Klerikaler Kadavergehorsam – Teil 1

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Betrachtet man die Lage der muslimischen Gemeinden, so könnte man meinen, dass ein gemeinsamer Glaube und Wertekanon eine homogenisierende und vor allem harmonisierende Wirkung auf die einzelnen Mitglieder haben müsste. Dem ist aber bei Weitem nicht so!

Es gibt keine Menschengruppe, die so sehr zerstritten ist, wie die muslimische Gemeinde. Schaut man z. B. auf den Vielvölkerstaat Pakistan, der sich einst anmaßte für die indischen Muslime eine Heimat sein zu wollen, so wird man mit Unbehagen feststellen, dass es zum einen zwar einen gemeinsamen Glauben gibt, jedoch besteht die eigentliche Gemeinsamkeit lediglich im Namen Islam.

Pakistan hätte aufgrund seiner ethnischen Mischung ein Musterbeispiel für eine universale, im Islam vereinte Bruderschaft sein können. Leider müssen selbst neutrale Beobachter das komplette Gegenteil konstatieren! Es gibt nicht den „Islam“, es gibt Imamiten, Aga-Khanis, Naqshbandis, Chistis, Qadris, Deobandis, Ahl-e-Hadith… diese Liste ließe sich noch weiter fortsetzen. Würden ethnische Grenzen überwunden werden, so müssten im nächsten Schritt noch innerislamische Grenzen überwunden werden.

Betrachtet werden sollen aber nicht die genannten Gruppen, diese sind nur Symptome einer grassierenden Pandemie. Weitere Symptome dieser Krankheit sind Lethargie und Unmündigkeit. Die Rede ist vom sogenannten Gelehrtenkult, auch bekannt unter dem Namen „Was-sagen-die-Gelehrten-dazu-Krankheit“.

Grundsätzlich verlaufen innerislamische Diskussionen folgendermaßen ab:

Akhi 1:

Diese Ansicht ist falsch… dieser Vers und diese Überlieferung sind Beweis dafür!

Akhi 2:

Wie kannst du sagen, diese Ansicht sei falsch? Immerhin wurde diese Meinung von Imam X al-[Name_einer_Region]i vertreten, willst du damit sagen, er kannte diese von dir angeführten Beweise nicht?

Akhi 1:

Sorry, ich wollte al-[Name_einer_Region]i nicht widersprechen.

Falls Akhi 1 nicht aufgeben möchte:

Akhi 1:

Er kann sich doch auch geirrt haben oder nicht? Steht und fällt der Islam mit der Meinung von al-[Name_einer_Region]i?

Akhi 2:

Wie kannst du nur so über al-[Name_einer_Region]i sprechen! Wer bist du, dass du ihm Irrtum unterstellst? Hast du 30 Jahre den Koran studiert? Hast du auch eine Approbation von al[arabischer_Ehrentitel] al Shaykh Abu [Arabischer_Name] al [Name_einer_Region]i erhalten?

Akhi 1:

Wieso darf man ihm nicht widersprechen? Wer hat ihm diese sakrosankte Stellung gegeben?

Akhi 2:

Lassen wir das, lies lieber das 2000-seitige Buch darüber, warum Meinungsverschiedenheit das Beste ist, was islamischen Gesellschaften passieren kann und habe mehr Respekt vor den Gelehrten!

Totschlagargument Meinungsverschiedenheit gepaart mit exzessiven Namedropping. Doch woher kommt dieser Reflex? Warum wird jede Diskussion über die Richtigkeit oder Falschheit von bestimmten Sachverhalten im Keim erstickt? Woher kommt diese „Rücksichtnahme“ für alle Meinungen, obwohl diese sich teilweise widersprechen? Kann es für einen Sachverhalt verschiedene „Wahrheiten“ geben?

Nein, kann es nicht.

Machen wir eine kleine Zeitreise. Schauen wir uns doch mal die Situation zur Zeit des Propheten (Allahs Segen und Heil seien auf ewig seine Begleiter) an. Wir werden feststellen, dass die Anhängerschaft des Propheten sein Wort und den Koran als zentrale Referenz für ihr Tun und Handeln, sowie für ihre Gedankengänge benutzte. Gab es Unstimmigkeiten, so wurde nach dem Wort des Propheten gerichtet. Etwaige Einwände, die einen anderen, großen Gefährten als Beispiel für die Richtigkeit bzw. Falschheit einer Handlung als Basis hatten, wurden unter Protest verurteilt und stets auf den Propheten und auf den Koran verwiesen, da nur die Direktiven dieser beiden Entitäten legislative Relevanz entfalten.

Leider ist diese Tatsache heutzutage kein Beweis mehr, wenn es darum geht Meinungen zu überdenken und gemeinsam Einigkeit zu erreichen. Vielmehr wird eingewendet, dass man den Koran und das Prophetenwort unmöglich verstehen könne. Viele vertreten sogar die Ansicht, dass wenn ein „Laie“ selbstständig versucht den Koran und den Propheten akademisch zu erfassen, so wird dieser jemand mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit in die Irre gehen und andere in die Irre führen!

Was wohl ein Anhänger des Propheten, nennen wir diesen Anhänger der Einfachheit halber „Umar ibn al Khattab“, dazu sagen würde? Jemand kommt zu Umar und berichtet ihm von einem Mann der im Koran liest und sagt im selben Atemzug, dass dieser jemand mit großer Wahrscheinlichkeit in die Irre gehen wird. Die Reaktion Umars auf diesen „Einwand“ möge man sich bitte selber ausmalen.

Dieser Teil der muslimischen Gemeinde schreckt zurück und verurteilt denjenigen, der sich anmaßt außerhalb des Mainstreams zu denken als Ketzer und Irreführer und sieht in seiner Person einen Unruhestifter, der den traditionellen Stillstand beenden möchte.

Das Wort des Propheten und der Koran seien für den Muslim von heute schlicht unverständlich, er benötigt eine Anleitung um das Wort verstehen zu können und diese Anleitung können nur (fehlbare) Menschen liefern, die an einem namhaften Institut (am besten in Saudi-Arabien) oder bei einem namhaften Mann (am besten einer mit vielen Prädikaten und Ehrentiteln, sowie einem langen Bart, am besten Saudi-Araber) studiert haben. Diese Männer benötigen zudem eine „Erlaubnis“ um lehren zu dürfen, diese Erlaubnis wird ebenso von einem (fehlbaren) Menschen erteilt.

Gelehrte also, gelehrte Männer dürfen über Richtig und Falsch entscheiden. Über Erlaubt und Verboten. Das sich diese Männer, die ja dem Anschein nach in derselben Literatur nach Urteilen und Präzedenzfällen suchen, mitunter uneins sind und teilweise vollkommen kontradiktorische Ansichten ableiten, scheint die Allgemeinheit nicht weiter zu stören. Diese lehnt sich zurück und glaubt, dass „die Gelehrten schon wissen, was sie da machen“.

Die Gelehrten haben somit eine uneingeschränkte, unkontrollierte und umfassende Macht auf allen Feldern der islamischen Jurisprudenz und des täglichen Zusammenlebens. Wie jeder weiß, Macht korrumpiert, wenn es keine „Checks and Balances“ gibt. Man möge ein Geschichtsbuch seiner Wahl bemühen um herauszufinden, was so mancher „Heilsbringer“, der am Anfang seiner Karriere die größten Versprechungen machte, am Ende für einen Herrscher abgab.

Im Königreich Saudi-Arabien dürfen Frauen keine Autos fahren. Die Begründung hierzu möge man bitte selbstständig nachrecherchieren. Allerdings werden neben der klerikalen Begründung, noch weitere pseudowissenschaftliche Gründe herangeführt, um dieses Verbot zu rechtfertigen. Nach den Erkenntnissen der saudi-arabischen Intelligenzija können durch das Autofahren Schäden an der Gebärmutter entstehen und weitere Unannehmlichkeiten auftreten. Was von diesen „Erkenntnissen“ zu halten ist, möge jeder für sich selbst entscheiden. Islamrechtlich kann man das Autofahren nicht verbieten. Es ist überliefert, dass die Frau des Propheten Aisha ein Reittier benutze um vom Fleck zu kommen. Autos moderner Bauart, haben aber eine bessere „Ummantelung“ als Reittiere, bei denen der Reiter sofort zu erkennen ist. Wie kann das Benutzen von Reittieren vom Propheten unbeanstandet bleiben, aber heutige Gelehrte maßen sich ein Verbot für Autos an?

Hat nicht der erste Kalif Abu Bakr in seiner Inaugurationsrede die muslimische Gemeinde dazu aufgefordert ihm nicht zu gehorchen, falls er etwas befiehlt, was von Allah und seinem Gesandten verboten wurde? Hat er seine Macht dadurch nicht stark eingeschränkt? Ist nicht genau das der Unterschied zwischen einem historischen französischen Monarchen und einem islamischen Kalifen?

Der Islam wurde auf einer Art und Weise verkompliziert und intellektualisiert, dass der einfache Muslim sich nicht traut, auch nur ein klein zu hinterfragen. Hinterfragt man ein Urteil einer namhaften Person, so kann man feststellen, wie eine Wutrede der anderen folgt, um jene „attackierte“ Person zu verteidigen.

Man wird auch feststellen, dass Dispute in diesem Bereich schier endlos erscheinen. Keine Partei ist auf Einigung ausgerichtet. Vielmehr möchte man Recht behalten oder die Diskussion mit einer Floskel beenden („…da gibt es Meinungsverschiedenheit…“).

Wie kann es sein, dass Männer, die im selben Buch lesen, die eine kodifizierte Überlieferung studieren, zu einer Thematik viele verschiedene, teils widersprechende Urteile bilden können? Die Gelehrten sind keine Heiligen. Sie sind nicht unfehlbar, auch sie können Träger schlechter Eigenschaften sein, auch ihnen kann die Aufrichtigkeit zur Analyse eines Sachverhaltes fehlen.

Ihr Bauchgefühl, ihre Einschätzung einer Lage, ihr Missfallen ist islamrechtlich nicht relevant. Genauso ist die Ansprache dieser Tatsache keine Beleidigung der Gelehrten. Allerdings hat sich der Kult um ihre Person zu einer gefährlichen Krankheit entwickelt, die jede Verbesserung, die jeden Fortschritt hindert. Einigkeit kann erst dann erreicht werden, wenn der Muslim überall eins ist. Es handelt sich hierbei nicht um „Detailfragen“, wie kann man Urteile, die aus dem Buch Allahs und aus der Überlieferung des Propheten abgeleitet werden, zu bloßen „Details“ degradieren?

Die Muslime müssen endlich begreifen, dass Gelehrte und Gruppierungen, Familie und Ahnen, Freunde und Bekannte, seien sie noch so namhaft und wertvoll für die Gesellschaft, keine Entitäten auf islamischen Gebiet sind. Nur die Offenbarung, die eine wahrhaftige Botschaft empfangen vom Propheten und vermittelt durch den Engel Gabriel, hat Relevanz, sie ist die eine unverfälschte Wahrheit. Menschen hingegen müssen sich stets der Kritik stellen, sie müssen sich erklären und verteidigen, ihre Aussagen können und müssen bei Feststellen von Fehlern falsifiziert und korrigiert werden. Nur so sind Fortschritt und ein Weiterkommen möglich. Anderenfalls verbleibt die islamische Gemeinde in dieser Endlosschleife von Zurückgebliebenheit, Personenkult und Tyrannei.

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9 Antworten auf “Klerikaler Kadavergehorsam – Teil 1”

  1. Gelehrtenliebhaberin oder -respektiererin

    Bismillah

    Es bedarf manchmal mehr als nur auf ein Thema aufmerksam zu machen. Zumal es ohnehin nicht immer nur „die eine Lösung“ für eine Sammlung von Missständen und Fehlern gibt. Was für Pakistan eine Lösung darstellen könnte muss nicht für Deutschland gelten. Gerade in Deutschland besteht ja das größte Problem darin, dass die Muslime sich nicht an Gelehrte wenden/oder abwenden und sich ihrem eigenen Tafsir von Qur’an und Sunnah bedienen. Zu behaupten, die Muslime müssten raus aus ihrer Unmündigkeit ‚oder Zitat: Klerikaler Kadavergehorsam‘ und schon gäbe es keine Spaltereien, die Ummah wäre vereint und alle intelligent und glücklich. Das will ich nicht mal Utopie nennen, denn die Realität hat oft genug gezeigt welch verheerendes Ausmaß es an den Tag bringt wenn ein paar halbstarke Halbwüchsige mit ihrem kleinem bisschen Arabisch und 2 Juz Qur’an meinen die Welt in ihrem Kern ändern zu können und sich im Rausch ihrer gewonnen Mündigkeit über alle Gelehrten (Erben der Propheten) empor heben. Wurde das Forum nicht (auch deshalb) geschlossen, weil ein jeder seinen Senf/ ähh Rechtsurteil abgeben durfte/musste? Ich spreche mich nicht für blinden Gehorsam aus, aber wer meint mit dieser Einstellung die Ummah einen zu können der hat sich ganz tief in die Wunde geschnitten. Wenn jeder König wäre, wer würde dann das Feld pflügen …

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    • Robin

      As salaamu alaikum wa Rahmatullaah wa baarakathu

      Jazzakillaahu khayr dem kann ich mich nur anschließen!

  2. Robin

    As salaamu alaikum wa Rahmatullaah wa baarakathu

    Jazzakillaahu khayr dem kann ich mich nur anschließen

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  3. K. Ahnung

    Zu ungenaue Darstellung und Formulierung. Es gibt ganz klare Regelungen diesbezüglich in der Sharia. Die Stufen eines Laien und eines Gelehrten werden sehr in vielen verschiedenen skizziert und dazu wird auch sehr gut erklärt, ab wann man einer Beweisführung einer wissenderen Person (egal welcher Stufe) folgen muss/folgen darf/nicht folgen darf etc. Ich denke , dass man diesbezüglich einfach paar Übersetzungen veröffentlichen muss, damit man das richtige Verständnis in dieser Angelegenheit erhält und verbreitet.

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  4. Albani

    Salamu Alaikum, schön das es wenigstens noch diesen Blog von Ahlu Sunnah gib. Besteht die Möglichkeit das posten von Links in den Kommentaren zu unterbinden? Schad- und Spähsoftware sei da mal erwähnt.

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  5. Anon

    As salamu aleykum, was hält der Verfasser dieses Textes von den Kommentaren bzw. den Einwänden?

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  6. Muslim

    Da hat jemand aber etwas geschrieben, was die meisten in ihren Personenkult nicht gerne hören.

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    • Muslim

      Da hat man sich mit ganz viel Nafs ’seinen Shakyh‘ ausgesucht und jetzt kommt so ein Text der alles kaputt macht…das darf doch wohl nicht wahr sein!!!!!!

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