Elemente der Werttheorie im Vergleich – Westliche Wirtschaftslehre und muslimische Gelehrte

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Der folgende Text stammt – als englischsprachiges Original – aus der Publikation Contributions of Muslim Scholars to Economic Thought and Analysis von Prof. Dr. Abdul Azim Islahi, einen anerkannten muslimischen Ökonomen, und wurde von mir (Yahya ibn Rainer) in die deutsche Sprache übertragen.

Elemente der Werttheorie und muslimische Gelehrte

Das Thema ‚Wert‘ erlangte zunehmend Bedeutung als die Wirtschaftslehre zu einer Wissenschaft wurde. Adam Smith (1723-1790) präsentierte eine äußerst starke Arbeitswerttheorie, die jedoch bezüglich der Betriebskosten etwas „konfus“ war (Roll, 1974, p.162). Ricrado (1772-1823) versuchte Smith’s „Unstimmigkeiten“ zu beseitigen, war aber „selbst nicht frei von Konfusion“ (Roll, 1974, p. 178). Marx (1811-1889) versuchte die smithische und ricardische Werttheorie zu einem logischen Schluss zu bringen, indem er die Ausbeutungstheorie (Roll, 1974, p. 266) vorlegte , die Widerstand aus allen Ecken hervorrief. Die Grenznutzenschule betont die Nachfrageseite bzw. ist eine „Werttheorie basierend auf den Nutzen und somit eine Alternative zur klassischen Theorie“ (Roll, 1974, p. 379), entgegen der klassischen Betonung auf den Aspekt des Angebots. Neoklassische Ökonomen versuchten dieser Kontroverse ein Ende zu setzen, indem sie beides, Nachfrage und Angebot, bei der Bestimmung des Wertes kombinierten (Roll, 1974, pp. 401-02).

Wenn sich die Situation im Zeitalter der wissenschaftlichen Ökonomie wirklich so darstellte, dann kann man zu Recht davon ausgehen, dass es in der pre-smithianischen Periode gänzlich an kohärenten [schlüssigen] Werttheorien fehlte. Aber es überrascht zu erfahren, dass diese Elemente der Werttheorie und ihre wesentlichen Bausteine schon lange vor den Bauherren der modernen Ökonomie existierten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die Entwicklung der Werttheorie in der islamischen Tradition genau andersherum verlief. Wie wir weiter unten sehen werden, gab es, während des gesamten Zeitraums [islamischer Gelehrsamkeit], ein Verständnis für die Wertbestimmung durch Angebot und Nachfrage. Obwohl die Autoren diesbezüglich nicht klar erwähnen, ob ein Wert bei seiner Bestimmung nun vom natürlichen Wert der Ware oder einfach vom vorübergehenden Marktpreis repräsentiert wird, ist aus ihren jeweiligen Aussagen durchaus leicht zu schlussfolgern was sie meinen.

Wert basierend auf Grenznutzen

Muslimische Gelehrte nahmen eine Bewertung auf Basis des Grenznutzens bereits im 9. Jh. n. Chr. (2. Jh. n. H.) vor, freilich ohne Verwendung dieser Terminologie. Ibn Abd al-Salam erwähnte das Imam Schafii sagte:

„Ein armer Mann misst einem Dinar [arabische Goldwährung], von seinem Standpunkt aus, einen viel höheren Wert bei, während ein reicher Mann nicht dieser Auffassung ist, da hunderte von großen Werten seinen Reichtum ausmachen.“ (Ibn Abd al-Salam, 1992, p. 561)

Eine ähnliche Ansicht wurde auch von al-Juwayni geäußert. (1400 H. part 2, p. 920) Al-Shaybani (1986, p. 50) erkannte auch eine Form der „Nutzlosigkeit“ [Negativnutzen], indem er sagte:

„ … eine Person isst zum eigenen Nutzen und es gibt keinen Nutzen [für Nahrungsmittel] wenn der Magen gefüllt ist, man kann hier eher von „Nutzlosigkeit“ sprechen.“

Der subjektive Charakter des Wertes wird wohl am besten von Ibn al-Jawzi (1962, p. 302) beschrieben, der sagte:

„Das Ausmaß der Freude an Speisen und Trank ist davon abhängig, wie stark der Durst und Hunger ist. Wenn eine durstige und hungrige Person ihren ursprünglichen Zustand (der Sättigung) erreicht hat, und man sie danach zwingen würde noch mehr Speisen und Getränke zu sich zu nehmen, dann wäre das sehr schmerzhaft (und von großer Nutzlosigkeit).“

Somit ist klar, dass für diese Gelehrte der Wert eines Objektes eine subjektive Angelegenheit ist, die vom abnehmenden Grenznutzen abhängt.

Es ist aufgrund des abnehmenden Grenznutzens, dass al-Dimashqi (1977, p. 116) es für irrational hielt, „zu viel Geld für die Befriedigung eines einzigen Bedürfnisses“ aufzubringen „und [dabei] die anderen zu ignorieren“. Er schlägt vor, die Zuteilung von Einkünften in einer Weise vorzunehmen, wie man sie [heute] in modernen ökonomischen Texten zum Equimarginalprinzip [Grenznutzenausgleichsregel, Gesetz vom Ausgleich der gewogenen Grenznutzen] findet.

Betrieb- bzw. Produktionskosten-Theorie des Wertes

Ibn Taymiyyah (1963, Vol. 30, p. 87) dachte, das der Zuwachs des Wertes von beidem abhängig ist, Arbeit und Kapital. Es handelt sich also um eine Erhöhung, die aus zwei unterschiedlichen Faktoren resultiert. Aus einer anderen Aussage geht hervor, dass er der Auffassung war, dass Wertschöpfung durch alle möglichen Faktoren, inklusive Land, Luft, Rohmaterial, Arbeit und Kapital, zustande kommt. (1963, p. 120, vol. 29, p. 103) Das bedeutet, seine Theorie war eine Betriebskosten- bzw Produktionskosten-Theorie.

Arbeitswerttheorie

Ibn Khaldun besteht darauf, dass „Profit der Wert ist, der durch Arbeit verwirklicht wird“. (1967, Vol. 2, p. 272) Bei einer anderen Gelegenheit sagt er, …

„ … ferner sollte bekannt sein, dass das Kapital, dass eine Person erwirtschaftet und akquiriert [erwirbt], falls es aus einem Handwerk resultiert, vom Wert her eine Verwirklichung seiner Arbeit ist.“ (1967, p. 313) ; „es ist damit klar geworden, dass Gewinne und Profite in ihrer Gesamtheit oder zum größten Teil einen Wert darstellen, der durch menschliche Arbeit erzielt wird“. (1967, p. 314)

Bezugnehmend auf diese Aussagen erklärte Baeck (1994, p. 116) also zu Recht, dass …

“ … der Wert eines jeden Produktes, nach Ibn Khaldun, der Menge an Arbeit entspricht die darin investiert wurde.“

Obwohl Ibn Khaldun den Terminus ‚Tauschwert‘ nicht verwendete, ist klar, dass er ihn meinte. Er ist impliziert in seine Erklärung von der Bestimmung des „Gebrauchswertes“, der dadurch zustande kommt, dass die investierte Arbeit den Wert erzeugt, als Ausfluss dessen was der Mann (Handwerker, Arbeiter usw) beabsichtigt und wofür er allein verantwortlich ist. (Spengler 1964, p. 299)

Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass Ibn Khaldun die Werttheorie an den Punkt brachte, wo die zeitgenössische klassische Ökonomie ihre Reise begann.

Referenzen:
  • Roll, Eric (1974), A History of Economic Thought, Homewood (Illinois), Richard D. Irwin In.
  • Ibn Abd al-Salam, al-Izz (1992), Qawa`id al-Ahkam, Damascus, Dar al-Taba`ah.
  • Al-Juwayni, Abd al-Malik (1400 H.), al-Burhan fi Usul al-Fiqh, Cairo, Dar al-Ansar, 2nd ed., two parts in one volume.
  • Al-Shaybani, Muhammad b. Hasan (1986), al-Iktisab fi’l-Rizq al-Mustatab, Beirut, Dar al-Kutub al-Ilmiyyah.
  • Ibn al-Jawzi, Abd al-Rahman (1962), Dhamm al-Hawa, (edited by Abd al-Wahid, Mustafa), n. p.
  • Al-Dimashqi, Abu’l-Fadl Ja‛far (1977), al-Isharah ila Mahasin al-Tijarah, edited by al-Shorabji, Cairo, Maktabah al-Kulliyyat al-Azhariyyah.
  • Ibn Taymiyyah (1963), Majmu` Fatawa Shaykh al-Islam Ahmad Ibn Taymiyyah, edited by al-Najdi, Abd al-Rahman b. Muhammad, Al-Riyad, Matabi` al-Riyad.
  • Ibn Khaldun (1967), Muqaddimah of Ibn Khaldun, (An Introduction to History) Translated by Rosenthal, F., New York, Princeton University Press.
  • Baeck, Louis (1994), The Mediterranean Tradition in Economic Thought, London and New York, Routledge.
  • Spengler, Joseph J. (1964), „Economic Thought of Islam: Ibn Khaldun“, Comparative Studies in Society and History, (The Hague), Vol. VI, pp. 268-306.

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