Wissenserwerb – wie beginnen?

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Neulinge in der Religion der Ergebung und Wiederkehrer sehen sich meist schon bald mit der Frage konfrontiert, wie sie am besten bei der Aneignung religiösen Wissens vorgehen sollen. Diese Frage bereitet so manchem regelrecht Sorge, schließlich möchte niemand etwas Falsches lernen, und schon gar nicht in einem so sensiblen Bereich wie dem der Religion.

Da ich mehr als nur einmal um Rat bezüglich der Vorgehensweise des Anfängers beim Wissenserwerb und der Wahl der Quellen gefragt wurde, habe ich mich entschlossen, diesen Artikel zu schreiben, hier zusammengefasst wiederzugeben und Neulingen und Wiederkehrern die folgenden Schritte ans Herz zu legen. Dies soll nicht mit der Behauptung verknüpft sein, diese Ratschläge seien verpflichtend oder der Weisheit letzter Schluss – doch habe ich mit ihnen im Prinzip sehr gute Erfahrungen gemacht und bin auch zuversichtlich, dass sie für die meisten Leserinnen und Lesern als vernünftig erkennbar sind. Aber Gott weiß es am besten.

 

Die elf Schritte

Schritt 1: Anschluss finden

Begib dich in eine Moscheegemeinde. Lerne dort die fünf täglichen Pflichtgebete und die dazugehörige Gebetswaschung. Für den Anfang kannst du auch diese rudimentäre Schnellstartanleitung benutzen. Grundinformationen zur Läuterungsabgabe (zakâh) sind schnell in Erfahrung gebrachtes Trivialwissen.

Schritt 2: Koran allein

Lies das Wort Gottes, den Ehrwürdigen Koran, und zunächst einmal nichts anderes. Wenn du kein Arabisch verstehst, so lies zuerst die Übersetzung. Eine der bezüglich ihrer Genauigkeit am ehesten zu empfehlenden Übersetzungen ist derzeit die von Abdullah Frank Bubenheim und Nadeem Elyas. Wähle ein rein deutschsprachiges Exemplar, das weitgehend in einem normalen Fließtext gedruckt ist, der nicht von arabischer Schrift unterbrochen wird, ungefähr, wie man es von normalen, anderen Büchern kennt. Für die Konzentration ist dies besser. Es ist auch empfohlen, neben einer Hauptübersetzung zum Vergleich und zur Vermeidung von einseitigem Verständnis auch andere Übersetzungen heranzuziehen, z.B. die von Amir Zaidan (die seltsamerweise den Titel „At-tafsir“ trägt), Ahmad von Denffer, Max Henning oder andere.

So deplaziert oder suspekt angebliche „Anleitungen“ zur Koranlektüre in dieser Phase sein mögen – einige wenige (!) relevante, neutrale und unter den Muslimen unstrittige Vorinformationen können dennoch wichtig sein, insbesondere zum groben Kontext: Eine stark zusammengefasste Prophetenbiographie (sîrah), aber nicht von Wikipedia, die in diesem Thema von tendenziösen Autoren beeinflusst ist. In der Langversion dieses Artikels habe ich darum einen  Kurzabriss der Sira integriert.

Schritt 3: Arabische Schrift lernen

Erlerne jetzt das Lesen der arabischen Schrift, bis du einigermaßen flüssig lesen kannst. Arabische Moscheen bieten häufig Kurse an, und seien diese auch für Kinder. Auch im Internet findet sich Material für Autodidakten.

Schritt 4: Den Koran im Original lesen

Lies den Koran im arabischen Original, diesmal von der ersten bis zur letzten Seite. Um deinen Geist schon jetzt ein wenig an Versuche zu gewöhnen, im arabischen Text ein paar Bedeutungen wiederzuerkennen, überfliege vor dem Lesen jeder oder jeder halben Seite noch mal kurz die deutsche Bedeutung. Der Schwerpunkt liegt aber zunächst mehr auf dem Lesen als auf dem Verstehen.

Schritt 5: Vierzig Hadithe lesen

Lies darum die „Vierzig Hadithe“, die Imam Nawawiy zusammengetragen hat, auf Deutsch. Bei den Vierzig Hadithen des Nawawiy handelt es sich um die berühmteste und anerkannteste Kleinsammlung von Aussagen des Gesandten Gottes – der Verfasser hat sich, nicht ohne Erfolg, bemüht, aus dem Meer von Hadithen diejenigen auszuwählen, „um die sich der Islam dreht“.

Schritt 6: Größere Hadithsammlungen lesen

Lies die Hadith-Sammlung „Gärten der Tugendhaften“ von Imam Nawawiy auf Deutsch. Es gibt sie derzeit in mindestens drei verschiedenen Übersetzungen. Die einzige, die ich empfehlen kann, ist die Übersetzung von Abdullah Frank Bubenheim (abgesehen davon, dass er „das Feuer“ mit „die Hölle“ übersetzt, aber das ist erst einmal nachrangig).

Schritt 7: Arabisch lernen

Beginne, Arabisch zu lernen, d.h. eigne dir einen Grundwortschatz und die Grundzüge der Grammatik an.

Schritt 8: Für die Allgemeinheit bestimmte Gelehrtenwerke lesen

Mit deiner mit den bisherigen Schritten erworbenen soliden Kerngrundlage in den Überzeugungsinhalten und in der Wesensart kannst du dich an Werke heranwagen, die nicht nur von der Formulierung her, sondern auch inhaltlich „Menschenwerke“ sind, d.h. an Bücher, in welchen gelehrte Autoren ihre Darlegungen und Auffassungen der göttlichen Lehre ins Zentrum rücken. Sie bieten wichtige Orientierungen, die in dieser Phase allemal besser sind, als auf Geratewohl in den ungeklärten Feldern der Religion umherzustreifen.

Es sollte sich aber zunächst um Werke handeln, die für Laien und nicht für andere Gelehrte oder fortgeschrittene Studenten geschrieben wurden.

Schritt 9: Weiter Arabisch lernen

Setze das Lernen der arabischen Sprache fort. Die Vierzig Hadithe, die Imam Nawawi zusammengetragen hat, auf Arabisch zu lesen, sowie Schritt 10 können als Teil dieses Lernens angegangen werden.

Schritt 10: Von Koranübersetzungen unabhängig werden

Verfolge das Ziel, schrittweise bei der Lektüre des Ehrwürdigen Koran von deutschen Übersetzungen unabhängig zu werden. Irgendwann sollte ein Durchlauf  kommen, in welchem du den Koran – tiefer als sonst über ihn nachdenkend – mit knappem arabischem Kommentar liest, wie z.B. Tafsîr al-Jalâlayn. Es gibt auch Koranexemplare mit knappen Erläuterungen am Seitenrand.

Schritt 11: Umfassendere vereinfachte Praxislehrwerke lesen

Lies vereinfachte, umfassendere Praxislehrwerke auf Arabisch, z.B. Fiqh us-Sunnah von Sayyid Sabiq oder Minhâj al-Muslim von Abu Bakr al-Jazaairiy. Zur Not kannst du auf englische Übersetzungen ausweichen, die du evtl. im Internet findest.

Ende erreicht?

Soweit erst einmal, auch wenn es hier – nein – noch lange nicht zu Ende sein sollte. Je nachdem, wie du schulisch und beruflich eingespannt bist, können sich diese Schritte aber ohnehin über einen Zeitraum von Jahren erstrecken, und das ist auch gut so. Langsam und nicht hastig verspeistes Essen lässt sich besser verdauen. Nicht unwichtig ist, sich an dieser Stelle bewusst zu machen, dass wir auch nach diesem elften Schritt nach wie vor Anfänger sind, dafür aber, so Gott will, ziemlich gute Anfänger.

(Bildquelle: Habib M’henni / Wikimedia Commons)

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8 Antworten auf “Wissenserwerb – wie beginnen?”

  1. ok

    Eigentlich ein super artikel. jedoch weiß ich nicht ganz, was ich von dem blog halten soll. einige artikel entsprechen dem alten standart von „ahlu-sunnah.COM“, quran verse werden zitiert (z.B. beiträge von umm rahel), es werden tipps erwähnt, wie man im din weiter kommt, und andere artikel gleichen irgendwelchen gastbeiträgen von Süddeutsche-Zeitung oder Die Welt, wo man nach reform schreit, verankerte gepflogenheiten kritisiert usw. usf. Wer ab und an bei euch vorbei schaut, weiß genau welche autoren in welche richtung gehen 😉

    Wirkt wie gegensätze, welche hier veröffentlicht werden. Aber ich kann mich auch irren.

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    • Muhammad Ibn Maimoun

      Wenn ein Medium der Leserschaft die Chance gibt, Dinge von verschiedenen – auch unerwarteten – Seiten zu betrachten, oder laut ausspricht, dass der Kaiser keine extravagante Mode trägt, sondern einfach nur nackt ist, dann ist das eigentlich ein großes Qualitätsmerkmal.

      Und was das Thema Reform betrifft:

      Ich sage ja immer gerne: Die Muslime brauchen keine Reform – sie brauchen einen kompletten Reset.

      😉

  2. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    Der Vergleich zwischen Bubenheim und Zaidan mit Pepsi und Cola impliziert das du Bubenheim vorwirfst keine wissenschaftliche Kritik zu äußern, sondern vielmehr Charakter-Assassination zu betreiben. Demnach zweifelst du an seiner Aufrichtigkeit. Ich wäre vorsichtig mit der Wortwahl und den Vergleichen die ich anstelle.

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  3. Muhammad Ibn Maimoun

    @MohammedIsa

    Keineswegs zweifele ich an seiner Aufrichtigkeit, sondern ich erinnerte mich an die nachvollziehbare Regel bzgl. شهادة الأقران (Zeugnis von Gleichrangigen übereinander). Die ist unabhängig von der individuellen Aufrichtigkeit der Beteiligten.

    Beispiel: Die negative Beurteilung (der Qualität der Hadithe) Ibn Ishaqs durch Imam Malik wird von den Gelehrten zurückgewiesen, die die beiden als gleichrangig ansehen, eben wegen ihrer Gleichrangigkeit (und Aktivität im selben Gebiet). Das heißt nicht, dass Imam Malik unaufrichtig war.

    Der bildhafte Vergleich bezieht sich also nicht direkt auf die Personen, sondern auf die Methodik. Du kannst ja stattdessen Mercedes und BMW einsetzen 😉

    Und nicht dass wir uns falsch verstehen: Im Großen und Ganzen würde auch ich die Bubenheim-Elyas-Übersetzung bevorzugen. Als Ergänzung sollte man aber als jemand, der das Arabische nicht beherrscht, nicht auf weitere Übersetzungen verzichten.

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  4. Weckruf

    Ich bin kein großer Bubenheim-Fan (eher von dessen Übertragung), da wir uns wahrlich grundlegend unterscheiden (Bubenheim ist kein „radikaler Salafist“ meiner Couleur und mag diese übrigens auch nicht sonderlich). Aber wenn ich einen solchen Ausmaß an verheerenden Irrsinn lese, muss ich ihn wohl einfach verteidigen:

    „Bubenheim zu Zaidans Übersetzung zu befragen, ist so ähnlich wie Pepsi zu ihrer Meinung über Coca-Cola zu befragen.“

    1) Es ist einfach eine Meinung von Bubenheim, die ich aufgegriffen habe, weil ich ihn für kompetent genug dafür halte. Nebenbei: Nicht ich habe diese Frage gestellt, sondern eine Person aus dem Umfeld der abtrünnigen Modernisten. Normalerweise sind deren Fragen (und auch sonstige Äußerungen) tatsächlich äußerst sinnfrei, hier aber einmal nicht.

    2) Dir ist schon klar, dass es beim „Cola-Krieg“ seit über 100 Jahren praktisch NUR um wirtschaftliche Interessen der Beteiligten geht? Bubenheim ist aber Sprachwissenschaftler, von dem man schon etwas mehr Neutralität und Wissenschaftlichkeit erwarten können sollte…

    3) Wenn mich meine Erinnerung nicht drügt, verdient Bubenheim nichts an seiner Übertragung, jedenfalls keinen weltlichen Lohn… Eine Negativbewertung von anderen Übertragungen würde ihn ergo um keinen Cent reicher machen. Deswegen findet man sie kostenlos als PDF und möglicherweise ist das auch ein Grund, weshalb sie bei „Siegel der Propheten“ kostenlos verschenkt wird.

    4) Die Realität ist, dass in Bubenheims Antwort auch noch andere deutsche Übertragungen genannt wurden. Nur eine – nämlich die Zaidans – schnitt dabei schlecht ab.

    Allein‘ der letzte Punkt macht dein „Argument“ hinfällig (vorausgesetzt, das sollte eines gewesen sein).

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    • Muhammad Ibn Maimoun

      Du brauchst Bubenheim nicht zu verteidigen, es hat ihn niemand angegriffen.

      Schau mal, das mit Pepsi und Cola war nur ein Gleichnis, nimm meinetwegen stattdessen zwei ehemalige Biolehrer von dir.

      Ansonsten schau nochmal, was ich zu شهادة الأقران gesagt habe.

  5. Weckruf

    Für das Wohlgefallen Allahs distanziere ich mich von meinen eigenen Worten…

    Meine vorherige Replik bitte nicht freischalten, denn ich bereue alle meine beleidigenden Worte, die ich über den Bruder [Anm. d. Red.: gemeint ist Amir Zaidan] verloren habe. Diese Worte beruhten auf Unkenntnis seiner Person und einen unberechtigten, vorschnellen Eindruck. Leider ist mir eine Löschung all meiner Verunglimpfungen selbst nicht möglich: Es wäre daher nett, wenn ihr sie löschen würdet (gerne auch jeden meiner Beiträge, außer diesen hier), es liegt halt nicht mehr in meiner Hand.

    Seine Übertragung kann ich aber natürlich immer noch nicht empfehlen und stehe ihr weiterhin höchst kritisch gegenüber. Möge Allah den Bruder mit dem Besten belohnen und mir meine Fitna vergeben. Amin.

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  6. Muhammad Ibn Maimoun

    Nach einiger Überlegung habe ich mich entschieden, ausnahmsweise den Kommentarbereich zu diesem Artikel zu schließen, da zu erwarten ist, dass der Anfänger, für den dieser Artikel gedacht ist, genau entgegen der Intention des Artikels mit Literaturtipps überschüttet wird, die ihn davon ablenken, Schritt für Schritt vorzugehen. Hoffentlich seid ihr mir deswegen nicht böse!

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