wohnen, und zwar so, daß ihr „Wohnen“ die ständige Wanderschaft bedeutet. Sie lieben nicht einmal Burgen, die auf die Höhe gebaut sind. Für sie liegt die Stärke des Mannes in seinem Mut, jeder Drohung frei zu begegnen, nicht in Mauselöchern. Sie verachten die Städte, weil diese mäusehaft sind. Nein, der Gedanke, aus dem die Stadt Petra entstand, ist keinesfalls „echt arabisch“ – mögen ihre Bewohner arabisch gesprochen haben.

So denkt der bewaffnete Hirte in der offenen Wüste und ist überzeugt, daß seine Art zu leben die richtige sei: die richtige arabische. Dies also gilt von Petra. Wie aber steht es mit Tadmur, jener Oasenstadt zwischen Syrien und dem Euphrat, von den Griechen Palmyra genannt? Sie übernahm zu hellenistischer Zeit die Rolle des älteren Petra und hat es zur römischen Kaiserzeit einmal frischweg gewagt, sich als Herrin des Ostens neben die Kaiser zu stellen. Trümmer gewaltiger Bauten zeugen dafür, daß hier versucht wurde, große Geschichte zu machen. Ihre Herren und Herrinnen trugen arabische Namen und waren gewiß arabisch, wennschon die amtliche Sprache aramäisch war.

Gewiß, das ist alles wahr. Doch jene Geschichte war römische Geschichte, nicht arabische. Was waren die herrlichen Bauten? Prachtstraßen z.B., 375 Säulen auf jeder Seite, und das Ziel dieser Bahn ein Bogen, ein Triumphtor, bestimmt für Leute, deren Lebensinhalt das Triumphieren war. Ist das arabische Art? Es gehört zum Stil der Zeit, und der Stil war römisch. Die Araber machten ihn mit, wo er sie erfaßte, aber ihr Stil war das nicht. Palmyra ist bedeutsam gerade durch das, was es nicht war. Wir kommen am Ende des Buches darauf zurück.»

Bis zum Ende des Buches folgen nun viele interessante Fakten und Gedankengänge. Clauß erschließt das Thema Islam und Araber auf eine sehr ungewöhnliche und deshalb äußerst lesenswerte Art und Weise. Zahlreiche Buchauszüge habe ich bereits auf meinem persönlichen Blog hinterlassen, die allesamt den Bogen bilden, den der Professor bis zu seinem Resümee am Ende des Buches spannt.

Er stellt die Wichtigkeit des Propheten Abraham heraus, den er als ersten bewussten Muslim ansieht und als Vater der beiden wichtigsten Völker in der Verkündung dieser Religion, der Nachkommen Jakobs (Hebräer) und der Nachkommen Ismaels (Araber). Er beschreibt wie Allah den Hebräern den Vorrang gab, wie diese scheiterten und Er sodann die Nachkommen Ismaels mit der Botschaft beauftragte. Und so kommt Clauß auf Seite 146 und 147 dann zu folgendem Abschluss:

«So stehen die Dinge vor einem Auge da, das die Geschichte des Islams nach dem in ihr liegenden eigenen Sinne fragt: dem Sinne, mit dem sie anhob und den sie zwar verlieren, aber niemals durch einen anderen Sinn ersetzen kann. Was Ismael (also die Araber) tat, eh er berufen wurde, ist wissenswert für Gelehrte; im weltgeschichtlichen Felde ist es ohne Belang. Da war Palmyra. In einer Palmenoase herrschten arabische Menschen und wurden plötzlich von einer „Idee“ befallen, die sie für bedeutsam hielten, nämlich dieser: zwischen Damaskus und dem Euphrat, zwischen Rom und Iran ein neues Reich zu errichten, das nicht etwa arabisch (denn was „arabisch“ sei, das wußte da noch kein Mensch), sondern römischer als die Römer oder doch allermindestens ebenso römisch wie die kaiserlich römische Weltmacht werden sollte. Kann das sein? Kann man sich selbst vollenden, wenn man als Mittel dazu ein Vorbild wählt, das ein andres, ein völlig fremdes Lebensgesetz verkörpert? Kann man arabisch reden in römischer Sprache? Kann man im Stil von Triumphberauschten leben, wenn man einem Gotte gehört, der von seinen Gläubigen die Haltung der unbedingten Demut erwartet?

Es ist wahr: insoweit ist all dieses Fragen ungerecht, als der Ruf an Ismael, an das arabische Volk, zur Zeit Palmyras noch stumm war. Sie wußten es damals nicht besser. Da war etwas, das nach Leben und Ausdruck drängte, aber das Leben fand seinen Ausdruck noch nicht und kannte sich selbst nicht. So manches Jahrhundert ging über die Wüste hin, bis der Gott Abrahams den Erstgeborenen (also Ismael) rief. Dann aber kam die Stunde, der Ruf erklang – laut und unverkennbar. Und wurde von denen gehört, an die er ging. Sie folgten, sie brachen auf und schufen dem Gott eine Welt, die – ihrem Sinne getreu – nicht mehr nur arabisch, sondern islamisch war und deren eigenste Art jeder kennt und wiedererkennt, der sie einmal geschaut hat. So mächtig ist sie. Jeden, der einmal ihr begegnet ist, schlägt sie in ihren Bann. Nur einen gibt es, für den das heute nicht gilt, und das ist Ismael selbst, vielmehr: seine heutigen Enkel.

Zur Zeit Palmyras, der Zeit vor der Berufung, gab es das alles noch nicht. Palmyra hatte noch nichts, das es verraten konnte, als es sich römisch-westlich gebärdete; denn wer könnte etwas verraten, das es noch gar nicht gibt? So ging Palmyra klanglos an seinem Drang zugrunde, auch römisch, auch westlich zu sein. Denn römisch sein, das konnten die Römer besser. Aber was schadet es? Nichts ging damit verloren, daß jenes Palmyra zerfiel. Wer keinen Ruf hat, ein Eigenes zu sein, der mag so sein, wie irgendein anderer ist, oder so zu sein scheinen; denn ein bloßes Auchsein ist, geschichtlich, noch kein Sein. Er mag sich in diesem Auchsein wichtig fühlen – für den, dessen Auch er ist, bleibt er tödlich belanglos. Palmyra verlosch an seiner Belanglosigkeit im weltgeschichtlichen Sinne. Und war doch im Grunde frei von eigentlicher Schuld: frei von Verrat am Ruf des eigenen Gottes, denn der Ruf war da noch stumm.

Aber heute? Tun die Menschen aller arabischen Städte von heute nicht gerade das, was damals Palmyra tat? – Nein, nicht genau das gleiche. Sie wollen westlicher als der Westen sein, aber diesmal nicht ohne Schuld. Denn inzwischen ist etwas geschehen, etwas Entscheidendes, das jeder weiß. Keiner kann sagen, er habe den Ruf nicht vernommen, der das arabische Volk durch den Islam – und nur durch ihn allein – in die Weltgeschichte geführt und ihm islamische Völker verbunden hat. Wenn die islamische Welt dem Vorbild des Westens verfällt (mit westlichem Nationalismus, den der Westen selbst heute bereits überwindet) und darin ein Leben lebt, das nie das ihre sein kann, dann wird sie geschichtlich belanglos und geht an dieser Belanglosigkeit zugrunde. Aber sie tut noch mehr: sie verrät den Auftrag, den Palmyra noch nicht kannt: Gottes Ruf an Ismael.

Oder biblisch gesprochen:
Warum sollte nicht auch der erstgeborene Sohn des Stammvaters Abraham verworfen werden von Gott, wenn dieser Sohn versagt?»

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