Rezension: Atatürk – Visionär einer modernen Türkei

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Atatürk: Visionär einer modernen Türkei

von M. Sükrü Hanioglu (Autor), Tobias Gabel (Übersetzer)

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

Verlag: Theiss, Konrad (1. September 2015)

Sprache: Deutsch

ISBN-13: 978-3806231113

 

 

Mit seiner wissenschaftlichen Untersuchung zu den ideologischen Grundlagen, die das Denken, die Geisteshaltung und Ideen von Mustafa Kemal geprägt haben ist Prof. Hanioglu ein wichtiges Buch gelungen das die Wissenschaft auf Jahrzehnte prägen kann.

Das Buch beansprucht keinesfalls eine Biographie darzustellen. Vielmehr soll die historische Person in die geistesgeschichtliche Entwicklung eingebettet werden.

Das Buch beginnt mit der Darstellung von „Saloniki“ und der Umgebung dieser kosmopolitischen Stadt in der Mustafa Kemal geboren wurde und zugleich die Geburtsstadt unterschiedlicher Nationalismen des Balkan ihren Anfang nahmen.

Mustafa Kemals militärische Laufbahn begann in einer reform-orientierten Zeit. Deutsche Militärberater prägten die Modernisierung der osmanischen Armee. Ein wichtiges Buch, dass die neuen und modern ausgebildeten Offiziere des Reichs beeinflusste schrieb Colmar von der Goltz. Sein Werk „Das Volk in Waffen“ prägte den Kemalismus entscheidend und begründete die Machtstellung des türkischen Militärs in der Republik (Ausdruck dessen sind z.B. die Militärputsche). Während Mustafa Kemal die Rolle des Militärs begrenzte versuchten seine Jünger seine Aussagen und Taten zu einem ideologischen Gerüst zu formen und als Hüter der Republik die Ideologie des Kemalismus und seine Reformen zu schützen.

Ein weiteres wichtiges Element in seiner ideologischen Ausrichtung spielte der deutsche „Vulgärmaterialismus“. Diese anti-religiöse und extrem säkulare Ideologie sollte eine der „ideologischen Stützpfeiler des modernen türkischen Nationalstaats bilden“ (S. 68). Desweiteren spielten Bücher französischer Intellektueller wie Gustave Le Bon und Orientalisten wie Leone Caetanis eine wichtige Rolle in seinem Verständnis von Gesellschaft und Islam.

Hanioglu fährt damit fort die Offizierslaufbahn bis zum Ende des „türkischen Unabhängigkeitskriegs“ aufzuzeigen. Er beschreibt die manipulative Rhetorik Mustafa Kemals während des „Unabhängigkeitskriegs“ durch islamische und kommunistische Begrifflichkeiten. Den Islam instrumentalisierte er vorallem nach innen, da die Bevölkerung traditionell religiös war und unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen angehörte. Nach außen half die Rhetorik bei der Unterstützung durch die indische Khilafat-Bewegung, primär durch finanzielle Mittel. Genauso wie er den Islam instrumentalisierte wenn es von Nöten war bediente er sich einer sozialistischen Rhetorik um sich die Unterstützung der Bolschewiki zu versichern.

In den letzten Kapiteln beschreibt der Autor die Gründung der säkularen Republik und seinen ideologischen Rahmen. Er beschreibt seine Politik der Vernichtung des Islam und seiner Symbolik, die Implementierung eines republikanisch-nationalistischen Kults als Ersatz-Religion und die radikale Politik der Verwestlichung.

 

 

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3 Antworten auf “Rezension: Atatürk – Visionär einer modernen Türkei”

  1. Shuayb Ibn Mustafa

    Bismillah;

    Ah ja; die alte Thematik mit Mustafa Kemal, welcher übrigens nach seinem Sinne ein Gesetz erließ, um sich am Namenszusatz „Atatürk“ zu erfreuen. Die damals (seinerseits) eingeführte Verfassung ist heute noch in seiner vollen Absurdität dem türkischen Staate erhalten geblieben; Islamfeindlichkeit und Nationalismus bilden übrigens die Kernbestandteile jener Gesetze. Und dennoch hat der Satz „Eger Atatürk olmasaydi biz olmazdik“ („wenn es Atatürk nicht gebe, dann würde es uns nicht geben“) eine große Verbreitung gefunden; zu einer jährlichen Schweigeminute fühlen sich auch heute noch viele „verpflichtet“ (oder „angezogen“).

    Und was lernt man daraus? Der türkische Staat ist von einer islamischen Regierung weit entfernt. Wer Gegenteiliges behauptet, hat keinerlei Ahnung von der Essenz der Wahrheit. Jedoch scheint es (in Deutschland) sogar bei einigen türkischen Gruppierungen angekommen zu sein, dass Mustafa Kemal keinen islamkonformen Staat gegründet hatte; da bin ich etwas überrascht gewesen.

    Wer etwas mehr lesen will: http://islamische-g.blogspot.com/2015/10/die-turkischen-soldaten-im-krieg_31.html

    Hat der Blogautor wirklich die hier aufgeführten Bücher einer Analyse unterzogen, sodass er eine uneingeschränkte Empfehlung aussprechen kann? Ich kenne viele deutsche Werke, die dann doch an einigen Stellen erhebliche Mängel zum Vorschein bringen.

    PS: Mein Beitrag ist keine allgemeine Kritik an jeden einzelnen Türken; ich komme selbst aus der Türkei und bin sogar selbst dort geboren.

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    • Mohammed Isa

      Mohammed Isa

      Für denjenigen der sich an der ideengeschichtlichen Entwicklung seines ideologischen Umfelds interessiert und der geisteswissenschaftlichen Schriften die ihn beeinflussten ist das Buch zu empfehlen. Jemand der eine Biographie lesen will sollte lieber „Klaus Kreiser: Atatürk. Eine Biographie“ lesen.

    • Bewahrlun

      Ich habe mit Nurcis und Gülencis geredet und es scheint zumindest bei den Nurcis so zu sein, dass die Atatürk hassen, können das aber aus bekannten Gründen nicht sagen.

      Und den Nurcis gehören sehr, sehr viele Türken an. Ich nehme an, dass die Gülencis ähnlich denken.

      Ebenso weite Teile der islamischen Türken, die sich mit ihrer Religion beschäftigen.

      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass im Grunde ausschließlich Säkularisten und Unkundige Atatürk gut finden.

      Gehirnwäsche und jahrzehntelang Umerziehung an säkularen Schulen haben den Rest erledigt.

      Aber ich kann bestätigten: Jede Türke, der seine Religion ernst nimmt, hasst Atatürk.

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