Epilog zu „Curriculum insanum: Schulpflicht im islamischen Staat“

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von Yahya ibn Rainer

Wie wir im gestrigen Beitrag von erfahren konnten, hat der „Islamische Staat“ anscheinend kürzlich den Schulzwang eingeführt. Demnach ist jedes Kind bei Strafe (für die Eltern) dazu verpflichtet, von der 1. bis zur 9. Klasse eine Schule zu besuchen, die dem staatlichen „Amt für Bildung“ untersteht. Des Weiteren las ich vor einiger Zeit auf einem IS-nahen Blog, dass auch sämtliche anerkannten schulischen Bildungsmittel ausschließlich vom „Islamischen Staat“ produziert und gedruckt werden.

Der „Islamische Staat“ bricht hier also mit einer langen Tradition der freien Bildung und des selbstbestimmten Wissenserwerbs. Diese Tradition begann unter der Führung des Gesandten Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – und fand seine Fortführung unter den darauf folgenden rechtgeleiteten Kalifen – möge Allah mit ihnen allen zufrieden sein – und zahlreichen weiteren Dynastien, durch alle goldenen Zeitalter und Zivilisationen der muslimischen Geschichte hindurch, bis zum Niedergang des Osmanischen Reiches.

Ersetzt wurde diese Tradition nun durch ein vollumfängliches Bildungsmonopol nach dem Vorbild des christlichen Abendlandes. Der Schaden, der aus einer Monopolisierung resultiert, ist Ökonomen durchaus bekannt. Aus keinem anderen Grunde sagte der Gesandte Allahs – Allah segne ihn und schenke ihm Heil – :

„Wer monopolisiert, ist ein Sünder.“

Dem Menschen wird etwas vorenthalten, was eigentlich frei zu erwerben sein sollte und er wird gezwungen etwas zu erwerben, was er ggf. nicht erwerben möchte.

Bildung ist seit Anbeginn der muslimischen Geschichte ein Gewerbe, also eine wirtschaftliche Tätigkeit, die durch Vielfalt und Konkurrenz ihre Impulse und ihren Fortschritt erlangte. Auch Ibn Khaldun zählte die Wissensvermittlung in seiner Muqaddima – nebst Landwirtschaft, Bauwesen, Zimmerhandwerk, Weber- und Schneiderhandwerk, Geburtshilfe, Schreibkunst und Verlagswesen – zu den klassischen Gewerben einer seßhaften Zivilisation.

Die weltbekannte politische Denkerin und Schriftstellerin Rose Wilder Lane war dermaßen vom muslimischen Bildungskonzept angetan, dass sie – in einem kompletten Kapitel über den Islam (als Entdecker der Freiheit) – mehrere Seiten dem freien und gewerblichen Charakter des muslimischen Wissenserwerbs widmete. [<< Lesebefehl]

Als Antwort von Anhängern des „Islamischen Staates“ bekam ich auf meine Einwände hin die Antwort, dass über die Scharia hinaus der Befehl des Kalifen als Gesetz gilt, so lange dieser Befehl nicht direkt mit der Scharia in Konflikt gerät.

Nun, ich bin mir nicht gänzlich sicher, ob ein solcher Konflikt nicht schon existiert, wenn man es den Menschen verwehrt, sich – dem eigenen Interesse entsprechend und nach eigener Wahl der Mittel und Lehrer – Wissen anzueignen.

Doch gehen wir einfach einmal davon aus und erkennen dieses regressive Regierungsgesetz als legitim an, dann stellt sich immer noch die Frage nach der Herkunft (wessen Sunnah?) und nach dem Nutzen.

Hierzu möchte ich gern einen Buchauszug aus der deutschsprachigen Übersetzung der Muqaddima von Ibn Khaldun bemühen. Er beschreibt ganz gut und äußerst deutlich das Resultat solcher strafbewährter und menschengemachter Regierungsgesetze, besonders auf dem Gebiet der Bildung.

«Die Unterordnung der sesshaft-städtischen Bevölkerung unter gesetzliche Vorschriften untergräbt ihre Tapferkeit und lässt ihre Widerstandskraft schwinden. Es ist so, dass nicht jedermann Herr seiner selbst ist, denn die Führer und Befehlshaber, die über die Angelegenheiten der Menschen entscheiden, sind im Vergleich zu den anderen gering an Zahl. In der Regel wird der Mensch unumgänglicherweise von einem anderen Menschen beherrscht.

Wenn die Herrschaft milde und gerecht ist und man unter ihr nicht Zwang und Gewalt erdulden muss, geben sich die Menschen unter ihr so, wie es Mut bzw. Feigheit ihrer Seelen bedingen. Im Vertrauen darauf, dass sie zügelnden Einfluss nicht fürchten müssen, wird ihnen dieses Selbstvertrauen zu einer zweiten Natur, neben der sie nichts anderes kennen. Wenn die Herrschaft jedoch hart, streng und furchteinflößend ist, bricht sie die Tatkraft der Menschen und lässt ihre Widerstandskraft schwinden, weil sich Teilnahmslosigkeit in den unterdrückten Seelen breitmacht, wie wir erläutern werden. […]

Wenn gesetzliche Vorschriften mit Hilfe von Strafen durchgesetzt werden, so machen diese die Tapferkeit gänzlich zunichte; denn werden Strafen gegen jemanden verhängt, der sich nicht wehren kann, bringt dies Demütigungen mit sich, durch die die Tatkraft zweifellos zerbricht. Wenn die sittliche Erziehung und Bildung der Menschen nach gesetzlichen Vorschriften erfolgen und diese von Kindheit an Anwendung finden, üben sie in etwa den gleichen Einfluss aus, da die Menschen (auch in diesem Falle) in Furcht und Unterordnung groß werden und sich nicht von ihrer (natürlichen) Tapferkeit leiten lassen. […]

Dem widerspricht nicht die Tatsache, dass sich die Gefährten des Propheten den Vorschriften der Religion und des religiösen Gesetzes unterordneten und hierbei keine Einbuße ihrer Tapferkeit erlitten, sondern im Gegenteil alle anderen Menschen an Tapferkeit übertrafen.

Denn als die Muslime vom Gesetzgeber (d. h. vom Propheten Muhammad) – die Segnungen Allahs seien über ihm – ihre Religion empfingen, ging der zügelnde Einfluss von ihnen selbst aus, sobald sie die Ermutigungen und Androhungen, die er ihnen aus dem Koran vortrug, verinnerlicht hatten. Dies war nicht das Ergebnis systematischer Belehrungen und pädagogischer Erziehung. Vielmehr waren es die Gesetze und Vorschriften der Religion, die sie mündlich empfingen und in ihrem fest verwurzelten Glauben an die Wahrheit der Glaubensgrundsätze für sich annahmen.

Ihre Tatkraft blieb davon unberührt und nahm keinen Schaden, den ihnen Erziehung und gesetzliche Autorität hätten zufügen können. Umar – Allah möge an ihm Wohlgefallen haben – sprach:

«Wen das religiöse Gesetz nicht erzog, den wird Allah nicht erziehen.»

Er brachte damit seinen Wunsch zum Ausdruck, dass in einem jeden selbst der zügelnde Einfluss wohnen möge, und war überzeugt, dass der Gesetzgeber am besten wisse, was für die Menschen gut sei.

Als der Einfluss der Religion auf die Menschen allmählich zurückging und sie auf unterdrückende gesetzliche Vorschriften zurückgriffen, wurde das religiöse Gesetz zu einer Wissenschaft und zu einem Gewerbe, das man sich durch Erziehung und Belehrung aneignete. Und als sich die Menschen dann der städtisch-sesshaften Kultur zuwandten und sich den gesetzlichen Vorschriften unterwarfen, ging auf diese Weise ihre Tatkraft verloren.

Somit ist deutlich geworden, dass Gesetze der Staatsmacht und Gesetze, die der Erziehung dienen, der Tapferkeit abträglich sind, da der zügelnde Einfluss von außerhalb (und nicht von den Menschen selbst) kommt. Deshalb tragen diese Gesetze der Staatsmacht und jene, die der Erziehung dienen, bei den Bewohnern besiedelten Landes dazu bei, die Menschen innerlich zu schwächen und ihren Kampfesmut zu zähmen, da sie diesem Einfluss von Kind an bis ins hohe Alter ausgesetzt sind.

Die Beduinen jedoch kennen diese Situation nicht, da sie weitab von der Autorität der Staatsmacht, weitab von Erziehung und Bildung leben.»

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3 Antworten auf “Epilog zu „Curriculum insanum: Schulpflicht im islamischen Staat“”

  1. Safran

    “…dass auch sämtliche anerkannten schulischen Bildungsmittel ausschließlich vom „Islamischen Staat“ produziert und gedruckt werden…“

    Ich nehme an, dass durch kognitive Verzerrungen von vornherein eine bestimmte, einheitliche Sichtweise zu allen möglichen Aspekten des Islams als Leitbild festgelegt wird.

    Das wird natürlich zu Einsprüchen führen und dem Bestreben, seine, vom IS-Curriculum abweichende Lehrbücher herauszugeben.

    Reagiert der IS darauf mit Bestrafungen?

    Ist das nicht die Vorstufe zur Tyrannei?

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  2. khaybar

    Vielleicht könnten die hier anwesenden Experten für Fiqh auch die Aussagen dieses christlichen Missionars widerlegen?

    https://www.youtube.com/watch?v=v9KZU_ZgwMI

    Nichtmal der Qisas wird genannt, einfacher dürfte es also kaum gehen. Oder?

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  3. Ziyad

    Das: Als Antwort von Anhängern des „Islamischen Staates“ bekam ich auf meine Einwände hin die Antwort, dass über die Scharia hinaus der Befehl des Kalifen als Gesetz gilt, so lange dieser Befehl nicht direkt mit der Scharia in Konflikt gerät.

    ist ein absolutes Schwachsinnsargument. Lernen ist eine individuelle Pflicht, und es ist ihm selbst überlassen, was er wie und wann lernt. Wenn der tolle Kalif das nicht akzeptiert, dann richtet er nicht mit dem Hukm Allahs so einfach ist die Sache. Die glauben anscheinend ein Führer darf jeden Scheiss befehlen. Nein, den Führer obliegt der gleiche Befehl, wie den Befehl an den Gesandten, dass er mit der Herabsendung richten muss. Und der tolle Kalif braucht für seinen Befehl eine deutliche Ermächtigung, ansonsten legt er selber Ahkaam fest und hievt sich in den Stand eines Rabb.

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