Muslime, die sich mit den Fehlern und Nachlässigkeiten anderer Muslime beschäftigen

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von Yahya ibn Rainer

Muslime, die ihre Zeit vor allem damit verbringen, sich mit den Fehlern und Nachlässigkeiten anderer Muslime zu beschäftigen, sind meist selbst von inneren Zweifeln geplagt und versuchen sich auf diese Weise Selbstachtung und Bestätigung zu verschaffen. Aber die daraus resultierende gefühlte Überlegenheit und Sicherheit ist eine Fassade, sie hebt die Selbstzweifel nicht auf, sondern betäubt sie nur, wie ein Rauschmittel. Wie ein Rauschmittel macht es aber auch abhängig. So verschließt man sich dem einzigen Mittel, mit welchem Selbstzweifel beseitigt werden können, nämlich durch eine intensive Beschäftigung mit sich selbst. (Tazkiya und Tarbiya)

Die Tatsache, dass die Religion allgemeinhin nur noch von wenigen Menschen aufrichtig und sichtbar praktiziert wird, lässt den Neuerweckten – also den anfangs hochmotivierten Konvertiten oder Revertiten – recht schnell einen Zustand erreichen, in dem er (zumindest rein äußerlich) aus der Masse der Muslime heraussticht. Nicht jede Nafs kann diesen Umstand richtig einordnen.

Manch einer beginnt (mit Blick auf sein Umfeld) mit sich zufrieden zu sein und setzt das ihm Mögliche an äußerlicher religiöser Praxis gewissermaßen als allgemein machbar voraus, macht sich also quasi selbst zum Maßstab. Man beginnt diejenigen als geringer zu erachten, die weniger in der Lage sind zu praktizieren, die nachlässiger sind oder Fehler begehen die man selbst nicht begeht … und man spricht darüber.

Dies aber ist die große Gefahr für die Neuen im Islam. Sie bleiben nämlich dadurch in ihrer eigenen Entwicklung stehen. Und wenn sie meinen, in ihrer äußerlichen Praxis einen (mit anderen) vergleichsweise guten Zustand erreicht zu haben, dann stürzt sie eben diese Sichtweise (zumeist ohne dass sie es selbst merken) in eine innerliche Krise.

Besonders wenn man als Neuer anfangs viel gelobt wurde, weil man mit seiner sichtbaren Praxis so außerordentlich vorbildlich schien, reicht schon ein kleines Glaubenstief aus – das jeden von uns einmal ereilt – und man sieht sich gezwungen einen Teil seiner Handlungen zu heucheln. Denn wer will schon das Lob missen, den Lobenden enttäuschen und dem zuvor geschmähten religiösen „Schwächling“ die nun eigene Nachlässig- und Fehlerhaftigkeit eingestehen.

Für manche Konvertiten und Revertiten bedeutet diese erste Krise manchmal sogar schon das Ende des religiösen Lebens oder zumindest eine große Relativierung, für andere jedoch öffnet dieser innere Zweifel erst die Tür zum wahren Extremismus, nämlich dann, wenn er Gleichgesinnte findet, die ebenfalls dem Rausch verfallen sind, durch die Geringschätzung der Anderen die eigenen Zweifel zu betäuben.

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