Von Akhis, Ukthis und anderen Katastrophen

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Wer kennt es nicht? Man ist in seiner Peergroup, sei sie nun männlich oder weiblich, und man kommt auf das Thema Familie und Ehe zu sprechen. Sind die ersten Worte in Richtung dieser Thematik (oder besser gesagt Problematik) gesprochen, so kommen in einem deterministisch anmutenden Gesprächsverlauf, stets die eigenen, vermeintlich unerreichbaren Wünsche zum Vorschein.

Folgendes fiktives, aber im Internet oft geführtes Gespräch, soll hier als Beispiel für die weitere Diskussion dienen.

Akhi 1:

Die Ukhtis heutzutage wollen sogar, dass man sie ernährt, kleidet und in einer adäquaten Wohnung unterbringt! Sie möchten zudem etwas haben womit sie sich zerstreuen können und dafür soll ich auch noch am Besten aufkommen!

Wie finde ich nur eine Frau, die bildhübsch ist, kochen kann, gläubig ist, keine Ansprüche und Ambitionen hat, mit einem Wali, der den Namen nicht verdient und ich meinen Lebensstil so weiterpflegen kann, nur halt mit Frau? Diese Dunya ist echt ein Gefängnis für den Gläubigen!

Akhi 2:

In welchem Forum wollen wir unseren Frust diesmal ablassen, www.ahlu-sunnah.com ist doch zu? Es hat sonst immer sehr viel geholfen und unsere persönliche Situation verbessert, nachdem wir unsere Probleme im Internet publik gemacht haben…

Bei den Ukthis [sic!] möge man sich aus Gründen der Gleichberechtigung ein ähnliches Gespräch als Grundlage nehmen und die Notion des Traummannes bzw. der Traumbeziehung in einer schmierigen Bollywoodschmonzette ansiedeln.

Völlig überzogene und unrealistische Vorstellungen vom eigenen Partner. Hierbei soll ohne viel eigenes Zutun ein Wunder geschehen und ein Traumprinz respektive eine Traumprinzessin aus dem Off erscheinen und noch im Moment der Begegnung einen islamrechtlich gültigen Ehevertrag unterzeichnen!

Nehmen Frauen oder ihr Wali ihr gottgegebenes Recht auf Ablehnung eines Heiratskandidaten wahr, so attribuiert man die Ablehnenden mit den schlimmsten Eigenschaften. Hauptsächlich werden Nationalismus, Gier (ausgesprochen „Dunya-Geilheit“) und eine allgemein unislamische Lebensweise unterstellt, denn nur dies kann als Begründung für die Abweisung herhalten. Wer würde denn sonst diese orientalischen Traumprinzen ablehnen, obwohl sie doch eigentlich ein Blumenmeer und eine untertänige Danksagung für das Interesse an der eigenen Tochter als Begrüßung erwartet hatten?

Fakt ist, die Gründe für die Ablehnung liegen niemals in der Person der Akhis [sic!]. Immerhin ist die muslimische Jugend hierzulande und weltweit mit der besten Reputation ausgestattet. Sie sind tüchtig, wissbegierig, nutzen ihre Zeit, um sich für das Diesseits und für das Jenseits vorzubereiten. Sie sprechen neben ihrer Muttersprache und Deutsch, noch fließend Arabisch und haben den Koran und die Überlieferung in Rekordzeit auswendiggelernt. Auch suchen sie den Fehler stets zuerst bei sich, erst wenn sie in einem Akt der Selbstreflexion zum unwahrscheinlichen Ergebnis kommen, dass der Fehler nicht bei Ihnen liegt, werden Sie auf die Idee kommen, der Umwelt ihre eigene Verdorbenheit vorzuwerfen. Diese Prachtexemplare der Marke JEMM (jung, erfolgreich, muslimisch und männlich) können nun wirklich nichts dafür. Dies soll an dieser Stelle noch einmal mit Nachdruck verdeutlicht werden.

Allerdings lassen sich diese edlen Geschöpfe, deren Namen man nur mit großem Respekt aussprechen darf und hierbei niemals die obligatorischen Phrasen a la „er ist wie ein Löwe“ vergessen sollte, nicht so leicht unterkriegen. Immerhin haben sie einen Ruf zu verteidigen. Diese edlen Geschöpfe werden nicht eher Ruhe geben, bis sie eine orientalische Traumprinzessin ihren Kalibers ihr Eigen [sic!] nennen.

Nach dem man selbstkritisch wie man ist, die Gründe nicht bei sich, sondern bei der potenziellen Ehefrau und/oder ihrer Familie gefunden hat, wird man versuchen die von Gott eingesetzten natürlichen Familienautoritäten in Frage zu stellen. Hierbei ist so ziemlich jedes Mittel recht, um die Ukthis doch noch dazu zu bewegen, mit einem durchzubrennen. Der Vater, der aus gutem Grunde eine Eheschließung ablehnt, da er durch seine Lebenserfahrung weiß, wie junge Männer nun mal ticken und das es auch eine Ehe außerhalb des Ehebettes gibt, wird erstmal mit viel Brimborium und hochtrabenden Arabismen aus der Gemeinschaft der Muslime herausgeworfen. Die Ukhti, deren Intelligenzquotient in absoluten Zahlen eher mit der Raumtemperatur vergleichbar ist, wird nach dem man über legitime Kanäle (= Kanäle, auf denen man sich unbeobachtet fühlt) auf hohem Niveau konversiert hat und jeder dem jeweils anderen seine höchst altruistischen und in ihrer Grundform höchst islamischen Absichten kommuniziert hat, ihrem Vater, den sie vor zwei Minuten noch mit Liebe und Aufrichtigkeit begegnet wäre, die schlimmsten Sachen an den Kopf werfen und ihn inquisitorisch bis aufs Blut verfluchen. 20 Jahre Vaterschaft und väterliche Fürsorge hinweggefegt durch ein 20 minütiges Gespräch auf Facebook mit einem vollkommen Fremden!

10420398_321062734733390_4288418605516971813_nNachdem man die vom Herrn eingesetzten, lästigen Schutzmechanismen für die Eheschließung hochoffiziell außer Kraft gesetzt hat, steht der Ehe von „Abu Jihad97“ und „Ukthi Umm Zersöterin99“ nun nichts mehr im Wege. Nachdem man den ebenso lästigen Ehevertrag mit einer Morgengabe von 4,37 € und zwei Hemdknöpfen unterzeichnet und mit den Worten „Ganz schön teuer die Ukthis heutzutage“ kommentiert hat, lebten Abu Jihad97 und Ukthi Umm Zerstöerin99 glücklich bis an ihr Lebensende…

Es folgt nun das obligatorische, öffentliche Ausleben der Beziehung in Foren und Sozialen Netzwerken, in der man der Außenwelt zeigt, wie glücklich man doch ist und schnulzige Bilder mit noch schnulzigeren Kommentaren hochlädt. Umso überraschender kommt dann für die Facebookfreundschaft die Scheidung nach nur zwei Wochen „Ehe“.

Der Traumprinz hat sich dann doch nicht als sehr wissend herausgestellt, hilfsbereit, eloquent, fleißig und mutig und das obwohl man den Gesprächsverlauf auf Facebook noch an zehn Facebookfreundinnen weitergeleitet hat, die das Ganze auch noch mit „der ist besser als Shah Rukh Khan“ kommentiert und somit zur Eheschließung freigegeben haben. Schon nach wenigen Tagen machte sich die Ernüchterung breit. Der Traumprinz ist faul, dumm, hochgradig asozial und in einer Form selbstgerecht, die man sonst nur von einem historischen französischen Monarchen erwartet hätte. Er geht nicht arbeiten („was hast du mit den 4,37 € und den zwei Hemdknöpfen gemacht?“) und verlangt, dass die Frau die Formulare für den Hartz4-Antrag ausfüllt damit sie endlich aus dem Kellerabteil eines Mehrparteienhauses ausziehen können und sich ständig beim Jobcenter meldet, damit ja nicht die Stütze wegfällt. Sein islamisches Verhalten endet somit an seiner Komfortzone. Wer hätte das gedacht? Menschen versprechen das Blaue vom Himmel und wenn es um das Einlösen gehen, vergessen sie sehr schnell was sie vor zwei Wochen auf der Facebookchronik hinterlassen haben.

Aus Gründen der Gleichberechtigung möge man sich an dieser Stelle ebenso eine Ukthi vorstellen, die den Haushalt vernachlässigt, Streamingportale nach den neuesten Bollywoodschmonzetten abscannt und sich auf Facebook als Miss Niqab Beauty 2014 feiert.

Und nun ein paar Gegenmaßnahmen, die man schon mehrere tausend Mal gehört und gelesen hat, aber man es dennoch nicht schafft, sich danach zu richten:

  • Du bist nicht der Mittelpunkt der Welt, man muss dich nicht ungesehen mögen. Auch du musst Kritik an deinem Lebensstil, deiner Arbeitshaltung und deinem Anspruchsdenken vertragen.
  • Facebook-Kontakte sind in aller Regel zum Scheitern verurteilt, da ihnen die islamrechtliche Legitimation fehlt. Also gehe den legalen Weg und strenge dich an.
  • 4,37 € und zwei Hemdknöpfe sind zwar viel Geld, dennoch musst du als Mann die Versorgung deiner Familie gewährleisten. Faulheit, Selbstgerechtigkeit und Fehlersuchen bei anderen sind keine am Heiratsmarkt nachgefragten Eigenschaften.
  • Haltet eure Versprechen ein, nichts ist unglaubwürdiger als ein Mann, der den ganzen Tag nur Märchen erzählt.
  • Heiratet mit Bedacht. 20 Minuten Gespräche reichen nicht um eine Person richtig zu durchschauen, viele schaffen dies nicht mal nach 20 Jahren Ehe, also wie soll das in 20 Minuten möglich sein?
  • Der Wali hat seinen Platz und einen guten Grund warum er als Beschützer fungieren muss. Die Ukthis sollten sich eines bewusst machen: scheitert die Ehe, so habt ihr in aller Regel niemanden, der euch in dieser Situation unterstützt. Von einem weiteren Facebook-Ehemann ist abzuraten.
  • Der Prophet (saws) hat das Fasten empfohlen.

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12 Antworten auf “Von Akhis, Ukthis und anderen Katastrophen”

  1. Robin

    As salaamu alaikum wa Rahmatullaah da du ein wichtiges Thema angesprochen hast, solltest du vielleicht Wörter benutzen die, die jungen Geschwister verstehen. Und da ist eindeutig zuviel Sarkasmus!
    Wann man die Jugendlichen erreichen möchte, besser sachlich bleiben wallaahu alaam.

    Ich persönlich fand den Beitrag mehr oder weniger unnötig bis auf einen Punkt. “ Der Wali hat seinen Platz und einen guten Grund warum er als Beschützer fungieren muss. Die Ukthis sollten sich eines bewusst machen: scheitert die Ehe, so habt ihr in aller Regel niemanden, der euch in dieser Situation unterstützt. Von einem weiteren Facebook-Ehemann ist abzuraten.“

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  2. Ineedmoney

    As-Salamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakatuh,

    ich wollte mich nur für den Beitrag hier bedanken und viele Grüße hinterlassen. Dem stimme ich in allem zu und der Humor vom Bruder Zia ul Haq, genau mein Ding. Ich hoffe du lässt mal mehr von dir lesen mit deiner provokanten Art. Daumen hoch, hut ab wasalam

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  3. Abdullah

    As-Salaamu ‚alaikum wa Rahmatullahi wa Barakaatuhu,

    ohne Zweifel: Haq!

    Vielen Dank Bruder für diesen intelligenten, sprachlich einwandfreien Artikel. Solche Artikel wecken in mir die Hoffnung, dass die Mainstream-Salafi-Szene in Deutschland noch nicht komplett verblödet ist. Der Sarkasmus war auch brillant und sehr passend in dieser Thematik.

    P.S. Wem die verwendeten Wörter zu schwer sind: Einfach googlen. Oder besser mehr Bücher lesen.

    Salaamu alaikum wa Rahmatullahi wa Barakaatuhu

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  4. ein Sympathisant

    As salamu aleykum wa rahmatullahi wa barakaatuh,

    ich danke dem Bruder zia ul haq für diesen Beitrag. Solch ein Statement war lange fällig, spricht mir aus dem Herzen, ist brilliant geschrieben und sollte auf weiteren Plattformen eingestellt werden, in der Hoffnung, die Entsprechenden zu erreichen. Ja er ist gespickt mit Ironie und Sarkasmus und ja, man kann trefflich darüber streiten, ob dieser Sarkasmus angebracht und dienlich ist. Ich meine, er ist es. Sarkasmus erzeugt Aufmerksamkeit, animiert zum Weiterlesen unnd lässt einen hin und wieder schmunzeln, auch wenn man vielleicht einen unangenehmen Spiegel vorgehalten bekommt.
    Der Bruder hat für meinen Geschmack eine gute Balance gefunden, da er am Ende klar und deutlich und frei von Ironie oder Sarkasmus die Schlüsse aus seinem Beitrag formuliert hat.

    Ich danke ihm hierfür und hoffe, zukünftig noch weitere solcher Beiträge hier zu lesen.

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  5. sufi

    Super Artikel das braucht unsere Szene: Selbstkritik.

    Antworten
  6. Bintsaid

    Assalamu alaikum wa rahmatul Allah wa barakatuh,

    Vielen Dank für den tollen Beitrag, der in mir Hoffnung erweckt, dass in Sha Allah die praktizierenden Muslime anfangen zu lernen was „Praktizieren“ in allen Aspekten, wie Benehmen & Charaktereigenschaften sind. Ich freue mich schon auf die zukünftigen Beiträge, welches über die Problematik der Ummah (in Deutschland) berichtet.

    Barak Allah fikum, asaalamu Alaykum.

    Antworten
  7. Munawara

    Hallo.Viele der Punkte haben leider sehr auf mich zugesprochen..Ich habe erst seid kurzem wirklich wieder angefangen mich mit der Religion zu beschäftigen und die Punkte die hier bezüglich der Ehe genannt wurden,die man beachten sollte waren echt richtig hilfreich.

    Antworten
  8. Ahmet Emin

    Salamalaikum Wa Rahmatullahi Wa Barakatuhu,

    Ich finde den Beitrag sehr hilfreich. Hat mich sehr zum schmunzeln gebracht.

    Als verheirateter versuche ich und meine Frau Single Geschwister zusammen zubringen. Die erwähnten Punkte sind nicht nur auf Facebook anzutreffen. Jedoch muss auch immer erwähnt werden dass zusammen bringen ausschließlich an den hohen Erwartungen der Frauen scheitert. Leider eine bittere Realität.
    Allah möge den heiratswilligen Geschwistern helfen und den richtigen Verstand geben.

    Fi Emanillah

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  9. Muslimarose

    As-Salamu alaykum wa rahmatullah wa barakatuhu auch von mir ein Dankeschön – barak allahu feeki für den hilfreichen Beitrag, möge Allah unsere nichtverheirateten Geschwister vor all dem Übel bewahren und die bereits verheirateten Geschwister in allem (Höhen und Tiefen in der Ehe) beistehen und alle segnen amin.

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  10. Al-Khorasany Al-Afghany

    Allāh bewahre

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  11. saxhida

    Es ist ein sehr guter Artikel und leider sehr wahr.Ich bin der Ansicht das auch die Eltern immer eine gewisse Mitschuld an diesem Verhalten tragen.Man könnte den Sohn auch zur Selbstständigkeit erziehen und zu gutem Benehmen Frauen gegenüber.Die Familie zu versorgen gehört auch dazu.Und vielleicht sollte man seinen Kindern(Teens) nicht erlauben bei Facebook zu sein oder ein Smartphone zu haben.Mädchen sollte man nicht zu Prinzessin erziehen die meinen das die Mitgift ihren Wert als Frau ausdrückt und deshalb besonders hoch sein muss.
    Und manchmal ist es irgendwie auch frustrierend das auf meinem Blog von den fast 400 Artikeln (die nicht alle gut sind) der am meisten gelesen wird:Ich bin keine Jungfrau mehr und möchte heiraten

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  12. unwichtig

    Warum kenne ich diesen Blog erst jetzt ? Behalte deine ironische und sarkastische Art an, sie provoziert und in dem Fall ist es auch sehr gut so.

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