Botho Strauß und der Islam

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„Was aber Überlieferung ist, wird eine Lektion, vielleicht die wichtigste, die uns die Gehorsamen des Islam erteilen.“ (Der letzte Deutsche, DER SPIEGEL 41/2015)

Der deutsche Schriftsteller Botho Strauß, der scheue Mann aus der Uckermark, gilt in hiesigen konservativen Kreisen als Idolfigur des Widerstands gegen die Verhältnisse, als treuer Wärter des kulturellen Geistes, gegen die überall aufbrandenden Widrigkeiten der Sittenlosigkeit. Als Grenzgänger und Befürworter der inneren Emigration, hält er als Seismograph den deutschen Niedergang, den schrittweise sich vollziehenden Schwund des abendländischen Geistes, fest. Neben seiner anfänglichen Tätigkeit als Dramatiker (sein bemerkenswertes Stück „Die Hypochonder“ sei hier genannt), hat er in den letzten Jahren hauptsächlich gesellschaftskritische Adnoten und einige Erzählungen (wie beispielsweise „Vom Aufenthalt“) verfasst. Einem größeren Publikum wurde Strauß vor allem durch seine essayistischen Publikationen in „Der Spiegel“ oder in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ bekannt. Große Wellen Schlug sein Essay „Anschwellender Bocksgesang“ aus dem Jahre 1993, in dem er Kritik an der modernistischen Zivilisation und ihrem Verständnis von freiheitlicher Demokratie anbrachte. Seine jüngere Veröffentlichung „Lichter des Toren. Der Idiot und seine Zeit“ aus dem Jahre 2013 und seine immer wieder Debatten antreibende publizistische Tätigkeit in den Printmedien, bietet auch für die Beziehung Deutschlands mit dem Islam einige ertragreiche, zum Nachdenken führende Sentenzen.

Strauß könnte eine Art Scharnierfunktion für deutsche und islamische Konservative darstellen: Seine rechte, unaufgeregte Thematisierung des Islams in der Öffentlichkeit, unter Einbeziehung seiner offenbaren, vitalen Grundzüge (eine Art Novum unter deutschen Konservativen!), gepaart mit seinem ideellen abendländischen Denken, ergeben neuartige Aussichten auf die Verworrenheit des jetzigen, durch die Öffentlichkeit befeuerten, gesellschaftlichen Krebsgeschwürs namens „Deutschland und der Islam“. So schreibt Strauß an einer Stelle in „Lichter des Toren“:

„Wir drängen den neben uns wohnenden Muslimen unentwegt unsere Freiheiten auf, denken aber nicht daran, auch nur das geringste von ihrer sittlichen Freiheitsbeschränkung nachahmenswert zu finden oder auf uns abfärben zu lassen. Das Abfärben soll nur einseitig geschehen. Dabei täte etwas mehr Familie, etwas väterliche Stärke einem Erziehungsverhalten gut, dessen Schwächen allenthalben von staatlich geförderten Hilfen kostspielig kompensiert werden. Autorität zu bezweifeln, gehört jedoch zu den Pflichten, die der demokratischen Übereinkunft selbstverständlich erscheinen und die ihr leichtfallen. Im Zuge des Bevölkerungswandels werden sich möglicherweise andere Prioritäten herausbilden, als sie heute gültig sind.“ (Lichter des Toren, S.36)

Diese erstaunliche Passage konnte nur entstehen durch ein bewussten Umgang mit der vormaligen deutschen Mentalität. Irgendwann stößt nämlich jeder deutsche Kulturmensch an die Differenz des Deutschseins und der jetztzeitigen Gesinnung des relativistischen anything goes. Er kann somit in eine unverfälschte Resonanz mit der islamischen Kultur treten und entdeckt positive, Errungenschaften und Selbstverständlichkeiten-nun jedoch im Islam- die er längst im Schlund der internationalistischen Propaganda verschüttet geglaubt hatte. So auch seine eindeutige Positionierung beim Thema anarchistischer Enthemmung:

„Aber ihr Freizügigen! Seid ja geschlossener verhangen als jede Muslimin im Ganzkörpertuch. Eure Burqa ist eine feste Hülle aus Sprachlumpen, aus Nicht-Erscheinen- und Nicht-Blicken-Können. Ihr seht einander nicht und was ihr sagt, bleibt ungesagt. Ihr tragt das Grau in Grau in Grau in Grau…Farbe des großen Nachlassens, das nicht aufzuhalten ist und nicht jeden zu regieren. Das aber nicht aus diesem oder jenem Grund entstand, sondern einfach, weil Nachlassen von Zeit zu Zeit über die Völker, die Nationen, die Gesellschaften und Generationen kommt.“ (Lichter des Toren, S.36f.)

Die heutzutage grassierende, als Tugend deklarierte, Nachlässigkeit in Erscheinung der sittsamen Körperlichkeit und der inneren Geisteshaltung, ist überall zu erkennen. Die urtümliche abendländische und islamische Idiosynkrasie des konturhaften Geistes erstickt regelrecht an dieser grauen Formlosigkeit, an der Formlosigkeit der Nicht-Erscheinung. Und weiter:

„Man hat die Feuer der Andeutung gleichermaßen im Erotischen wie Semantischen ausgehen lassen. Dementsprechend auch das Verständnis für die Askese der Erscheinung eingebüßt. Nicht zuletzt deshalb erniedrigt man die sich verhüllende, gar aus dem Dunkel ausblickende Frau, Muslimin, zu einem ordinären Politikum.“ Botho Strauß, (Lichter des Toren, S.145)

Der festgesetzte antikulturelle Impetus des deutschen Westlers-selbst bei einigen Rechtskonservativen!- steht mittlerweile im Contra der Enthaltsamkeit und Mäßigung der Erscheinung. Zeilen des großen deutschen Dichters Rainer Maria Rilke sind gänzlich in Vergessenheit geraten:

Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort. Sie sprechen alles so deutlich aus: Und dieses heißt Hund und jenes heißt Haus, und hier ist Beginn und das Ende ist dort. (Aus seinen Frühen Gedichten)

Das befeuernde Empfinden der Andeutung und der Unendlichkeit ist der Deutlichkeit des herabwürdigenden Wortes, der Deutlichkeit der modischen Nacktheit, gewichen. Eo ipso führt das düstere, aufrichtige Unverständnis beim Thema Verhüllung zu einem unanständigen politischen Diskurs. Der Anblick des kulturell Verlorenen im Anderen wiedergespiegelt zu bekommen, ist für manch einem aus unseren Breitengraden unerträglich. Die Einsamkeit des Konservativen in unserem Land ist unbegreiflich. Werte können nur noch in einem pittoresken Schutthaufen vage erkannt werden. Alte abendländische Errungenschaften werden zu tapeziert mit zeitlich begrenzten Schnickschnack der internationalisierten Entgrenzung. Der gemeine Bürger kann dieses Empfinden nicht orten und lässt sich in einem erstickten Schrei zur nächsten Partymeile eskortieren.

Es gibt jedoch mittlerweile einige Menschen in Europa, die sich mit diesen Zuständen nicht mehr abfinden wollen: Sie sind oftmals in rechten Zusammenhängen aktiv, um einen oftmals diffusen Kontrapunkt zu setzen. Strauß schreibt in einem Essay aus dem Jahre 2006 folgendes:

„Niemand von geradem Gewissen wird sich von der Köterspur des Rassismus samt seiner xenophoben Abarten reizen oder verführen lassen. Aber wenn sie den Sohn auf dem Fußballplatz ein „Christenschwein“ rufen, junge deutsche Türken, dann zuckt man zusammen, selbst wenn man sich zuvor nicht als Christ gefühlt oder bekannt hätte. Ein Widerwille gegen jegliche Form von religiöser Verunglimpfung ergreift einen, mit allen banalen Ansprüchen der Revierdominanz oder sogar mit einem Anflug von Reconquista-Groll.“ (Der Konflikt, DER SPIEGEL 7/2006)

Diesen Impetus erleben zurzeit viele Bürger in unserem Lande. Im Folgenden begehen sie jedoch einen bedeutenden Fehler. Das unflätige Verhalten dieser türkischen Burschen wird zu einer vereinfachenden Generalisierung auf alles Islamische umgemünzt, welches-wie wir oben gesehen haben- eigentlich im grundsätzlichen Sinne keinen Widerspruch darstellen sollte. Das Verhalten der türkischen Jugend in diesem Fall schließt eher auf die stattfindende Entwurzelung in einem brüchigen, da liberalistischen Konstrukt, namens Deutschland. Unbewusst werden Symbolismen geäußert, die auf die Schwäche des deutsch-westlichen Kulturmarxismus zurückzuführen sind. Eine Schwäche, die vor allem darin besteht, dass in unserer entpflichteten Zone alles geht, aber nichts muss. Die pathologische Disposition der vorrauseilenden Unterwürfigkeit im jetztzeitigen deutschen Wesen, die German Angst, lässt eine aggressionsgehemmte Masse zurück. Da so ein natürlicher, gesundender Konflikt nicht stattfinden kann, findet im Anderen eine unverständige, übersteigerte Aggression, statt. Der konservative Denker und frühere Sekretär von Ernst Jünger, Armin Mohler (1920-2003), dazu:

„Das eigentliche politische Problem des Liberalismus ist, daß eine liberale Praxis nur möglich ist, wenn gewisse Traditionsbestände an Gewohnheiten und tief eingerasteten Sitten noch vorhanden sind, mit deren Hilfe die Gesellschaft ihre Schwierigkeiten meistert. Salopp gesprochen: sechs konservative Jahrhunderte erlauben es zwei Generationen, liberal zu sein, ohne Unfug anzurichten.“(Gegen die Liberalen)

Strauß hat dieses erkannt, wenn er weiter schreibt:

„Folglich gehört der Junge, der gläubige Christ, das Kind, das Heimat kennt und Heimat fordert, so oder so zu einer verschwindenden Minderheit. Es wird ihm sein inneres Hab und Gut eher streitig gemacht von den Zwängen der Anpassung, der Vorteilssucht und des Karrieredenkens als von den Strenggläubigen des Propheten. Im Gegenteil, die Letzteren müssten ihn in seinem Glauben noch bestärken – er wird sich ihnen gerade in dem Maße entgegensetzen, wie sie ihm zum Vorbild dienen.“ (Der Konflikt, DER SPIEGEL7/2006)

Wohl dem also, der ein grundlegendes Wertefundament hat.

Der Fehler der Reconquista-Jugend und auch von vielen Muslimen besteht aus einer begrenzten Perspektive. Das weltweite Phänomen der Kulturkreise wird nämlich sukzessive durch die globalisierte Zivilisation abgelöst. Diese, keinem Beispiel der Geschichte folgende Erschütterung des Weltverständnisses, lässt einen bangen. Für die Muslime und dem aufrichtigen Abendländler ist also im speziellen Maße die sogenannte Interkultur eine Bedrohung. Sie zielt darauf ab, die Kulturen zu durchmischen und ethnische Differenzen durch das allgegenwärtige westliche Gleichheitspostulat zu untergraben. Erwünscht wird dieses hauptsächlich von totalitären Demokraten und Sozialromantikern ohne Identität und kultureller Scham, deren Handeln von einem phantastischen Hass auf das jeweils Eigene geprägt ist. Was bleibt also?

Das geheime Deutschland. Und: Der Glaube.

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Eine Antwort auf “Botho Strauß und der Islam”

  1. Shuayb Ibn Mustafa

    „Zeitgenössische abendländische Staatssysteme sind samt der involvierten Gesellschaftsstruktur simpel auf lange Sicht nicht finanzierbar; um der Allgemeinheit vorzugaukeln, die Freizügigkeit sei im Sinne einer Aufklärung, wird schlicht eine extravagante Konsumgesellschaft aufgebaut: der Westen lebt auf Kosten der Anderen. Die Problematik bleibt, und wie könnte es anders auch sein, nicht nur der Freizügigkeit vorenthalten: Jedes Individuum, das der abendländischen Ideologie zuwider ist, wird systematisch liquidiert; ich beziehe mich hier nicht wirklich auf Muslime, sondern auf Eingeborene, die z.B. der Einkategorisierung in das „Schönheitsideal“ entkommen sind; eine Gesellschaft zerstört sich selbst.

    Ich kann den Freiheitsbegriff im Sinne des Westens gar nicht nachvollziehen; Der Grundsatz „legalite, liberte, fraternite“ ist in einem Burkaverbot (in Frankreich) angelangt; und das soll jetzt Freiheit sein?

    Post scriptum: Der Artikel wirkt zu komplex („Das befeuernde Empfinden der Andeutung und der Unendlichkeit“?); auch wenn er, aus islamischer Sicht, in Teilen per se korrekt ist. Einige Passagen werden womöglich missverstanden; ich selbst würde, denke ich, vor einem Text der Eloquenz dies auch ausdrücklich anmerken, da Missverständnisse einen Ursprung der Falschheit darstellen.
    Und außerdem: Der Muslim wird de fakto immer aus islamischer Sicht (auch wenn dies als begrenzte Perspektive anerkannt wird) denken müssen; kausalattribuiert führt dies dazu, dass ebenfalls hiesiger Autor kritisch betrachtet wird. Es liegt nicht daran, dass er apparente Vorteile im Islam sieht, sondern praktisch irgendwo eine Ansicht vertritt, die antiislamisch ist.

    Übrigens: Als kurdisch-türkisch stämmiger Muslim erkenne ich in vielen jungen Menschen keine Tendenz zum Islam. Islamrechtlich trifft auf erhebliche Menschenmassen die Bezeichnung „Muslim“ nicht zu.

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