Kopftuch, Schleier und Niqab

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Das Kopftuch, der Schleier und der Niqab. Ein Ausdruck von Identität und Freiheit? Ein Streitthema zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, zwischen Assimilierungsanhängern und -gegnern, zwischen westlichem Kulturuniversalismus und dem Erhalt der eigenen islamisch religiös-kulturellen Identität.

Die Diskussion um das Kleidungsstück der muslimischen Frau hat in der jüngeren Vergangenheit dazu geführt, dass in Deutschland einige Bundesländer den Lehrerinnen das Tragen verboten oder erlaubten. Die „ablehnende“ Fraktion betrachtet den Schleier als ein politisches Symbol, ein Zeichen der Unterwürfigkeit und Ignoranz. Weiterhin beanspruchen sie den Schleier aus dem Quran und den Aussagen des Propheten, entsprechend ihrer ideologischen Veranlagung, heraus zu interpretieren und leugnen den Konsens (Ijma) der frühen islamischen Gelehrsamkeit.

Ihre Arroganz, mit der sie die muslimischen Quellen verleugnen und den muslimischen Frauen ihre eigene Leitkultur oktroyieren wollen, ist immens. Sie sind davon überzeugt, dass der westliche der einzige Weg zu Modernisierung, Freiheit und wirtschaftlicher Prosperität ist. Dem entgegnen selbstbewusste Muslime mit dem Erhalt der islamischen Religiosität, gepaart mit der Assimilation der technischen Moderne und einem Verständnis von freier Marktwirtschaft nach islamischen Regeln (z.B. kein Zins). Allerdings spielen nicht nur „Westler“ eine wichtige Rolle in diesem Streit, sondern vor allem „modernistische Muslime“, die die westliche Kultur als universell gültige Kultur wahrnehmen, akzeptieren und als nachahmenswert empfinden.

Da die Kleidung als ein offensichtliches Merkmal der muslimischen Frau heraussticht, verursacht sie bei den „modernistischen Muslimas“ Bauchschmerzen. Durch die Aufgabe des Schleiers als Teil ihrer islamischen Identität werden sie zu „Musterbeispielen an Integration“. Obwohl sie sich nur dem universalistischen Prinzip der westlichen Kultur beugen und sich assimilieren.

Bereits in den 50er Jahren schloss sich ein junger Franzose Namens Frantz Fanon der algerischen Widerstandsbewegung FLN an. In seinem Buch „Aspekte der Algerischen Revolution“ beschreibt Fanon, wie die Französische Republik in ihrem Kolonialkrieg gegen die algerischen Muslime den Schleier, die Rolle der Frau in der Gesellschaft und die islamischen Identität untergraben und eliminieren wollten. Es ist ein eindrucksvolles Stück Papier, das kaum an Aktualität verloren hat und uns Muslimen die vorhandene westliche Praxis und den Umgang darzustellen vermag.

Er schreibt:

„Die Kleidung und die Art, sich zu kleiden und zu schmücken, sind die hervorstehendsten, das heißt, die unmittelbar wahrnehmbaren Merkmale einer Gesellschaft. … In der arabischen Welt zum Beispiel wird der Schleier, mit dem sich die Frauen kleiden, von Touristen unmittelbar wahrgenommen. Es kann einem lange unbekannt bleiben, daß ein Moslem kein Schweinefleisch ißt oder sich den Sexualverkehr während des Ramadan-Monats versagt; aber der Schleier der Frau ist ein konstantes Merkmal, daß er im allgemeinen zur Charakterisierung der arabischen Gesellschaft ausreicht. …

Die Funktionäre der französischen Verwaltung in Algerien, die sich die Zerstörung der Eigenart des Volkes vorgenommen haben und von der Regierung damit beauftragt sind, um jeden Preis die Auflösung derjenigen Existenzformen zu betreiben, die auch nur entfernt an nationales Selbstbewußtsein erinnern, richten heute ihre größten Anstrengungen auf die Funktion des Schleiers, der als das Statussymbol der Algerierin aufgefaßt wird. …

„Wenn wir die Frauen gewonnen haben, dann haben wir den Kampf gewonnen“ …

… „Wenn wir die algerische Gesellschaft in ihrem inneren Zusammenhang, in den Grundfesten ihres Widerstandes treffen wollen, müssen wir zunächst die Frauen erobern; wir müssen sie hinter dem Schleier suchen, hinter dem sie sich verbergen, und in den Häusern, in denen sie der Mann versteckt“. Die Situation der Frau wird zum Leitmotiv der Aktion gewählt. … Das Verhalten des Algeriers wird als mittelalterlich und barbarisch denunziert. Mit unendlicher Akribie wird die Anklage vorbereitet.

Der Okkupant will das Familienleben des Algeriers entschleiern; er häuft Verdächtigung auf Verdächtigung, vervielfacht die Anekdoten und erbauliche Exempel und versucht so, die Tradition und die Bräuche aufzubrechen. Gesellschaften für gegenseitige Hilfe und für die Solidarität mit den algerischen Frauen werden gegründet. Die Klagen werden organisiert. …

Das ist die Zeit, in der eine ganze Technik des Eindrigens und der Unterwanderung entwickelt wird, in deren Verlauf sich Meuten von Sozialhelferinnen und Wohlfahrtsangestellten auf die arabischen Viertel in den Städten stürzen. …

Auf die Propaganda folgen die praktischen Ratschläge. … Die Kolonialverwaltung investiert enorme Summen in diesen Kampf. Nachdem man die These aufgestellt hat, daß die Frau den Angelpunkt der algerischen Gesellschaft darstelle, richtet man alle Anstrengungen darauf, sie unter Kontrolle zu bekommen. … Im Programm des Kolonialismus kommt der Frau die historische „Mission“ zu, den Algerier umzuwenden.

Die Frau zu verwandeln, sie für die ausländischen Werte zu gewinnen, sie aus ihrem Status herauszureißen, bedeutet, eine reale Macht über den Mann zu erlangen und zugleich über die praktisch wirksamen Mittel zu verfügen, um die algerische Kultur umstürzen zu können. …

Die algerischen Männer werden ihrerseits zum Gegenstand der Kritik ihrer europäischen Kollegen oder, noch offizieller ihrer Vorgesetzten. Es gibt keinen europäischen Arbeiter, der nicht dem Algerier die üblichen Fragen stellt: „Ist deine Frau verschleiert? Warum entschließt du dich nicht dazu, wie die Europäer zu leben? Warum nimmst du nicht mal deine Frau ins Kino, zum Fussballspiel, ins Cafe?“ Die europäischen Unternehmer begnügen sich nicht mit Fragen oder einer gelegentlichen Einladung. … Bei Gelegenheit eines Festes … lädt der Chef den algerischen Angestellten und seine Frau ein. … „Da der Betrieb eine große Familie ist, sähe es schlecht aus, wenn einige ohne ihre Frauen kämen, Sie verstehen, nicht wahr?“ Angesichts dieser Nötigung muß sich der Algerier entscheiden. Mit seiner Frau zu kommen heißt, sich geschlagen zu geben,“ seine Frau zu prostituieren“, sie zur Schau zu stellen, eine Form des Widerstandes aufzugeben.“ … „Da Sie sie nun einmal sehen wollen, hier ist sie“, kurz: die Analyse des sadistischen und perversen Charakters der Beziehungen und Bindungen würde die Tragödie des kolonialen Daseins enthüllen, würde zeigen, wie die zwei Systeme einander gegenüberstehen: die kolonisierte Gesellschaft mit ihren spezifischen Lebensformen und das kolonialistische Ungeheuer. …Am algerischen Intellektuellen entzündet sich die Aggressivität in ihrer ganzen Schärfe. … Mit einem Wort: man wirft dem Intellektuellen vor, die westlichen Gewohnheiten, die er sich angeeignet hat, einzugrenzen, seine Rolle bei der Umwälzung der kolonisierten Gesellschaft nicht wahrzunehmen und seine Frau von den Vorzügen eines würdigeren Lebens fernzuhalten. …

Der Wille zur Absonderung … wird gleichgesetzt mit religiösen, fanatischen Verhaltensweisen. …

Die Zeichen des beim Kolonisierten zu beobachtenden Widerstandes müssen in Zusammenhang gebracht werden mit seiner Weigerung, sich zu assimilieren, und seinem Vorsatz, die eigenen – nationalen, kulturellen – Zielvorstellungen aufrecht zu erhalten.

Als die Besatzungsmacht das Hauptaugenmerk ihrer psychologischen Aktion auf die Algerierinnen richtete, konnte sie natürlich ein paar unmittelbare Erfolge verzeichnen. Hier und dort komme es vor, daß man eine Algerierin „rettet“. Diese Musterfrauen laufen nun mit nacktem Gesicht und freiem Körper als Münzgeld in der europäischen Gesellschaft Algeriens um. Die Bekehrten steigen in der Achtung der europäischen Gesellschaft. Man beneidet sie; sie werden dem Wohlwollen der Behörden empfohlen. Die Vertreter der Besatzungsmacht fühlen sich nach jedem derartigen Erfolg in ihrer Auffassung bestärkt, daß die Algerierin die Einbruchstelle für die westliche Lebensform in die einheimische Gesellschaft bildet. Jeder abgelegte Schleier eröffnet den Kolonialisten bislang verschlossene Horizonte und zeigt ihnen Stück für Stück das entblößte algerische Fleisch. Die Aggressivität des Okkupanten und seine Hoffnung verzehnfachen sich mit jedem freigelegten Gesicht. Jede neuentschleierte Algerierin kündet den Okkupanten von einer algerischen Gesellschaft, deren Verteidigungssystem in der Auflösung begriffen und durchbrochen sind. Jeder abgelegte Schleier, jeder Körper, der sich von der traditionellen Fessel des Haik befreit, jedes Gesicht, das sich dem frechen und ungeduldigen Blick des Okkupanten darbietet, drückt auf negative Weise aus, daß Algerien beginnt, sich zu verleugnen, und daß es die Vergewaltigung durch den Kolonisator hinnimmt. …

Die Algerier, sagte er, laden die Schuld auf sich, Schönheit zu verstecken. Wenn in einem Volk, meinte der Rechtsanwalt, Schönheit verborgen ist, so sei es verpflichtet, sie sehen zu lassen, sie vorzuzeigen. Äußerstenfalls, fügte er hinzu, müßte man es dazu zwingen. …

Aber zugleich kristallisiert sich im Europäer die Aggressivität, wächst die Spannung der Gewalttätigkeit gegenüber den Algerierinnen.

Diese Frau zu entschleiern heißt, die Schönheit offenkundig werden zu lassen, heißt, ihr Geheimnis zu entblößen, ihren Widerstand zu brechen, sie dem Abenteuer preiszugeben. In sehr verwickelter Weise erlebt der Europäer seine Beziehungen zur Algerierin, seinen Willen, sie sich gefügig, sie zu einem Objekt seines Besitzwillens zu machen.

Eine Frau die sieht, ohne selbst gesehen zu werden, erzeugt im Kolonisator ein Gefühl der Ohnmacht. Es gibt keine Wechselbeziehung. Sie gibt sich nicht hin, verschenkt sich nicht, bietet sich nicht dar. … Der der Algerierin gegenübertretende Europäer dagegen will sehen. Er reagiert aggressiv vor dieser Einschränkung seiner Wahrnehmung.“

[Fanon, Frantz: Aspekte der Algerischen Revolution, 1969 S. 19 – 28.]

Als Muslime müssen wir die Strategien und Taktiken der „Westler“ und ihrer „modernistischen Knechte“ verstehen und entlarven. Ihre Politik zielt auf die Vernichtung und Aushöhlung des Islam.

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3 Antworten auf “Kopftuch, Schleier und Niqab”

  1. Feminismus ist vom Shaytan

    Ich wollte nur daran erinnern – da es ja mit dem Thema Kopftuch- bzw. Verschleierungsverbot zu tun – ,dass Josef Stalin der Erste gewesen ist, der das Kopftuchverbotein geführt bzw. dieses erfunden hat. Alle Feinde Allahs – ob Liberale, Kommunistenschweine, Kreuzzügler oder Feministinnen – versuchen und versuchten seit jeher die Verschleierung zu kriminalisieren.
    Wie dem auch sei – in diesem Zusammenhang muss als langfristige Lösung die Hijra angesehen werden! Alle islamischen Länder – auch jene mit säkularen Staaten – sind für die Sitten und Moral der Muslime besser als Kuffar-Länder.
    Von daher bin ich über das „Islamophobie“ genannte Phänomen im Westen mehr als freudig erregt und hoffe auf einen noch schärferen Rechtsruck, damit die Muslime langfristig wieder dahin verschwinden, wo sie hingehören.
    Ich denke im Übrigen nicht, dass es hilfreich ist, sich auf einen Funktionären der im Grunde linken, säkularen FNL zu beziehen.

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    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      Ich sehe darin kein Problem. Schliesslich trifft seine Analyse zu.

  2. Feminismus ist vom Shaytan

    Man hätte vielleicht erwähnen sollen, dass man ansonsten nicht mit der Ideologie der FLN konform geht.
    Wie dem auch sei, es kann nicht den geringsten Zweifel daran geben, dass die Muslime langfristig aus den westlichen Ländern verschwinden müssen.
    Dann müssen man sich bspw. nicht mit Themen, wie denen aus dem Artikel, auseinandersetzen und kann sich auf Dawah konzentrieren.

    http://m.youtube.com/watch?v=TZW4aLyOYZA

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