Das gute Denken – eine Farce

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Die sozialen Netzwerke haben es uns in der heutigen Zeit ermöglicht, auf schnellstmögliche Art und Weise Kontakt zu Menschen, die wir kennen und nicht kennen, aufzunehmen, mit ihnen zu kommunizieren, zu debattieren, zu lachen und Informationen jeglicher Art auszutauschen. Die Welt ist vernetzt, und ob man nun mit seinem Laptop auf dem Schoß auf seinem Bett sitzt oder via iPhone in einer U-Bahn in Madrid unterwegs ist – man kann überall und jederzeit via Facebook, Yahoo, Twitter uvm. Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen und seine eigenen Gedanken mit ihnen teilen.

Was sich wie ein Segen anhört, kann auch ein Fluch sein. Gerade diese vernetzte Welt, in der wir leben, ist nach wie vor virtuell, sie ist nicht real. Das, was sich im Internet abspielt, muss nicht zwangsläufig auch in der realen Welt stattfinden. Die Grenzen und Hemmschwellen, die wir uns in unserem Alltag nicht zu übertreten trauen, verschwimmen im Internet sehr schnell. Auf der Straße überlegt man sich meistens zwei Mal, ob man einen Passanten, der einen angerempelt hat, als einen „Bastard“ oder „Vollidiot“ beleidigt. Im Internet hingegen scheint es keine Grenzen zu geben: man ist anonym, unbekannt, unbeobachtet. Man läuft nicht Gefahr, nach einer Beleidigung eine Faust zu kassieren und kann im schlimmsten Fall seinen Status, Kommentar, Artikel oder Beitrag bearbeiten oder sogar löschen und alles scheint aus der Welt zu sein. So, als wäre nichts gewesen.

Daher überrascht es nicht, dass man jeden Tag aufs Neue mit herunterhängender Kinnlade Kommentare mit den derbsten Beleidigungen liest und der Anstand und das Benehmen vermeintlich erwachsener Menschen dem Verhalten kleiner Kinder gleicht. Es ist so leicht, seinen virtuellen Gegenüber zu beleidigen, ihm Dinge zu unterstellen, die er vielleicht gar nicht so meinte, da man einfach Sätze aus dem Kontext reißen und sagen kann: „Siehst du, das hast du doch gesagt.“ Im Internet ist jeder mutig, doch dieser Mut ist mehr Schein als Sein. In Wirklichkeit ist es Feigheit und mangelnder Anstand, wenn man seinen Respekt verliert. Und am schlimmsten ist es, wenn dieses Verhalten auf einen Muslim zutrifft.

Das Prinzip des husnu dhan, des guten Denkens, scheint gänzlich verloren gegangen zu sein. Vielen ist es ein Leichtes, voller Zorn auf den Beitrag eines Glaubensbruders oder einer Glaubensschwester mit Worten wie: „Du Dreckskafir“, „War doch klar, dass du zu den Höllenhunden gehörst“, „Euch sollte man den Kopf abschneiden ihr Abtrünnigen“, „Ich hasse euch alle ihr Menschen“, „Ich spucke auf euch“ zu antworten.

Nein, hier geht es nicht mehr darum, dass ein anderer eine falsche Meinung vertritt und man besorgt ist um seine Akhira. Das hier ist nichts weiter als Anstandslosigkeit und mangelnde Erziehung. Die Zunge, die dhikr macht, darf nicht zeitgleich jene Zunge sein, die Beleidigungen ausspricht. Wem tatsächlich das Wohl seiner Glaubensgeschwister am Herzen liegt, der belehrt sie nicht mit schmutzigen Worten oder gar mit der Absicht, ihn mundtot zu machen oder zu blamieren. Wer um das Wohl seiner Geschwister im Islam bekümmert ist, der ist besorgt um sie, der kümmert sich um sie, der belehrt sie eines Besseren.

 

Und vielleicht magst du aus Gram noch dich selbst umbringen, wenn sie an diese Botschaft nicht glauben, nachdem sie sich abgewandt haben.“ (Sure al Kahr Vers 6)

 

Bei einigen Menschen sind ihre Beweggründe Zorn und Aggression, man fühlt sich in seiner Person bedroht, weil ein anderer eine Meinung vertritt, die nicht mit dem eigenen Standpunkt harmonisiert, und schlagartig verliert man seine Fassung und die ersten Beschimpfungen fallen.

Nein, hier geht es nicht mehr darum, seine Meinung darzulegen. Das ist Anstandslosigkeit.

Man befindet sich in einem immerwährenden Konkurrenzkampf, bei dem es darum geht, wer welche Ansicht vertritt. Die Belege, die man für seinen Standpunkt auswählt, sind meistens ohnehin nichts weiter als Auszüge aus PDF-Dateien, die man sich noch nicht einmal ganz durchgelesen hat. Es werden Shaikh X und Abu Fulan zitiert, doch was sind mit den Aussprüchen unseres Propheten, Allahs Segen und Frieden auf ihm, in denen es heißt: „Ein Muslim ist der Bruder jedes Muslims: Er soll ihn nicht unterdrücken und ihn nicht seinem Feind ausliefern. Wer seinem Bruder hilft, dem wird Allah helfen. Und wer einem Muslim bei der Beseitigung seiner Sorgen hilft, dem wird Allah bei seinen Sorgen am Tage des Gericht helfen. Ebenso wird Allah demjenigen, der die Schwächen eines anderen Muslims verdeckt, am Tag des Gerichts seine Fehler verbergen.“ (Al-Bukhari und Muslim) oder „Ein Muslim ist der Bruder des anderen Muslims. Weder betrügt er ihn, noch belügt er ihn, und er lässt ihn nicht im Stich. Alles was einem Muslim gehört, seine Ehre, sein Besitz und sein Blut, ist für einen anderen Muslim verboten (haram). Die Gottesfurcht ist hier. Es soll niemand einen anderen Muslim verächtlich ansehen.“ (At Tirmidhi)

Man setzt falsche Prioritäten. Die falschen Aspekte werden am stärksten gewichtet, und das Wesentliche verliert man aus den Augen. Ich behaupte und erwarte nicht, dass alle Muslime, die La ilaha ilallah bezeugen, auch in allen anderen Themen und Aspekten ein und die gleiche Meinung vertreten. Es gibt sehr wohl Meinungsverschiedenheiten in vielen wichtigen Fragen und es gehört zu den Gunsterweisungen Allahs, dass Er dies ermöglicht hat. Man sollte und darf jedoch erwarten, dass eine Debatte auf geistiger Augenhöhe geführt werden soll, mit Worten, die man am Tag der Abrechnung nicht bereuen wird, mit einer Absicht, die einem die rechte Waagschale erschweren wird.

Und wie sagte Umar ibn al Khattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sinngemäß: „Allah hat uns mit dem Islam geehrt, und wer seine Ehre wo anders sucht, den wird Allah erniedrigen.“ Es ist eine Ehre für dich, mich und alle anderen praktizierenden Muslime, dass wir überhaupt Muslime sind. Für Allah ist es ein Leichtes, uns diese Ehre zu nehmen, wenn Er will: „Und wenn Er eine Angelegenheit bestimmt, so sagt Er zu ihr nur ‚Sei!, und so ist sie.“ (Sura al Baqara Vers 117)

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3 Antworten auf “Das gute Denken – eine Farce”

  1. Emre

    Es ist nicht vom Islam, großartig zu diskutieren.

    Da gibt es passende Überlieferungen zu. Wer als Muslim auf Facebook rumhängt und zwar so, dass er virtuell jeden Stein umdreht und anschließend interagiert, hat eh was falsch gemacht.

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  2. Mohammed Isa

    Mohammed Isa

    Wie Diskussionen nicht ablaufen sollten …
    https://www.youtube.com/watch?v=e7D-xW1VT9Y

    „Wenn wir zum diskutieren kommen, so wurde dies überall missbilligt, außer unter 3 Bedingungen:
    1. Die Ayah in der Surah Nahl: Rufe auf zum Weg deines Herrn mit Weisheit und schöner Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Art.
    2. Die Ayah in der Surah Ankabut: Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift, es sei denn in der besten Art.
    3. Die Ayah in der Surah Mudschadala: Allah hat das Wort jener gehört, die bei dir wegen ihres Mannes vorstellig wurde und sich vor Allah beklagte. Und Allah hat euer Gespräch gehört. (Imam Ahmad)
    Ibnu’l Kayyim: Kuran ve Sünette Tartisma Yöntemi ve Adabi [Das Benehmen und die Art und Weise des Diskutierens mit dem Quran und der Sunnah], S. 15 – 16.

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  3. Milat

    PDF oder Buch macht keinen grossen Unterschied und ist ein Vorteil.

    Husnu Dhan wird auch oft von Muslimen missbraucht. Vorallem wenn man in der bzw. einer Debatte der Gegenseite dies aufzwingt.

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